Mutmaßlicher KZ-Wärter Streit über SS-Ausweis von Iwan Demjanjuk

Der mutmaßliche KZ-Wächter Iwan Demjanjuk soll am Mord von 29.000 Menschen beteiligt gewesen sein, die Staatsanwaltschaft München will ihn bald anklagen. Doch ehemalige BKA-Beamte zweifeln an der Echtheit seines SS-Dienstausweises - und der gilt als zentrales Beweisstück.

Von Georg Bönisch, und


Hamburg - In Wiesbaden traf am Donnerstag der Chef des Bundeskriminalamtes Jörg Ziercke mit der Leitung der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" zusammen, um über den Dienstausweis des mutmaßlichen SS-Gehilfen Iwan "John" Demjanjuk zu beraten.

Iwan "John" Demjanjuk: BKA-Beamte zweifeln an der Echtheit seines SS-Dienstausweises
AFP

Iwan "John" Demjanjuk: BKA-Beamte zweifeln an der Echtheit seines SS-Dienstausweises

Dem in Cleveland lebenden gebürtigen Ukrainer wird vorgeworfen, als Aufseher in dem Vernichtungslager Sobibor Beihilfe zum Mord in mindestens 29.000 Fällen geleistet zu haben. Nach ausführlichen Vorermittlungen der Zentralen Stelle in Ludwigsburg prüft zurzeit die Staatsanwaltschaft München, ob sie Anklage erhebt. Die US-Behörden haben signalisiert, dass sie Demjanjuk sofort ausliefern würden (SPIEGEL 47/2008).

Demjanjuk musste sich bereits in Israel vor Gericht verantworten, wurde dort aber 1993 freigesprochen, weil man ihm nicht nachweisen konnte, dass er als "Iwan der Schreckliche" im Vernichtungslager Treblinka gewütet hatte. Inzwischen häufen sich Hinweise, dass er stattdessen Wärter in einem anderen Vernichtungslager war – in Sobibor.

Als zentrales Beweisstück betrachten die Vorermittler in Ludwigsburg den "SS-Dienstausweis Nr. 1393", in dem Demjanjuks Abkommandierung nach Sobibor eingetragen ist. Der Ausweis stammt aus sowjetischen Beständen; er war der Roten Armee 1944 in die Hände gefallen.

Da Demjanjuk stets bestritt, dass es sich um seinen Ausweis handelt, hatten schon israelische Ermittler die Echtheit des Dokuments überprüfen wollen und es daher 1987 Experten des Bundeskriminalamtes vorgelegt. Dessen Kriminaltechniker entdeckten "eine Reihe von Auffälligkeiten, die nicht unbedingt für die Echtheit des Dokuments sprechen". So fehle das Ausstellungsdatum, und es seien ungewöhnliche Druck- und Stempelschriften verwendet worden.

Zu einer gründlichen Analyse und einem offiziellen Gutachten kam es dann allerdings nicht, weil die Israelis erklärten, sie würden weitere Untersuchungen selber durchführen, was im BKA den Verdacht nährte, fachliche Bedenken sollten "den politischen Aspekten untergeordnet werden". Anlässlich der aktuellen Berichterstattung über einen möglicherweise anstehenden Demjanjuk-Prozess haben sich nun ehemalige BKA-Mitarbeiter mit ihren damaligen Bedenken wieder zu Wort gemeldet.

Bei dem Treffen am Donnerstag machte sich das BKA die frühere Position des Amtes nicht zu eigen. Gegenüber dem SPIEGEL wollte sich das BKA mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht äußern. Die damals gefertigte Notiz, in der die Bedenken aufgeführt sind, soll nun nach München gehen.

Gutachter in Israel und den USA, die nach dem BKA den Ausweis in Augenschein nahmen, kamen unabhängig voneinander zu dem Schluss, das Dokument sei authentisch. "Der Ausweis ist vielleicht das am meisten überprüfte Dokumente in der Geschichte der Strafverfolgung", sagt heute Eli Rosenbaum, Chef der US-Sondermittlungsbehörde für NS-Verbrechen, in einem aktuellen SPIEGEL-Interview, "er ist mit Sicherheit echt." Selbst der amerikanische Verteidiger Demjanjuks behaupte nicht mehr, dass der Ausweis eine Fälschung sei.

Die Staatsanwaltschaft München muss nun entscheiden, ob sie sich dieser Haltung anschließt.



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