Mysteriöser Kriminalfall Wo ist Figen Capkan?

Lautstark stritt sich Figen Capkan mit ihrem Ehemann - das war das letzte Lebenszeichen der jungen Frau aus Südhessen. Seither fehlt von der 37-Jährigen jede Spur. Die Polizei schließt ein Gewaltverbrechen nicht aus. Ihr Ehemann hat sich den Ermittlern zufolge in die Türkei abgesetzt.

Vermisste Figen Capkan: "Wir schließen ein Gewaltverbrechen nicht aus"
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Vermisste Figen Capkan: "Wir schließen ein Gewaltverbrechen nicht aus"

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Hamburg - Erst im Sommer war Figen Capkan mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Groß-Umstadt im südlichen Hessen gezogen. In dem Ort mit 21.000 Einwohnern am Rande des Odenwaldes versuchte die fünfköpfige Familie Fuß zu fassen, unterstützt von Verwandten und Freunden, die dort ebenfalls leben.

Hoffte Figen Capkan auf einen Neuanfang? Glaubte sie, ihre Ehe retten zu können? Die Beziehung war zuletzt zunehmend aus dem Ruder gelaufen. Ihr Mann, anders als Figen in Deutschland geboren, war immer öfter ausgerastet und auf sie losgegangen. Laut Ermittlungsakten gab es "mehrere körperliche Angriffe des Mannes auf die Frau". Figen Capkan zeigte ihren Mann, den Vater ihrer drei Kinder, an. Das Verfahren wird in Erlangen geführt, wo die Familie vor dem Umzug nach Südhessen lebte.

Seit knapp zwei Wochen gilt Figen Capkan nun als vermisst. Eine Freundin meldete sich am 21. Oktober bei der Polizei, weil sie die 37-Jährige seit Tagen nicht gesehen hatte. Auch Figens Kinder und ihren Ehemann hatte sie nicht zu Gesicht bekommen. Da in Hessen Herbstferien waren, hatte sie sich zunächst nichts dabei gedacht.

Trotzdem - die letzte Unterhaltung mit Figen Capkan ging der Freundin nicht aus dem Kopf. Capkan hatte sich ihr anvertraut und, so die Freundin, "von ernsthaften Trennungsabsichten" gesprochen. Das war am 17. Oktober. Am selben Tag soll es den Ermittlungen zufolge auch zu einem lautstarken Streit zwischen Figen und ihrem Mann in der gemeinsamen Wohnung gekommen sein.

Es ist das letzte Lebenszeichen von Figen Capkan. "Ab da verliert sich ihre Spur", sagt Karl Kärchner vom Polizeipräsidium Südhessen SPIEGEL ONLINE. "Das ist der letzte Zeitpunkt, von dem wir sicher wissen, dass sie noch da war - und lebte." Die Polizei brach die Wohnung der Familie auf. "Dort sah es so aus, als sei es zu einer überstürzten Abreise gekommen", so Kärchner.

"Wir gehen derzeit von einem Gewaltverbrechen aus"

Ebenso unauffindbar seit jenem 17. Oktober: Figen Capkans Ehemann. Nach Ermittlungen der Polizei ist der 42-Jährige "zeitgleich mit dem Verschwinden seiner Frau" in die Türkei geflogen. "Diese Tatsache, weitere Indizien und andere Ungereimtheiten, über die wir momentan nichts weiter sagen wollen, sind für uns Anhaltspunkte, die für ein Gewaltverbrechen an Figen Capkan sprechen", sagt Kärchner.

Der Erkennungsdienst hat seither in aufwendiger Arbeit die komplette Wohnung untersucht. Mit Hunden wurden Haus und Umgebung durchforstet, ein Hubschrauber suchte mit Wärmebildkameras nach Figen Capkan, die Nachbarn wurden intensiv befragt. Auffälligkeiten oder Spuren, die die Vermutung der Polizei belegen, gibt es jedoch nach bisheriger Auswertung noch nicht. "Der Fall gestaltet sich äußerst mysteriös", resümiert Kärchner.

Figen Capkans Kinder - zwei Mädchen im Alter von sieben und 15 Jahren sowie ein 19-jähriger Junge - sind nach Angaben der Polizei in Deutschland und "an einem sicheren Ort" untergebracht. Auskunft zu deren Aussagen wollen die Ermittler ebensowenig geben wie dazu, wo sich die Kinder in den Tagen nach dem Verschwinden ihrer Mutter aufgehalten haben.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft in Darmstadt fahnden nach dem Ehemann. Er hat wie seine Frau die deutsche und die türkische Staatsangehörigkeit. Zudem erhoffen sich die Ermittler Unterstützung aus der Bevölkerung: Wer hat Figen Capkan nach dem 17. Oktober gesehen? Wer kann Hinweise zu ihrem Verschwinden geben oder weiß, wo sie sich momentan aufhält?

Hat sich Figen Capkan, die mit knapp 17 Jahren nach Deutschland kam und heiratete, nur in Sicherheit vor gewalttätigen Ausbrüchen ihres Mannes gebracht? Das Bundesfamilienministerium befragte im Jahr 2003 insgesamt 250 türkische Frauen, ob sie in ihrer Ehe bereits Gewalt erfahren hätten. 38 Prozent berichteten damals, ihre Partner hätten sie körperlich oder sexuell misshandelt - und auch das Ausmaß und die Intensität der erlittenen Gewalt waren deutlich höher (Prügel, Würgen, Bedrohung mit Waffen, Drohung mit Ermordung) als in Familien ohne Migrationshintergrund.

Der Fall Kevser Kurt beschäftigt seit 1992 die Berliner Staatsanwaltschaft

Der Fall Figen Capkan erinnert an das tragische Schicksal von Kevser Kurt aus Berlin-Schöneberg, das ebenfalls mit einer Vermisstenanzeige begann: Am 9. August 1992 war die damals 29-jährige Frau spurlos verschwunden. Ihr Mann gab an, sie habe die gemeinsame Wohnung verlassen, ohne ein Ziel anzugeben. Erst im Lauf der Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Ehe in einer Krise steckte. Kevser Kurt, die im Alter von 14 Jahren zwangsverheiratet worden war, hatte bereits in einem Frauenhaus Zuflucht gesucht und längst die Scheidung eingereicht.

Kevser Kurt war zwei Tage nach einem Urlaub, den sie alleine mit ihren zwei Kindern gemacht hatte, verschwunden. Ihr Mann durchsuchte gemeinsam mit anderen Angehörigen die Umgebung der Wohnung. Daran, dass die junge Türkin ihre Kinder einfach so zurückließ, wollte die Polizei nicht glauben. Eine Verwandte sagte schließlich, dass Kevser Kurt im Falle einer Trennung in jedem Fall die Kinder behalten wollte. Die Mordkommission schaltete sich ein. Doch die Ermittlungen wurden eingestellt.

14 Jahre später, am 8. Mai 2006, entdeckte der Hund eines Spaziergängers im Monbijoupark in Berlin-Mitte den mumifizierten Körper der zweifachen Mutter. Er war in Textilien gehüllt. Als Todesursache wurde "Gewalt gegen den Hals" festgestellt. Kevser Kurt wurde nach Angaben der Berliner Staatsanwaltschaft erstickt oder erdrosselt. "Die Ermittlungen dauern an", sagte eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE.

Hinweise zum Verschwinden von Figen Capkan nimmt das Polizeipräsidium Südhessen unter der Telefonnummer 06151-9690 entgegen.



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