Nadine-Prozess Grauen hinter verspiegelten Gläsern

Schläge, Qualen, Misstrauen: Die kleine Nadine aus Gifhorn wuchs in einem Umfeld voller Gewalt auf. Im Prozess um den Tod des Kindes schilderte die Hauptbelastungszeugin die Herzlosigkeit des Familienvaters Daniel M. - der versteckte sich hinter Sonnenbrille und Baseballmütze.

Von , Hildesheim


Hildesheim - Susanne und Daniel M. scheinen sich zu schämen. Vor dem Blitzlichtgewitter der Fotografen verhüllt er sein Gesicht unter einer dunkelgrünen Baseballmütze, sie ihres unter der schwarzen Kapuze ihrer Jacke. Daniel M. ist angeklagt, seine Tochter Nadine misshandelt zu haben, bis sie im Jahr 2002 starb. Susanne M. soll dabei tatenlos zugesehen haben. Danach wurde der kleine Leichnam im Harz verscharrt. Gemeinsam soll das Ehepaar den unfassbaren Plan geschmiedet haben, eine weitere Tochter zu zeugen und als die verstorbene Nadine auszugeben.

Angeklagter Daniel M.: "Wir schufen eine Atmosphäre, um Abschied zu nehmen"
DPA

Angeklagter Daniel M.: "Wir schufen eine Atmosphäre, um Abschied zu nehmen"

Zwei Stunden lang nahm der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl heute vor dem Landgericht Hildesheim die beste Freundin von Susanne M. in die Mangel. Melanie J. ist die Hauptbelastungszeugin in dem Prozess ohne Leiche vor dem Landgericht Hildesheim. Sie kennt Susanne M. seit der Schulzeit in Gifhorn, gemeinsam absolvierten sie eine Malerausbildung. Als Susanne M. aus Gifhorn wegzog, verloren sie sich zwar kurz aus den Augen. Doch als sie mit ihrem Mann Daniel M. in ihre Heimatstadt zurückkehrte, wurde auch die Freundschaft zu Melanie J. wieder enger.

Als die 31-Jährige den Schwurgerichtssaal 134 betritt, meiden beide Freundinnen den Blickkontakt. Angestrengt schaut Melanie J. an Staatsanwalt Wolfgang Scholz vorbei aus dem Fenster. Der vierfachen Mutter im braunen Kapuzenpullover und Bikerstiefeln soll sich Susanne M. nach einem heftigen Streit mit ihrem Ehemann an einem Abend im Oktober 2006 schließlich anvertraut haben.

Bereits als sie ihre Freundin anrief, ob sie kommen dürfe, habe Susanne M. geschluchzt. Dort angekommen, "weinte sie bitterlich", beschimpfte ihren Mann und erklärte, er habe Nadine misshandelt. Während sie mit ihrer Tochter Sabrina wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus gewesen sei, habe er ihr nichts zu essen gegeben. Sie habe das Mädchen abgemagert und mit verbrannten Füßen vorgefunden. Sie habe unentwegt geschrien, bis sie schließlich verstummte - weil sie tot war. So soll es laut Zeugin Susanne M. an jenem Abend berichtet haben. Damals habe sie auch erzählt, dass es die Idee ihres Mannes gewesen sei, eine "zweite Nadine" zu zeugen.

"Sagen Sie die Wahrheit, Frau J.?"

Daniel M., in dunkelblauen Jeans, schwarzen Lederschuhen und fliederfarbenem Oberhemd, verbirgt seine Augen auch während des Prozesses hinter einer verspiegelten Brille. Seine Frau Susanne, frisch getönt, die Fingernägel silberfarben lackiert, versucht anfangs, hinter einer Mauer von Aktenordnern abzutauchen. Richter Pohl verbietet es der 30-Jährigen.

Er ist seit 1991 Vorsitzender Richter am Landgericht Hildesheim. Die Internetseite "Richterdatenbank" hat ihm den Spitznamen "Der Kalte" verpasst. Ihn ärgert das nach eigenem Bekunden. Der 59-Jährige lässt die Hauptbelastungszeugin bei der Befragung nicht aus den Augen. Die Zeugin Melanie J. erfordert Geduld. Pohl fragt freundlich, beruhigend, aber auch scharf und ungeduldig. Die Zeugin fährt sich immer wieder mit den langen, künstlichen Fingernägeln durch ihr auberginefarbenes Haar.

Pohl will genau wissen, wie es möglich war, dass niemand das Verschwinden Nadines bemerkte. Wie es möglich war, dass selbst die beste Freundin nicht mitbekommt, dass Susanne M. die Schwangerschaft mit der "neuen" Nadine verheimlicht. Ob es stimmt, dass die Ehe der M.s mehr als zerrüttet war. "Sagen Sie die Wahrheit, Frau J.?", fragt Pohl zwischendurch. "Sie müssen die Wahrheit sagen, Frau M. darf lügen."

