Mutmaßlicher Ehrenmord Letzte Ausflucht Religion

Grausame Bluttat in Bayern: Ein 27-jähriger Afghane hat seine frühere Partnerin erstochen, weil sie mit einem anderen Mann zusammengewesen sein soll. Der Koran erlaube ihm dies, so der geständige Täter.

Von , München


München - "Es war ein Ehrenmord, dabei bleiben wir", sagt Polizeisprecher Andreas Ruch SPIEGEL ONLINE. Die Aussage des Täters sei eindeutig. Der 27-jährige Mohammed Zafar R. ging in der Nacht zum Montag mit einem Messer auf seine frühere Partnerin los. Mehrere Male stieß R. der 24-Jährigen die Waffe in die Brust, traf das Herz. Nesima R. starb wenig später im Krankenhaus.

Streifenwagen in München: Mit dem Messer auf die Frau losgegangen
DPA

Streifenwagen in München: Mit dem Messer auf die Frau losgegangen

Der schon kurz darauf gefasste Mohammed Zafar R. habe die Tat vollständig eingeräumt, so die Polizei. Dabei habe er sich auf den Koran bezogen und damit den Mord zu rechtfertigen versucht: "Der Koran erlaubt mir, meine Frau zu töten, wenn sie einen anderen liebt", zitiert ihn die "Bild"-Zeitung.

Die Polizei geht davon aus, dass Nesima R. mit dem Täter zwangsverheiratet war, die beiden gebürtigen Afghanen haben eine dreijährige Tochter. Die Frau hatte in einem anderen Fall bestritten, mit dem 27-Jährigen verheiratet zu sein.

Der arbeitslose Lackierer R. kam erst im vergangenen Jahr nach Deutschland, Nesima lebte bereits hier - und soll eine Beziehung zu einem Cousin unterhalten haben. Mohammed Zafar R. forderte sie daraufhin auf, zu ihm zurückzukehren. Vergebens.

Dann die Bluttat im Münchner Stadtteil Sendling. Nesima R. war gerade in der Wohnung ihrer Nichte, kurz vor Mitternacht stand R. vor der Tür. Im Hausflur attackierte er Nesima mit dem Messer. Tochter und Nichte sollen die Tat mitangesehen haben.

Nicht der erste Ehrenmord in München

Es wäre nicht der Ehrenmord in der bayerischen Hauptstadt: Im Oktober 2006 attackierte ein Iraker seine damals ebenfalls 24-jährige, geschiedene Frau erst mit dem Messer, übergoss sie dann mit Benzin und ließ sie dann bei lebendigem Leib verbrennen. Das sechsjährige Kind der beiden musste zuschauen. Der Täter später im Gerichtssaal: "Für mich war das richtig, Sie können es so verstehen, wie Sie wollen. Ich bin sehr froh, dass ich die Tat begangen habe."

Der Koran als Rechtfertigung für Ehrenmorde? Experten weisen das natürlich zurück. "Im Koran wird nicht die Todesstrafe, sondern es werden hundert Peitschenhiebe für den Ehebruch gefordert. Allerdings hat darüber nach der Vorstellung muslimischer Rechtsgelehrter ein Gericht zu entscheiden und nicht der Ehemann oder ein Verwandter", erklärt Johanna Pink, Islamwissenschaftlerin an der Freien Universität Berlin.

Religiöse Begründungen für solche Morde spiegelten "oft weniger islamische Normen als kulturell verwurzelte Moralvorstellungen wider", so Pink gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zu bedenken seien auch tiefsitzende Vorstellungen von Männlichkeit und Ehre.

Auch der Leiter der afghanisch-muslimischen Gemeinde in München-Sendling, Imam Sidigullah Fadai, zeigte sich schockiert von der Bluttat und deren Begründung. "Es gibt im Koran keine Stelle, die Gewalt gegen Frauen rechtfertigt." Immer wieder werde die Religion in Familiendramen instrumentalisiert, so Fadai im "Münchner Merkur": "Wenn Probleme anders nicht zu lösen sind, wird der Islam vorgeschoben." Doch der Islam erlaube die Scheidung von Mann und Frau, wenn deren Gemeinschaft nicht funktioniere.

mit Material von dpa



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