Mutmaßlicher KZ-Wächter Demjanjuk "Dann haben die Deutschen ihn am Hals"

Er ist 88 Jahre alt und, wie seine Familie behauptet, schwer krank - der mutmaßliche KZ-Aufseher John Demjanjuk wird dennoch am Sonntag nach Deutschland ausgeliefert. In München soll ihm der Prozess gemacht werden. Sein Sohn ist überzeugt, dass es dazu nicht kommt.


Washington - John Junior Demjanjuk hat alles versucht: Noch gestern Mittag brachte der Sohn des mutmaßlichen KZ-Wächters John Demjanjuk persönlich ein Gnadengesuch seines Vaters ins Büro der für die Abschiebung zuständigen Einwanderungs- und Zollbehörde.

Der 88-Jährige bat darin die USA um eine Aussetzung der Abschiebung nach Deutschland. "Ich bin kein Sicherheitsrisiko", schrieb Demjanjuk in seinem Appell. "Ich mache diesen Antrag aus dringenden humanitären Gründen".

Demjanjuks Gesundheitszustand sei so schlecht, dass die Auslieferung an Deutschland, wo sich der Greis vor Gericht verantworten soll, ein "unmenschlicher Akt" sei, argumentierte sein amerikanischer Anwalt John Broadley und berief sich ausgerechnet auf die Konvention gegen Folter.

Doch dem Appell wurde kein Gehör geschenkt: Demjanjuks Überstellung nach München steht unmittelbar bevor. Er soll am Sonntag aus den USA abfliegen, am Montagmorgen in Deutschland eintreffen. Das bestätigte Demjanjuks deutscher Anwalt Günther Maull dem SPIEGEL.

Die Münchner Staatsanwaltschaft hatte vor gut drei Wochen einen Haftbefehl für Demjanjuk ausgestellt und so den Weg für seine Auslieferung geebnet. Sie wirft ihm Beihilfe zum Mord an mindestens 29.000 Häftlingen vor, die im Lager Sobibór in Polen getötet wurden, während Demjanjuk dort Wachmann gewesen sei.

Die USA hatten ihm deshalb schon vor Jahren die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt, diese Maßnahme wurde im vergangenen Mai in letzter Instanz bestätigt. Demjanjuk hat die Vorwürfe stets bestritten: Er habe niemals für die Deutschen als Aufseher in einem Vernichtungslager gearbeitet.

Demjanjuks Familie und seine Anwälte setzten lange darauf, sein schlechter Gesundheitszustand könnte den Greis vor der Überstellung nach Deutschland schützen. Ärztliche Berichte, die dem SPIEGEL vorliegen, bestätigen, dass Demjanjuk an einer seltenen Vorform von Blutkrebs leidet, an der vor allem alte Männer erkranken. Außerdem attestieren ihm seine Ärzte ein chronisches Nierenleiden und Nierensteine. Nach Angaben seines Sohnes könne er aufgrund von Rheuma nicht mehr ohne Hilfe von einem Stuhl aufstehen und nur kurze Strecken gehen.

Bereits vor zwei Wochen hatte die Familie angeboten, Demjanjuk in Cleveland amtsärztlich untersuchen zu lassen. Sein deutscher Verteidiger hatte beantragt, ihn in Amerika von einem bayerischen Amtsarzt auf seine Prozessfähigkeit examinieren zu lassen. "Denn sonst überlebt mein Vater vielleicht den Flug, aber wenn man dann in Deutschland feststellt, dass er zu krank ist, um einen Prozess durchzustehen, dann haben die Deutschen ihn am Hals und können ihn nicht wieder zurückschicken", argumentierte John Jr. Bislang ist der staatenlose Demjanjuk nach Angaben der Familie noch gar nicht untersucht worden.

Die Nazi-Jäger-Einheit des US-Justizministeriums hatte die Aberkennung von Demjanjuks Staatsbürgerschaft konsequent betrieben und damit stets den politischen Willen signalisiert, Demjanjuk abzuschieben.

Auch die Formalien sind bereits geklärt: Die USA haben sich bereit erklärt, ein Identitätspapier für Demjanjuk auszustellen und ihn auf dem Flug durch einen Arzt und einen Einwanderungsbeamten begleiten zu lassen.

