Mutmaßlicher Zwickau-Komplize "Das hat uns alle umgehauen"

Ein Dorf in Niedersachsen ist erschüttert. Seit Jahren soll Holger G. unscheinbar in Lauenau gelebt haben - dabei könnte er zur Zwickauer Terrorzelle gehören. Die Nachbarn sind verstört, der Ort sucht nach Erklärungen. Eine Spurensuche.

Menschenleere Straße in Lauenau: Unscheinbarer Durchschnitt
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Menschenleere Straße in Lauenau: Unscheinbarer Durchschnitt

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Lauenau/Hamburg - Das Haus ist unscheinbar, roter Klinker, an der Garage lehnt ein Damenrad. Vielleicht herrscht im Vorgarten ein wenig zu viel Unordnung für die adrette Neubausiedlung. Der Rasen müsste gemäht werden, aber ansonsten: absoluter Durchschnitt. Doch das dörfliche Idyll täuscht. Hier am Rand von Lauenau in Niedersachsen soll Holger G., mutmaßlicher Komplize des Zwickauer Terroristen-Trios, seit Jahren gelebt haben.

Den Menschen in der Siedlung ist nicht nach Reden zumute. Mal mehr, mal weniger freundlich werden Fragen abgewiesen. Schwere Haustüren fallen ins Schloss. Die Bewohner des 4500-Einwohner-Örtchens knapp 30 Kilometer westlich von Hannover sind schockiert, viele haben erst aus den Nachrichten von der Festnahme erfahren. Am Sonntagmorgen hatten Fahnder den 37-Jährigen gestellt. Inzwischen hat sich der Tatverdacht erhärtet.

Nur widerwillig geben die Nachbarn Auskunft über den Alltag und die Gewohnheiten des mutmaßlichen Terror-Helfers. Doch aus den Versatzstücken ergibt sich ein Bild. Seit weniger als drei Jahren hat G. demnach in dem Örtchen gelebt. "Wir haben nicht so viel mit ihm zu tun gehabt", sagt eine Anwohnerin. Kam es doch einmal zum Kontakt, war dieser stets sehr freundlich, wie sie versichert. Oft sei G. mit einem Hund unterwegs gewesen, habe immer gegrüßt. Nichts habe man vermuten können, von einem möglichen Doppelleben. Bis zu diesem Sonntag war er ein ganz normaler Mann, dünn, groß, blond in einem ganz normalen Haus in einem ganz normalen Dorf. Und überhaupt: bewiesen sei ja noch lange nichts. Dann geht auch diese Haustür zu.

Nachbar beobachtet eine Kolonne von zivilen Polizeiwagen

Was genau am Vormittag geschah, lässt sich nur lückenhaft rekonstruieren. Die Ermittler schweigen zu den Details der Festnahme, in Lauenau brodelt seit dem Nachmittag die Gerüchteküche. Ein Mann, Mitte 30, wohnt in Sichtweite zur Einfahrt des Wohngebiets. Gegen halb zwölf sei plötzlich eine ganze Kolonne unscheinbarer Autos in die Straße eingebogen, berichtet er. Er habe sich noch über das Tempo der Fahrzeuge gewundert. Dass es sich um zivile Ermittler gehandelt haben muss, sei ihm aber erst klar geworden, als er die Nachrichten gesehen habe.

Wo genau die Fahnder ihre Zielperson letztlich gestellt haben, ist noch nicht bekannt. Es könnte an einer Tankstelle im Ort passiert sein. Dort soll sich Holger G. mit Gartenarbeiten etwas dazuverdient haben, wie die Kassiererin berichtet. Auch an diesem Morgen soll er da gewesen sein. Um kurz nach zehn Uhr seien dann mehrere Autos vorgefahren, Männer herausgesprungen - und G. zusammen mit einem Arbeitskollegen weggebracht worden. Dabei gewesen ist die junge Frau jedoch nicht. Sie beruft sich auf die Angaben ihres Kollegen, der nach einigen Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt wurde. Ob diese Variante der Festnahme stimmt, lässt sich vorerst nicht verifizieren. Die Ermittlungsbehörden halten alle Details unter Verschluss.

Sicher ist, dass der Fall die Menschen in Lauenau beschäftigt. In der örtlichen Eishalle gibt es an diesem Abend kaum ein anderes Thema. Günter Krzon ist im Ort geboren, aufgewachsen und tief verwurzelt. Zahlreiche Bücher über seine Heimat hat er schon herausgebracht, erzählt er stolz. Umso größer war der Schock, als Krzon von der Festnahme erfuhr: "Das hat uns alle umgehauen, damit hätte niemals jemand gerechnet." Mit Neonazis habe man eigentlich nie besondere Probleme in Lauenau gehabt. So etwas habe sich immer nur im nahen Bad Nenndorf abgespielt, wo es regelmäßig Aufmärsche gibt. Nun ist der braune Terror plötzlich ganz nah.