Erstaunliches kommt schließlich ans Tageslicht: Melanie J. berichtet zunächst, dass sich Susanne und Daniel M. gegenseitig verprügelt hätten, relativiert die Aussage dann aber auf hartnäckiges Nachfragen des Richters. Sie hätten sich öfter "geschubst" und "hart angepackt", ab und zu habe sie bei Susanne M. "blaue Flecken und Kratzer" nach handgreiflichen Ehestreits gesehen. Dass Daniel M. seiner Ehefrau jedoch heiße Kartoffeln ins Gesicht schleuderte, daran will sich die Hausfrau aber ganz genau erinnern. Auch dass er ihr einmal die Zahnprothese aus dem Mund schlug.

Ein Leben in der Stube vor der Glotze

Immer wieder habe Susanne M. davon gesprochen, sich scheiden zu lassen. Ihren Kummer habe sie im Alkohol ertränkt - und sei dann erst recht "angriffslustig" geworden. Die sechsfache Mutter habe ihrem Mann immer wieder vorgeworfen, er ginge fremd. Er selbst soll ihr im Gegenzug bei fast jeder Schwangerschaft unterstellt haben, er selbst sei nicht der Vater.

In diesen Auseinandersetzungen sieht der Staatsanwalt das Motiv der Misshandlungen: "Der Ehemann ging davon aus, Nadine stamme nicht von ihm, sondern aus einer außerehelichen sexuellen Beziehung." Susanne M. streitet das nicht ab. Über ihren Verteidiger Thomas Köhler ließ sie mitteilen: "Mein Mann hat bei allen Kindern vor der Geburt gemutmaßt, das Kind sei nicht von ihm." Laut Melanie J. sollen beide Ehepartner im Internet auf der Suche nach anderen Liebschaften gewesen sein. Daniel M. habe sich auch mit mindestens einer Frau getroffen. Wenn er zu Hause war, habe er sich meist in der Stube eingeschlossen. Dort standen sein Computer, der Fernseher und das Ehebett. Den Kindern und seiner Frau habe der Hartz-IV-Empfänger meist den Zutritt verwehrt.

Daniel M. habe sein Leben meist alleine gelebt, sei nach Auseinandersetzungen zu seiner Mutter ausgebüxt und auch mal eine Woche am Stück dort geblieben. Als Kevin, das letzte der gemeinsamen sechs Kinder, am 26. Dezember 2005 zur Welt kam, lieferte er seine wehengeplagte Frau mit deren Freundin Melanie J. am Krankenhaus ab und fuhr mit den anderen Kindern direkt weiter zum Rodeln in den Harz.

Weißes Jäckchen und ein Teddy zum Abschied

Der Vorsitzende Richter hat viele Fragen - am liebsten würde er sie den angeklagten Eltern stellen. Doch die verweigern die Aussage. Mit ihren Verteidigern haben sie Erklärungen verfasst, die von den Anwälten verlesen werden. Demnach halten sie an ihrer Version fest: Es war ein Unfall. Nadine sei am Abend des 13. Januar 2006 aus dem Hochbett ihrer Geschwister oder von der dazugehörigen Leiter gestürzt. Das vermuten die Eltern, denn ihren Angaben zufolge war Susanne M. zu dem Zeitpunkt in der Küche, Daniel M. in besagter Stube vor der Glotze. Die anderen drei Kinder spielten in der Wohnung, eines badete alleine.

Nadines Schreie hätten die Eltern aufgeschreckt. Auf dem Arm der Mutter habe sie sich aber sofort beruhigt. Verletzungen hätten sie am Körper des Mädchens nicht finden können. Sie legten das Kind schlafen und sahen den restlichen Abend fern.

Am Morgen dann habe Susanne M. das tote Kind in seinem Bettchen gefunden. Daniel M. habe mit Mund-zu-Mund-Beatmung versucht, das Mädchen wiederzubeleben. Seine Frau habe Nadine schließlich ein weißes Jäckchen angezogen, ihr einen Teddy in den Arm geklemmt und sie aufs Bett gelegt. Sie stellte Kerzen ins Fenster. "Wir schufen eine Atmosphäre, um Abschied zu nehmen." Doch dann habe es nach vier Tagen angefangen, "komisch zu riechen". Gemeinsam habe man den Leichnam in einen Sack und dann in eine schwarze Sporttasche gesteckt, die man im Harz vergraben hätte.

Daniel M. blickt hinter seiner Plastikbrille immer wieder zu seiner Frau Susanne. Doch die 30-Jährige würdigt ihn keines Blickes.



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