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Natascha Kampusch: "Ich bin für mein Leben geächtet"

Foto: Marcus Brandt/ dpa

Natascha Kampusch "Ich war lebendig konserviert"

Sie wurde ihrer Kindheit, ihrer Freiheit, ihrer Würde beraubt: Erstmals spricht Natascha Kampusch in einer TV-Dokumentation detailliert über ihre achtjährige Gefangenschaft - und darüber, wie schwer ihr Weg in ein normales Leben ist.

Hamburg - Natascha Kampusch hat nichts vergessen. 3096 Tage lebte sie in der Gefangenschaft ihres Entführers Wolfgang Priklopil, wurde herumkommandiert, gedemütigt und missbraucht. Sie hat nicht vergessen, wie sie in einen weißen Lieferwagen gezerrt wurde und nicht um Hilfe schreien konnte, weil ihre Stimmbänder versagten. Wie sie in eine blaue Decke gepackt, in einen Keller geschleppt und dort hinter eine schwere Tresortür gesperrt wurde. Wie ihr Peiniger sie erniedrigte, ihr drohte - und wie er es genoss, sie zur Leibeigenen gemacht zu haben.

Am 23. August 2006 fasste Natascha Kampusch allen Mut zusammen und befreite sich selbst. Abgemagert, die Tageslicht entwöhnte Haut bläulich gefärbt, rannte sie davon. "Ich lief so schnell ich konnte, so schnell mich meine Beine tragen konnten", sagt die 21-jährige Österreicherin in dem Film "Natascha Kampusch - 3096 Tage Gefangenschaft", den die ARD am 25. Januar ausstrahlen will. Es ist das erste Mal, dass sie detailliert über ihre Entführung und die acht Jahre, die sie in einem knapp fünf Quadratmeter großen Kellerverlies eingesperrt war, spricht.

Zur Präsentation des Films in Hamburg erschien sie flankiert von Drehbuchautor Peter Reichard und Regisseurin Alina Teodorescu. Sie lächelte zunächst schüchtern und bat um Nachsicht, es sei ihre erste Pressekonferenz. Nie zuvor hat sich Natascha Kampusch so schutzlos den Journalisten ausgesetzt. Obwohl sie sich bereits in der Vergangenheit als TV-Moderatorin bei einem österreichischen Privatsender versuchte. Unvergessen auch ihr Auftritt im August 2007 mit Fächer und Sonnenbrille bei der Präsentation des Buches, das ihre Mutter Brigitta Sirny geschrieben hat. Kampusch bemühte sich in Hamburg, das Bild des gern im Rampenlicht stehenden Opfers gerade zu rücken.

Die Dokumentation half ihr dabei. Entstanden ist ein leiser Film, bei dem sich der Zuschauer mit ihr in diesem engen, fensterlosen Verlies eingesperrt fühlt. Berührende Interviewpassagen erwecken die erstickende Tristesse unter künstlichem Licht zum Leben.

"Ich bin für mein Leben geächtet", sagt Kampusch im Film. Als habe sie einen Stempel auf der Stirn: "Ich bin ein Gewaltopfer."

Auf dem Schulweg hatte der Nachrichtentechniker Priklopil am 2. März 1998 der damals Zehnjährigen im XXII. Wiener Bezirk aufgelauert. Er kerkerte sie in den letzten Winkel seines Kellers ein. Das Verlies ist 2,70 Meter lang, 1,80 Meter breit und 2,37 Meter hoch, um hineinzukommen, muss man sich durch ein 50 mal 50 Zentimeter großes Loch zwängen, das von einer schweren Stahltür verschlossen ist. Er verriegelte den Zugang durch zwei weitere Türen und tarnte ihn mit Sperrmüll und Gerümpel.

"Es muss eine wahnsinnige Genugtuung für ihn gewesen sein"

Um in ihr Gefängnis zu gelangen, habe Priklopil eine Stunde gebraucht, erzählt Kampusch. Es habe zudem eines Riesenkraftaufwands bedurft, um die Tresortür und die Barrikaden zur Seite zu wuchten. Was, wenn Priklopil während ihrer Gefangenschaft etwas zugestoßen wäre? Die junge Österreicherin stellt die Frage im Film selbst, eine Antwort formuliert sie nicht. Sie konstatiert lediglich: "Ich war wie ein ägyptischer Pharao lebendig konserviert."

