Nach Missbrauchsfall Lüdge Neuer Verdacht gegen das Jugendamt Hameln

Im Missbrauchsfall Lüdge sah das Jugendamt Hameln schlecht aus. Nun wurde bekannt: Offenbar versandeten auch in einem anderen Fall Hinweise auf Kindesmisshandlungen.

Campinplatz in Lüdge: Neue Ermittlungen gegen das Jugendamt
Guido Kirchner/ DPA

Campinplatz in Lüdge: Neue Ermittlungen gegen das Jugendamt


Das seit dem Missbrauchsfall Lügde in der Kritik stehende Jugendamt Hameln soll auch in einem anderen Fall Fehler gemacht haben. Im Raum steht, dass Hinweisen auf Misshandlung von Kindern in einer dem Amt bekannten Familie nicht nachgegangen wurde. Ermittelt werde gegen drei Behörden-Mitarbeiterinnen wegen des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hannover.

Zunächst hatte das Politikjournal "Rundblick" darüber berichtet. Die neuen Vorwürfe stehen nicht im Zusammenhang mit dem mutmaßlich massenhaften Missbrauch auf einem Campingplatz in Lügde im Kreis Lippe, wie der Sprecher betonte.

Die Hinweise auf körperliche Angriffe und Misshandlungen von Kindern im neuen Fall sollen demnach aus der Familie selbst und von Dritten an das Jugendamt Hameln herangetragen worden sein. Tätig sei erst das Jugendamt Höxter geworden, nachdem die Familie nach Nordrhein-Westfalen umgezogen war. Mitarbeiter in Höxter hätten die Hinweise in den Akten entdeckt und diese - sensibilisiert durch den Fall Lügde - der örtlichen Polizei gemeldet, sagte der Sprecher. Die Beamten gaben den Fall an die Kollegen in Hameln weiter.

Die Staatsanwaltschaft Hannover ließ die Jugendämter in beiden Orten durchsuchen. Bei dem Anfangsverdacht gehe es um die Frage, ob durch pflichtwidriges verspätetes Eingreifen der Jugendamtsmitarbeiterinnen körperliche Misshandlungen ermöglicht wurden.

Im Fall Lügde hatte das Jugendamt Hameln einem 56 Jahre alten Dauercamper trotz mehrerer Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten auf Wunsch der Mutter die Pflegschaft für ein kleines Mädchen übertragen. Vorgeworfen wird dem Mann sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen, schwerer sexueller Missbrauch von Kindern und Besitz von kinderpornografischen Schriften.

Die Ermittler gehen inzwischen von 298 Fällen aus. Der Prozess gegen den früheren Pflegevater soll Ende Juni starten. Angeklagt sind zudem ein 34-Jähriger aus Steinheim bei Höxter sowie ein 49 Jahre alter Mann aus Stade, der den Missbrauch im Internet verfolgt haben soll.

Einer Mitarbeiterin des Jugendamts Hameln wurde bereits fristlos gekündigt. Sie hatte eine Passage aus der Pflegschaftsakte gelöscht, die die Ermittler rekonstruieren konnten. Darin hatte die Frau beschrieben, dass der 56-Jährige sich immer wieder jungen Mädchen näherte. Ein anderer Hamelner Behördenmitarbeiter wurde freigestellt, weil er einen Aktenvermerk nachträglich einfügte. Die gesamte Aufklärung des Falls wurde von Pannen begleitet, unter anderem verschwand ein Koffer mit Datenträgern bei der Kreispolizei Lippe.

jpz/dpa



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