Fall Kampusch Gutachten nährt Zweifel an Suizid des Entführers Priklopil

Der Entführer von Natascha Kampusch wurde von einem Zug überrollt. Starb Wolfgang Priklopil dadurch? Oder war er tot auf die Gleise gelegt worden? Ein neues Gutachten schließt Fremdverschulden nicht aus.

Natascha Kampusch (2013)
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Natascha Kampusch (2013)

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Wolfgang Priklopil liegt begraben auf einem Friedhof südlich von Wien, der genaue Ort wird geheim gehalten. Im September 2006, einen Tag vor der Bestattung, verabschiedete sich Natascha Kampusch im Wiener Institut für Gerichtsmedizin von ihm. Dem Mann, der sie am 2. März 1998 in der Wiener Donaustadt entführt hatte; der sie in seinem Haus in Strasshof nahe Wien mehr als acht Jahre gefangen gehalten und sie ihrer Kindheit beraubt hatte. Natascha Kampusch sagt, sie habe sich selbst befreit, am 23. August 2006 flüchtete sie zu Nachbarn, sie war 18 Jahre alt.

Am Abend ihrer Flucht hatte der Zug 23786 etwa 500 Meter nach der Haltestelle Wien Nord Wolfgang Priklopil, 44, erfasst und überrollt. Rettungshelfer bargen zwischen den Stationen Praterstern und Traisengasse seinen Leichnam. Die Ermittler kamen schnell zu dem Schluss: Durch die Befreiung seines Opfers und seine darauf folgende Enttarnung hatte sich der Entführer in Suizidabsicht vor den Zug geworfen. Ein entsprechend vorinformierter Rechtsmediziner bestätigte diesen Geschehensablauf. Die Akte in diesem Kriminalfall wurde vorerst geschlossen.

Doch starb Wolfgang Priklopil tatsächlich durch die Kollision? Oder war er bereits davor tot und wurde er von einem oder mehreren Unbekannten auf die Gleise gelegt?

"Mangelhafte Fallbearbeitung"

Karl Kröll, dessen verstorbener Bruder Franz Kröll als Oberst bei der Wiener Polizei die Sonderkommission Kampusch geleitet hatte, bezweifelt die Selbstmordtheorie. Wegen des Verdachts des Mordes an Wolfgang Priklopil hat er bei der Oberstaatsanwaltschaft Wien Strafanzeige gegen unbekannt gestellt , die Ermittlungen dauern an.

Nun könnten sich diese noch verzögern. Kröll hat das Gutachten zweier Rechtsmediziner nachgereicht, die ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass "der Todesfall Wolfgang Priklopil als höchst bedenklich zu bewerten und Fremdverschulden auf Basis der vorliegenden Befunde durchaus als möglich zu erachten" sei. Das Gutachten liegt SPIEGEL ONLINE vor.

Der Gerichtsmediziner im Fall Priklopil sei nicht nach den "üblichen rechtsmedizinischen Standards und üblichen Vorgangsweisen, nicht einmal (nach) denen eines durchschnittlich sorgfältigen Facharztes der Rechtsmedizin" vorgegangen, wichtige Untersuchungen seien unterblieben. "Das Gutachten enthält einen Zirkelschluss, nämlich dass 'unter Bedachtnahme auf die aktenkundige Vorgeschichte' ein Suizid vorgelegen haben soll", urteilen die österreichischen Rechtsmediziner Johann Missliwetz und Martin Grassberger. Das rechtsmedizinische Gutachten zum Tod von Wolfgang Priklopil aus dem Jahr 2006 sei "somit wertlos".

Das Fazit: Die "mangelhafte Fallbearbeitung" zum Tod des Entführers könne als "gerichtsmedizinischer Kunstfehler" bezeichnet werden. Es bestehe die "nicht unerhebliche Gefahr", dass wesentliche Befunde vernichtet worden seien und damit "die Aufklärung in Richtung Verbrechen konkret für immer vereitelt wurde".

Als Verschwörungstheoretiker verschrien

Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien und Mitglied der Evaluierungskommission, die das Innenministerium zur Aufdeckung möglicher Ermittlungspannen im Fall Kampusch beauftragt hatte, teilt die Auffassung Karl Krölls: Es bestehen erhebliche Zweifel , ob der Kampusch-Entführer durch einen Suizid starb.

Wie Kröll wird Rzeszut in Teilen gewisser Behördenkreise, die mit dem Fall Kampusch betraut sind, als "Verfolgungsbesessener" oder Verschwörungstheoretiker hingestellt. Seine Thesen belegt er allerdings in einem Buch, das demnächst erscheinen soll. Er stützt seine Argumentation vor allem auf Unterlagen, die der Evaluierungskommission, in der er mitwirkte, nicht vorgelegen hatten. "Dass ein Kriminalfall mit zumindest einem relevanten Mordverdacht als abgeschlossen gilt, noch bevor alle wesentlichen Ermittlungsansätze ausgeschöpft wurden, kann nicht tatenlos hingenommen werden", sagt Rzeszut.

Der pensionierte Richter hatte zur Recherche für sein Buch bewusst im Ausland nach Rechtsmedizinern gesucht, die das Sektionsprotokoll im Fall Priklopil begutachten - vergebens. Johann Missliwetz und Martin Grassberger waren schließlich auf ihn zugekommen, ein Honorar haben sie nicht erhalten. Ihr Gutachten belegt nun, dass der damals zuständige Rechtsmediziner versäumte, zwischen Selbst- und Fremdtötung zu differenzieren.

Nach Ansicht von Missliwetz und Grassberger wurden insgesamt sieben Punkte missachtet, die für eine begründete, umfassende und sorgfältige Expertise notwendig gewesen wären. Auch wurde kein technisches Gutachten verfasst, um eine Korrelation der Verletzungen mit der Fahrzeugfront abzugleichen.

Der zuständige Rechtsmediziner war an jenem Abend im August 2006 gegen Mitternacht zum Auffindeort des Leichnams erschienen. Der tote Wolfgang Priklopil war zu diesem Zeitpunkt bereits von den Schienen abtransportiert und in einen Leichensack verpackt worden. Diese "Veränderung der Auffindungssituation" sei zwar ungünstig, urteilen Missliwetz und Grassberger in ihrem Gutachten. Im rechtsmedizinischen Arbeitsalltag vermeiden lasse sie sich jedoch nicht ausnahmslos.



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