Anfangs habe sie noch die Sekunden gezählt, bis sie eine Minute ergaben - aber irgendwann verlor sie den Überblick, erzählt Kampusch. "Meine innere Uhr war völlig aus dem Gleichgewicht, ich wusste nicht, ob es Tag oder Nacht ist." Im Dunkeln verharrte sie auf dem klammen Kellerboden. "Es war kalt, feucht, ekelhaft." Priklopil hatte ihr die Schuhe von den Füßen gerissen. Die brauche sie jetzt nicht mehr, sagte er und verbrannte sie.

Priklopil installierte eine Zeitschaltuhr im Verlies. Ähnlich wie "in einem richtigen Gefängnis" sei dadurch zu einer bestimmten Zeit das Licht ein- und ausgeschaltet worden. Über eine Gegensprechanlage konnte sie mit ihrem Entführer kommunizieren, sich sein Vertrauen erschleichen.

Je sicherer sich Priklopil fühlte, dass seine Leibeigene nicht fliehen würde, desto häufiger ließ er sie in den oberen Teil seines Hauses. "Er integrierte mich zunehmend in seinen Haushalt. Es muss eine wahnsinnige Genugtuung für ihn gewesen sein, jemanden zu haben, der nur ihm gehört", sagt Kampusch. Ein Erhabenheitsgefühl auch gegenüber seiner Mutter und Großmutter, zwei wichtige Bezugspersonen im Leben des Einsiedlers, die nichts ahnten.

Doch schnell spürte Kampusch, dass das Leben außerhalb ihrer Gefängniszelle nicht besser war: Alles, was sie in der Wohnung ihres Entführers anfasste, wurde von ihm abgewischt - nicht nur, um Spuren zu verwischen, sondern weil Priklopil von einem regelrechten Putzwahn besessen war.

Seine Gefangene musste sich die Haare mit Spangen zusammenbinden und darüber eine Plastiktüte tragen, später rasierte er ihr eine Glatze. Er verbot ihr zu weinen, damit ihre Tränen nirgendwo Salzränder hinterließen. Weinte sie doch, würgte er sie und drückte ihren Kopf in ein Waschbecken. "Herr Priklopil war sehr auf Hygiene bedacht", beschreibt es Ernst H., bester Freund des Entführers und zeitweise in Verdacht, ein Komplize gewesen zu sein, in der ARD-Doku.

Hinterließ Kampusch dennoch einen Fingerabdruck auf einem Türrahmen oder einer Glasplatte, folgten drakonische Strafen: "Dann wurde ich misshandelt", sagt Kampusch. Auch habe er sie brutal niedergerungen, wenn sie nicht parierte. "Ich war lieber im Verlies als oben", sagt sie und es klingt plausibel.

Warum Natascha Kampusch ihrem Peiniger verziehen hat

Sie habe daran gedacht, ihrer Qual selbst ein Ende zu bereiten, gesteht Kampusch in dem Film. Doch ihr Wille, Kampfgeist zu entwickeln, sei größer gewesen. Auch baute sie Verständnis für ihren Entführer auf. "Ich habe ihm alles verziehen, sonst wäre ich zu sehr voll Hass und negativen Gefühlen gewesen und wäre psychisch und physisch zugrunde gegangen", erklärt sie. "Für dieses Fehlgeleitet-Sein kann der Mensch nichts." Priklopil habe ein Gewissen gehabt, er sei aufgrund "tiefer Verletzungen" so geworden wie er war. "Das hat in mir eine Art Mitgefühl, Mitleid erweckt."

Vielleicht waren es auch die wenigen Glücksmomente, die das Mädchen am Leben hielten. Wenn Priklopil sie zum Beispiel in der Nacht für fünf bis zehn Minuten in seinen Garten ließ. "Ich freute mich, die Hecke berühren zu dürfen, den Wind zu spüren." Als Andenken habe sie ein paar Zweige mit in ihr Verlies nehmen dürfen.

"Das war ja mein Zuhause"

Im Film betont Kampusch, dass sie nie Opfer eines Kinderpornorings oder von Sado-Maso-Praktiken geworden sei. Sie habe nur Kontakt mit Priklopil gehabt, den sie konsequent als "Täter" oder "Entführer" bezeichnet, seinen Namen nennt sie kein einziges Mal.

