Neonazi-Netzwerk hinter Gittern Rechte Bande mit Bernd

Ein inhaftierter Neonazi suchte Gleichgesinnte, er schaltete eine Anzeige in einem Motorradmagazin. Die Behörden vermuten, Bernd T. wollte so ein konspiratives Netzwerk knüpfen. Vielleicht aber haben Justizbeamte nur ein paar szenetypischen Floskeln missverstanden.
Justizvollzugsanstalt Hünfeld: "Keine Biotope für Rechtsradikale"

Justizvollzugsanstalt Hünfeld: "Keine Biotope für Rechtsradikale"

Foto: Frank May/ dpa

Auf Seite 145 des Motorradmagazins "Bikers News", neben einer Anzeige für "Tattoo Erotica", suchte ein berüchtigter Neonazi nach sozialen Kontakten. "Wir sind eine wilde Horde", schrieb der im hessischen Hünfeld einsitzende Bernd T. im Oktober 2012, "die eines gemeinsam haben." Sie seien alle der "staatlichen Willkür" ausgesetzt, weil sie im Knast säßen. Und weil sie die "Schnauze voll" hätten von irgendwelchen Gefangenenhilfsorganisationen, hätten sie am 20. April 2012 - dem Geburtstag Adolf Hitlers - die "AD Jail Crew (14er)" gegründet.

Der rechten Szene dienen die Buchstaben "AD" als Abkürzung für "Aryan Defense", es geht um die vermeintliche Verteidigung der arischen Rasse. Als Abzeichen, so bekannte T. in der Annonce, hätten sie einen Adler gewählt, der in seinen Krallen die Ziffern "14" halte. Man kann annehmen, dass die Zahlenkombination entweder für eine rassistische Parole mit 14 Worten oder für den ersten und vierten Buchstaben im Alphabet steht und damit wiederum für den Code "AD". Generell trete er, so notierte der Rechtsextremist T. in seiner Anzeige, für "Loyalität, Kameradschaft und die alten Werte" ein. Daher wolle er einen eingetragenen, gemeinnützigen Verein gründen.

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt leitete einige Zeit später ein Ermittlungsverfahren ein, unter anderem wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung. Es wurden Zellen durchsucht und Briefe überprüft. Mitte Februar berichtete dann die Zeitung "Neues Deutschland" über die Anzeige des Bernd T.: "Briefe aus dem Knast. Nazi nutzt Haftzeiten zur Rekrutierung."

Als aber am Mittwoch ein Boulevardblatt mit fast zwei Monaten Zeitverzug die Angelegenheit noch einmal auf die Titelseite hob ("Bild enthüllt: Nazi-Mafia in deutschen Gefängnissen") , nahm die Sache erst richtig Fahrt auf: Von geheimen Netzwerken inhaftierter Neonazis war jetzt die Rede, die in versteckten Botschaften miteinander kommuniziert und sogar Kontakt zu der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe gesucht hätten: Bei Bernd T. war eine Liste mit mehreren Namen gefunden worden, unter ihnen auch der von Zschäpe. Offenbar hatte T. bekannten Kameraden geschrieben und sie für seinen Club anwerben wollen.

"Keine Biotope für Rechtsradikale"

Der hessische Justizminister Jörg Hahn bekannte daraufhin seine größte Sorge: "Wir wollen die Fehler der Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit den Straftaten des NSU nicht im Strafvollzug fortsetzen." Weiter erklärte der FDP-Politiker: "Vollzugsanstalten dürfen keine Biotope für Rechtsradikale werden, in denen man in Ruhe braune Strukturen aufbauen kann." Zwar könne man die Intensität der rechtsradikalen Netzwerke noch nicht einschätzen, doch habe man bereits "entschlossene Maßnahmen" eingeleitet. Mit allen rechtsstaatlichen Mitteln solle die Vernetzung der Neonazis in deutschen Gefängnissen unterbunden werden, so Hahn.

Tatsächlich scheint die angebliche Geheimkommunikation der Neonazis, über die in diversen Presseveröffentlichungen berichtet worden war, eher darauf zurückzuführen zu sein, dass die meisten Justizbediensteten mit szenetypischen Abkürzungen oder Zahlenkombinationen in den Briefen der Häftlinge nichts anfangen konnten. "Wir wollen unser Personal da nun noch besser schulen", sagte ein Sprecher des hessischen Justizministeriums auf Anfrage.