Die meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher
Alois Brunner
Die Nazi-Karriere von Alois Brunner (Jahrgang 1912) beginnt 1931: Wenig später lernt er Adolf Eichmann kennen, der ihn bald darauf zu sich in die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" nach Wien holt. Ab 1939 ist es seine Aufgabe, die Stadt "judenfrei" zu machen. Innerhalb von drei Jahren lässt er 180.000 Menschen deportieren und ins Gas schicken. Vom Wiesenthal-Zentrum wird er als schlimmster der Nazi-Verbrecher geführt. Ob Brunner, der lange in Damaskus untergetaucht war, heute noch lebt, ist unklar. Immer wieder melden sich Touristen, die ihn gesehen haben wollen. "Solange wir nicht den gegenteiligen Beweis haben, gehen wir davon aus, dass er noch lebt", sagt Efraim Zuroff, der Direktor des Wiesenthal-Zentrums.
Aribert Heim
DPA
Aribert Heim , 1914 in Bad Radkershof in Österreich geboren (undatierte Aufnahme), wird vorgeworfen, als Arzt im KZ Mauthausen Tausende Häftlinge ermordet zu haben. Aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden wird der als "Dr. Tod" berüchtigte Mediziner seit 45 Jahren international gesucht. Einer Recherche von "New York Times" und ZDF zufolge soll Heim jedoch schon lange tot sein: Der frühere KZ-Arzt sei bereits am 10. August 1992 in Kairo an Krebs gestorben. Die Zielfahnder des baden-württembergischen Landeskriminalamts haben dafür aber keine Belege und suchen weiter.
Sandor Kepiro
Sandor Kepiro war Gendarmerist der ungarischen Gendarmerie und laut Wiesenthal-Zentrum aktiv am Massenmord an Zivilisten vom 23. Januar 1942 in Novi Sad beteiligt. Mindestens 1300 Menschen starben an diesem Tag. Kepiro wurde noch während des Krieges in Ungarn für dieses Verbrechen verurteilt, aber kurz nach dem Prozess besetzten die Nazis Ungarn und ließen ihn wieder frei.
Søren Kam
DPA
Der Däne Søren Kam , 1921 in Kopenhagen geboren (Bild von 1945), gehörte dänischen SS-Einheiten an. Gemeinsam mit Helfern soll er 1943 einen dänischen Journalisten ermordet haben und die Deportation der jüdischen Gemeinde in Dänemark in deutsche Konzentrationslager ermöglicht haben. Kam lebt heute in Bayern. Deutschland lehnte die Auslieferung an Dänemark in der Vergangenheit mehrfach ab.
Károly (Charles) Zentai
Der Ungar Károly Zentai floh nach dem Krieg nach Australien. Er soll im November 1944 als Soldat den 18-jährigen ungarischen Juden Péter Balázs gequält, ermordet und seine Leiche in der Donau versenkt haben. Ungarn hat 2005 von Australien die Auslieferung Zentais verlangt, gegen die Zentai jedoch Widerspruch eingelegt hat.
Michail Gorschkow
Der aus Estland stammende Michail Gorschkow soll an der Ermordung von Juden in Weißrussland beteiligt gewesen sein. Die USA haben ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, in Estland wird gegen ihn ermittelt.
Algimantas Dailide
Algimantas Dailide soll Juden festgenommen haben, die anschließend von Nazis und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Er wurde von den USA ausgeliefert und in Litauen verurteilt, musste die Haft aber wegen seines Gesundheitszustands nicht antreten. Er lebt in Deutschland.
Klaas Carl Faber
Klaas Carl Faber In den Niederlanden wurde er für den Tod von Gefangenen 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1948 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. 1952 flüchtete er aus dem Gefängnis. und lebt seit Jahrzehnten in Ingolstadt.
Milivoj Asner
Der ehemalige Polizeichef in Kroatien, Milivoj Asner , soll aktiv an der Verfolgung und Deportation von Serben, Juden sowie Sinti und Roma beteiligt gewesen sein.

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