Am Montag soll Haftbefehl gegen Holger G. beantragt werden

Noch ist nicht einmal völlig klar, was G. eigentlich vorgeworfen wird. Der bisher kolportierte Anfangsverdacht hat es jedoch in sich. Die Bundesanwaltschaft geht derzeit davon aus, dass niemand so enge Kontakte mit den Rechts-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und ihrer Komplizin Beate Zschäpe pflegte, wie Holger G. Er kommt ebenfalls aus Jena, soll mit mindestens einem der rechtsextremen Straftäter aufgewachsen sein.

"Wir haben keine personenbezogenen Akten über ihn geführt. Wir haben seinen Namen aber im Keller in alten Papierakten über die rechtsextreme Szene gefunden", sagte der Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes Hans-Werner Wargel. Aufgefallen war er den Staatsschützern bei der Teilnahme an Neonazi-Demos 1999 in Braunschweig und 2003 in Bayern. Weil er als Randfigur eingeordnet worden sei, sei er nicht näher unter Beobachtung gewesen, sagte Wargel.

Schon seit Ende der 1990er Jahre stand G. den Ermittlern zufolge mit der Zwickauer Gruppe in Kontakt. Er sei dringend verdächtig, sich als Mitglied an der Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) beteiligt zu haben, teilte der Sprecher der Bundesanwaltschaft, Marcus Köhler, mit. "Er soll Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben", so Köhler weiter. Zudem soll er mehrfach Wohnmobile für die drei im Verborgenen agierenden Rechtsextremisten angemietet haben. Eines der Fahrzeuge soll bei dem Mordanschlag auf die Heilbronner Polizisten genutzt worden sein. Laut Köhler sei es zudem möglich, dass Holger G. an den Morden unmittelbar beteiligt war.

Die Bundesanwaltschaft werde G. am Montag dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorführen und Haftbefehl gegen ihn beantragen. Es wird sich zeigen, welche Rolle er bei den kaltblütigen Morden der Zwickauer Terror-Zelle spielte, ob es sich womöglich doch um ein Verbrecher-Quartett und nicht -Trio handelt.

Mit Material von dpa

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adam68161 13.11.2011
1. Leute! Leute!
worüber habt ihr eigentlich in diesem Artikel berichtet? Ausser darüber, dass jemand seinen Pass und Führerschein einem Kumpel gegeben hat?? Zugegeben, war Quatsch. Und ist bestenfalls eine Ordnungswidrigkeit, aber kein Verbrechen. Rechtfertigt noch lange nicht, Belanglosigkeiten von den Nachbarn als "breaking news" aufzumachen.. Das war - bisher - eine Schmierenkomödie!
harzvier 13.11.2011
2. gefährliche Provinz
Zitat von sysopEin Dorf in Niedersachsen ist erschüttert. Seit Jahren soll Holger G. unscheinbar in Lauenau gelebt haben - dabei könnte er zur Zwickauer Terror-Zelle gehören. Die Nachbarn sind verstört, der Ort sucht nach Erklärungen. Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797527,00.html
Tja, was soll da diskutiert werden, solange kaum Fakten bekannt sind.
menne 14.11.2011
3. Einer von Vielen.
Die zumindest als Unterstützer tätig waren,denn mir kann keiner erzählen, dass es nur die genannten braunen Killer waren, die das MORDEN durch ganz Deutschland ohne jegliche Unterstützung durchgezogen haben.
meykos 14.11.2011
4. Rechtes Auge linkes Auge
Ich sage ausdrücklich nicht, es gibt eine entsprechende Stimmung im gesamten Land oder etwa bei den Medien. Wie "lässig" jedoch mancherorts mit der Darstellung von "Rechts" und "Links" umgegangen wird, kann man hier sehr gut sehen: http://www.bildblog.de/31601/bis-sich-die-balken-strecken/
kosmohuman 14.11.2011
5. Alle sind erschüttert, sind umgehauen, schokiert
Zitat von sysopEin Dorf in Niedersachsen ist erschüttert. Seit Jahren soll Holger G. unscheinbar in Lauenau gelebt haben - dabei könnte er zur Zwickauer Terror-Zelle gehören. Die Nachbarn sind verstört, der Ort sucht nach Erklärungen. Eine Spurensuche. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,797527,00.html
und trotzdem können Rechtradikalen in Deutschland ungehindert über 10 Jharen unschuldige Menschen, die alle seit Jahren in Deutschland lebten und Kleinunternehmer waren, umbringen! Das hat vor allem damit zu tun, dass sich viele Deutschen nur, nur mit Kriminalität der Ausländer beschäftigen! Sie sind so von der Gefahr des ISLAMISMUS verblendet, dass sie gar nicht mehr sehen können, dass bis heutigen Tag nur einen gelungenen Anschlag von Menschen mit islamischen Hintergrund gab, mit 2 töten Amerikaner. Gleichzeitig gab es Tausende Anschläge von den deutschen rechten und linken Extremisten, mit über Hundert Töte!!!!!!
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