Mysteriöser Amoklauf Der Tag, an dem Victor ausrastete

Ein Amokläufer hat in den USA seinen Ex-Chefs in den Kopf geschossen und sich dann selbst gerichtet. Die Firmeninhaber hatten den Mann gefeuert, nachdem auf seinem Computer Kinderpornos entdeckt worden waren.


Polizeifoto von Victor M. Piazza: Kurzschluss, Angst, Rache?
AP

Polizeifoto von Victor M. Piazza: Kurzschluss, Angst, Rache?

New Windsor - Am Montagmittag betritt Victor M. Piazza seine ehemalige Arbeitsstelle, eine Nagellackfabrik in New Windsor im US-Bundesstaat New York. Es ist 12.25 Uhr, als er vor den Empfangsschalter tritt, wo JoAnne Obrien arbeitet. Sie ist 48, Hundebesitzerin und Chefsekretärin. Piazza zieht einen Revolver, Kaliber 38, und schießt der Frau mehrmals in den Kopf. Sie wird später in einer Klinik für hirntot erklärt.

Der Schütze geht weiter und findet Robert Roth, einen der Besitzer des Unternehmens. Piazza schießt dem 65-Jährigen zweimal in den Kopf, der Mann bricht zusammen, ist aber nicht tot. Roth schafft es, sich aus dem Gebäude zu schleppen. Wachleute finden ihn zusammengekauert auf einem Rasenstück in der Nähe des Parkplatzes. Piazza nimmt derweilen die Treppe ins obere Stockwerk.

Piazza spürt währenddessen den zweiten Inhaber, Mario Maffei, 57, auf. Auch ihm schießt er in den Kopf. Trotz der Verletzung können Ärzte den Mann retten. Piazza dringt in ein Büro ein, setzt sich an den Schreibtisch, richtet die Waffe gegen sich selbst und drückt ab. Er ist sofort tot.

So weit hat die Polizei rekonstruiert, was in der Fabrik passiert ist. Wie es dazu gekommen ist, darüber spekulieren die Ermittler einem Bericht der "New York Times" zufolge bislang noch. Einen Abschiedsbrief, der eine Erklärung liefern könnte, gibt es nicht.

Victor M. Piazza wurde im vergangenen Jahr von seinem Arbeitgeber entlassen. Er war in der Fabrik als Manager für die Qualitätssicherung zuständig - bis Kinderpornos auf seinem Dienstcomputer gefunden wurden. Vor Gericht bekannte er sich schuldig und wurde zu einer Bewährungsstrafe von zehn Jahren verurteilt. Er verlor seinen Job und suchte sich einen neuen im Baugewerbe. Die Wohnung teilte er sich mit seinem Vater, die Mutter starb vor einigen Jahren.

Seine Nachbarn sind entsetzt. Sie beschreiben Piazza als ruhigen, freundlichen Menschen. "Ich frage mich, wir alle fragen uns, was ihn dazu getrieben hat", erzählt eine Frau, die gegenüber wohnt, der "New York Times". Niemand kann sich erklären, warum Piazza ausgerastet ist.

Selbst die Ex-Kollegen, die Piazza nicht mochten, hätten ihm die Bluttat nicht zugetraut, schreibt die Zeitung. Und auch seine Bewährungshelfer ahnten dem Bericht zufolge nicht, welches Gewaltpotential in Victor Piazza schlummerte. "Absolut nichts in seiner Akte, seinem Wesen, Verhalten oder seinen Äußerungen hat darauf hingedeutet, dass Piazza zu dem in der Lage war, was er getan hat", zitiert das Blatt die Bezirkschefin der Bewährungsstelle, Victoria Casey.

Die Wende in Piazzas Verhalten könnte mit einem Überraschungsbesuch am Freitag vor der Tat zusammenhängen - das jedenfalls vermutet die Polizei. Sein Bewährungshelfer hatte den 55-Jährigen ohne Ankündigung in dessen Wohnung aufgesucht und eine angebrochene Falsche Wodka und Pornofilme in seinem Schlafzimmer gefunden. Piazza wurde wegen Verstoßes gegen seine Bewährungsauflagen vor Gericht zitiert, um 14 Uhr am Montag. Hätten die Richter ihn für schuldig befunden, wäre er vermutlich ins Gefängnis gekommen. Hatte Victor Piazza Angst vor dem Knast? Wollte er sich an seinen Ex-Chefs rächen? Machte er sie für sein Leben verantwortlich? Die Polizei sucht nach Antworten.

Friederike Freiburg



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