Sein Haus in Strasshof bei Wien konnte Kampusch kaufen, da sie Anspruch auf Schadensersatz hat und sich Priklopil das Leben nahm. Ihre Gefühle, als sie zum ersten Mal wieder in das Verlies zurückkehrte? "Das ist so, als würden Sie in ihr Jugendzimmer zurückkommen. Das ist so behaftet mit Erinnerungen. Das war ja mein Zuhause", sagt die gebürtige Wienerin bei der Filmvorführung in Hamburg. Anfangs habe sie sich gewundert, dass alle so schockiert waren. "Heute geht es mir genauso: Allein der Gedanke, dass ich da eingesperrt war, löst ein mulmiges Gefühl aus."

Das Kellerverlies will sie demnächst zuschütten lassen. "Ich überlege noch, was dann mit dem Haus geschehen soll", sagte die 21-Jährige. Priklopils Mutter habe ihren Anteil an sie abgetreten. Nach ihrer Flucht habe sie versucht, die Frau zu treffen. "Sie wollte das erst nicht, und ich habe das respektiert." Inzwischen sei Priklopils Mutter zu einem Gespräch bereit. "In den nächsten zwei Monaten soll ein Kontakt zustande kommen", sagte Kampusch.

Bereitwillig beantwortete sie in Hamburg alle Fragen - und hatte anscheinend doch vor allem ein Anliegen. Im Film konstatiert sie: "Ich löse bei vielen Menschen Aggressionen aus. Vielleicht, weil die Tat viele Aggressionen auslöste, und ich die einzige Überlebende bin. Ich wünsche mir, dass die Menschen einen normaleren Umgang mit mir hätten. Sie sollten sich mit mir freuen, dass ich das halbwegs gesund überstanden habe."

Doch gerade ihre Landsleute hätten sie feindlich behandelt, betonte Kampusch in Hamburg noch einmal. In Österreich schlage ihr viel Missgunst und Aggressivität entgegen. "Man sieht die Dinge in meinem Heimatland ganz anders, ich wollte das von einer anderen Seite betrachtet sehen", begründete sie die Zusammenarbeit mit dem NDR. Die Berichte über ihr Schicksal hätten bisher immer einen "Nachrichten-Wegwerf-Charakter" gehabt. Die Medien hätten "das Schreckliche nicht schrecklich sein lassen", sondern es noch schrecklicher machen wollen.

Ihr Traum: Schauspielerin sein - aber nicht in der Öffentlichkeit stehen

"Natascha Kampusch und ihre Mutter werden von den Österreichern durchs Land gescheucht", erklärte Drehbuchautor Reichard. Trotzdem behalte sie ihre Wohnung in Wien, es sei schließlich ihre Heimatstadt, sagte die 21-Jährige. Andere zu kritisieren und schlechtzumachen, "das ist so eine Wiener Mentalität". "Ich lebe zurückgezogen, zeige mich kaum in der Öffentlichkeit, außer dass ich öffentliche Verkehrsmittel benutze." Noch bis zum Ende des Jahres möchte sie nach eigenen Angaben ihren Mittelstufenabschluss in der österreichischen Schulausbildung erlangen.

Kampusch betonte, sie liebäugle wie einst als kleines Mädchen damit, Schauspielerin zu werden. Eine "Hollywood-Größe" jedoch habe für ihren Geschmack "zu viel Fassade". Auch kokettierte sie mit ihren Sangeskünsten, von denen sie in der Dokumentation eine kleine Kostprobe gibt, mit einer Strophe des Beatles-Songs "From me to you".

Auf die Frage, warum sich der Film über den Kriminalfall Kampusch auf die Gefangenschaft konzentriere und die erste Zeit in der Freiheit gänzlich ausspare, kündigte Drehbuchautor Reichard an, es werde einen zweiten Teil geben. Natascha Kampusch schmunzelte verlegen, als er das sagte. Normalität leben sieht anders aus. Einerseits. Andererseits beweist Natascha Kampusch damit, dass sie auch weiterhin nicht vorhat, ein Opfer zu sein, das sich wie ein Opfer verhält.

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