Mutmaßlicher Terrorhelfer Carsten S. Der lange Schatten der braunen Vergangenheit

Er engagierte sich in der Aidshilfe für Homosexuelle und schien mit seiner Neonazi-Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Nun hat die GSG 9 den Düsseldorfer Sozialarbeiter Carsten S. festgenommen. Er soll dem Zwickauer Terrortrio vor zehn Jahren eine Waffe beschafft haben.
Mutmaßlicher Terrorhelfer Carsten S.: Der lange Schatten der braunen Vergangenheit

Mutmaßlicher Terrorhelfer Carsten S.: Der lange Schatten der braunen Vergangenheit

Foto: dapd

Düsseldorf - Auf einer Internetseite, die den Untertitel "Lebe offen anders" trägt, stellt sich der mutmaßliche Terrorhelfer Carsten S. vor. Er höre neben der Arbeit gerne Musik und treffe Freunde, liebe die Serien "Six feet under" und "die Simpsons", sei noch nie Bungee gesprungen, dafür aber einmal Kfz-Lackierer gewesen. Was der Sozialarbeiter in seinem Kurzporträt lieber unerwähnt lässt: Er war einst eine große Nummer in der thüringischen Neonazi-Szene.

Die Markenstraße im Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk ist eine Gegend, in der es sich gut leben lässt. Es gibt schmucke Altbauten, eine Trinkhalle und das nächste italienische Lokal liegt gleich um die Ecke. In diese Großstadtgemütlichkeit jedoch platzte am frühen Mittwochmorgen die Eliteeinheit GSG 9, die bei Zugriffen in Terrorverfahren routinemäßig eingesetzt wird.

Die Beamten in den schwarzen Einsatzoveralls rammten eine Tür im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses auf, stürmten in die Wohnung und nahmen S. fest. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 31-Jährigen vor, die rechtsradikale Zwickauer Terrorzelle unterstützt zu haben. Er soll an diesem Mittwoch dem Ermittlungsrichter in Karlsruhe vorgeführt werden.

Konkret wird Carsten S. verdächtigt, 2001 oder 2002 gemeinsam mit dem ebenfalls inhaftierten Ralf Wohlleben eine Waffe und Munition in Jena gekauft zu haben. Die Pistole soll über einen Mittelsmann zu Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe gebracht worden sein. Die Ermittler werfen S. Beihilfe zu sechs vollendeten Morden und einem versuchten Mord vor.

Kein Kommentar

Der Kölner Verteidiger des Beschuldigten wollte nach Auskunft seiner Kanzlei am Mittwoch zunächst keinen Kommentar zu den Vorwürfen abgeben. Vor 14 Tagen hatte Carsten S. noch persönlich auf SPIEGEL-Anfrage jegliche Stellungnahme zu seiner Vergangenheit verweigert.

In der vergangenen Woche wandte sich dann sein Anwalt an die Presse. S. sei im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen, hieß es in einer Erklärung. Seitdem habe er sich "davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut". Auch habe Carsten S. nach 2000 keinen Kontakt mehr zum Nazimilieu gehabt.

Wie nach SPIEGEL-Informationen aus einem Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz hervorgeht, war der aus Jena stammende S. Ende der neunziger Jahre ein strammer Aktivist im rechtsextremistischen "Thüringer Heimatschutz" und zeitweilig einer der wichtigsten Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Der Inlandsgeheimdienst stufte ihn als "maßgebliche Kontaktperson" des bereits im Untergrund lebenden Trios ein.

Unterschlupf gesucht

Demnach soll Carsten S. im April 1999 nicht nur Spendengelder für die Flüchtigen auf ein Konto in Sachsen transferiert, sondern wenig später auch einen Unterschlupf für Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gesucht haben. Im Januar 2000 geriet S. dem Dossier zufolge mit dem Rechtsextremisten Wohlleben aneinander, weil dieser ihm vorwarf, in der Szene mit seinen Kontakten zum Neonazi-Trio zu prahlen. Die letzte Unterstützungshandlung datiert der Verfassungsschutz auf April 2000. Carsten S. soll damals versucht haben, ein Mobiltelefon an die Eltern eines der Abgetauchten übergeben zu lassen.

"Carsten war der ideale Mann, um Befehle auszuführen", sagen ehemalige Kameraden des "Thüringer Heimatschutzes" heute über ihn. Damit habe S. auch als Spitzenkader der "Jungen Nationaldemokraten", dem Jugendverband der NPD, geglänzt. Er sei " absolut zuverlässig, regelrecht pflichtbesessen" gewesen, einer, der "alles ausgeführt" habe, was man ihm aufgetragen habe. Strafrechtlich sei er nie in Erscheinung getreten.

Dem Geheimdienstpapier zufolge deutete sich jedoch Ende 2000 an, dass Carsten S. aus der Szene aussteigen wollte. Offenbar verloren ihn die Beamten dann zeitweise aus den Augen. Nach Auffassung des Generalbundesanwalts soll S. allerdings genau in dieser Zeit eine Waffe für das Terrortrio beschafft haben. Später stellte das nordrhein-westfälische Landesamt für Verfassungsschutz fest, dass S. im August 2003 in ein Studentenwohnheim in Hürth bei Köln gezogen war. Drei Monate später verlegte er seinen Wohnsitz nach Düsseldorf.

Engagiert als Schwulen-Referent

Carsten S. studierte sodann wohl an der Fachhochschule Düsseldorf und engagierte sich dort auch als Schwulen-Referent. Im Juni 2004 monierte eine autonome Zeitung, dass S. die Wählerschaft im Unklaren über seine politische Vergangenheit gelassen hatte und outete ihn damit als ehemaligen Extremisten. Etwa im Jahr 2005, genau konnten sich seine Kollegen auf Anhieb nicht erinnern, nahm S. eine Teilzeitstelle bei der Düsseldorfer Aidshilfe an.

S. sei "überhaupt nicht" durch extreme politische Ansichten aufgefallen, sagt eine Angestellte des Vereins. Carsten sei "sehr nett und hilfsbereit" und arbeite in der "Schwulenprävention". "Das liegt nicht unbedingt auf der Hand, wenn man an Nazis denkt." Sie alle seien von der Nachricht überrascht worden, dass S. nun festgenommen wurde.

Der NSU soll für die Morde an neun Kleinunternehmern türkischer und griechischer Herkunft sowie an einer Polizistin in Heilbronn 2007 verantwortlich sein. Auch zwei Bombenattentate in Köln 2001 und 2007 und mehrere Banküberfälle gehen wohl auf das Konto der Gruppe. Die mutmaßlichen Terroristen Böhnhardt und Mundlos hatten sich Anfang November selbst getötet. Die einzige Überlebende des Trios, die 37-jährige Beate Zschäpe, sitzt in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf. Außerdem befinden sich neben Carsten S. vier weitere mutmaßliche Unterstützer des Trios in Untersuchungshaft.

Carsten S. ist ein hochgewachsener, schlanker Mann mit schwarzen, sehr kurz geschnittenen Haaren. Auf den Bildern, die im Netz von ihm kursieren, schaut er zumeist freundlich in die Kamera. "Der hat sicher nicht damit gerechnet", sagt ein Szene-Aussteiger, "dass ihn die Vergangenheit noch einmal einholt." Und er fügt hinzu: "Mit solcher Gewalt."

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