Allerdings gilt der AD-Begründer Bernd T., 38, als besonders unberechenbarer und gewaltbereiter Neonazi. 1993 hatte er mit einem Kameraden einen Obdachlosen zu Tode geprügelt. Im Gefängnis ließ er sich von der als inzwischen verfassungsfeindlich eingestuften und 2011 verbotenen "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige e.V." (HNG) betreuen. Nach seiner Haftentlassung revanchierte er sich und gründete die Kameradschaft "Sturm 18 Cassel" - die 18 steht für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet: A gleich Adolf, H gleich Hitler.

Immer wieder landete T. vor Gericht, wegen schwerer Körperverletzung und einmal wegen Psychoterrors gegen eine kurdische Familie. Vor Jahren entdeckte die Polizei bei einer Razzia in seiner damaligen Wohnung ein Waffenarsenal.

"Zwischenzeitlich nerve ich unseren Staat"

Für Schlagzeilen sorgte Bernd T., als 2006 bekannt wurde, dass er zum Geschäftsführer des öffentlich geförderten Multikulturvereins "Spitze e.V." in Kassel gewählt worden war. Damals beteuerte T. seinen Ausstieg aus dem Rechtsextremismus. In Wahrheit blieb er seiner Gesinnung treu, erst vor wenigen Jahren hinterließ er im Internet die Botschaft: "Mein Name ist Bernd, bin 36 Jahre alt und seit 1992 in der Szene aktiv. Zwischenzeitlich mache ich ein wenig Musik, nerve unseren Staat und baue ein internationales Netzwerk auf."

Und auch diese Nachricht stammte von T.: "Die Arische Bruderschaft, Combat 18, Freundeskreis nationaler Aktivisten, NSO sowie das Sturm 18 Netzwerk arbeiten ab sofort zusammen und bilden eine gemeinsame Front gegen System, Kameradenschweine und Antifa!"

Doch der Hass auf den Staat ging offenbar nicht so weit, als dass Bernd T. - wieder einmal hinter Gittern - nicht doch mit seinen Repräsentanten zusammenarbeiten wollte. Wie aus einem Vermerk des Bundeskriminalamts (BKA) hervorgeht, diente er sich am 15. Dezember 2011 schriftlich dem hessischen Verfassungsschutz an. Damals, der "Nationalsozialistische Untergrund" war gerade aufgeflogen, bot er Informationen zu "Netzwerken", "Finanzbeschaffungen" und "Fluchtwohnungen" an, wenn sich denn die Behörde für seine umgehende Haftentlassung einsetze. Doch daraus wurde nichts, denn das BKA hatte "erhebliche Zweifel an der Glaubhaftigkeit seiner Angaben", wie ein Hauptkommissar festhielt.

Für die inzwischen verbotene "Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige" engagierten sich seinerzeit übrigens auch die mutmaßliche NSU-Frontfrau Beate Zschäpe und die mutmaßliche NSU-Unterstützerin Mandy S. Beide betreuten für die Gruppierung verurteilte Straftäter mit einschlägiger Gesinnung während und nach der Haft. So schrieb S. beispielsweise dem in Straubing einsitzenden Kameraden Richard L. bis 2004 Briefe ins Gefängnis. Die hessischen Behörden prüfen nun, ob das AD-Netzwerk des Bernd T. an die Stelle der HNG getreten sein könnte.

Denn Bernd T. erfuhr durchaus Zuspruch auf seine Anzeige in der "Bikers News". Schon bald stand er in brieflichem Kontakt mit Häftlingen aus Stuttgart, Meppen, Vechta, Dietz, Stralsund, Tonna und Gera. Auch aus Bayern und Nordrhein-Westfalen bekam T. Post. Doch zumindest ein in Aachen Inhaftierter erkannte die Signale der rechtsextremistischen Annonce nicht. Er bat um Aufnahme in den Club, obwohl er nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen selbst jüdischen Glaubens ist.

Mitarbeit: Matthias Bartsch und Sven Röbel