Neonazi-Zelle Braune Helfer, blinde Behörden

13 Jahre lange lebten Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt unbehelligt im Untergrund. Inzwischen scheint klar: Ermöglicht wurde ihnen dieses Leben durch ein Netzwerk an Unterstützern. Fahnder kamen dem Trio mehrfach sehr nahe - unternahmen jedoch nichts.

Abgebrannte Wohnung in Zwickau: Hier lebten Beate Zschäpe und ihre Komplizen
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Abgebrannte Wohnung in Zwickau: Hier lebten Beate Zschäpe und ihre Komplizen

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Hamburg - Es ist eines der größten Rätsel um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos: Wie schaffte es das Nazi-Trio, mehr als 13 Jahre lang unbehelligt im Untergrund zu agieren? Wie kann es sein, dass die Ermittler ihrem mörderischen Treiben nicht auf die Schliche kamen?

Fest steht: Der Staat war mehrfach dicht dran an der Nazi-Bande. Nach Informationen des SPIEGEL führte der Verfassungsschutz mindestens drei V-Leute im Umfeld des Zwickauer Trios. Trotzdem gelang es nicht, die Gesuchten zu schnappen. Im Jahr 2000 sollen Zielfahnder das Trio in Chemnitz aufgespürt haben, doch es passierte einmal mehr: nichts.

Die große Nähe zur rechtsextremen Szene lässt das Versagen der Ermittler noch größer erscheinen, denn es legt zugleich den Verdacht nahe, dass man an den entscheidenden Stellen nicht entschlossen genug agierte, das Trio womöglich sogar gewähren ließ.

Entweder die V-Leute in Zschäpe, Mundlos' und Böhnhardts Nähe waren nichts wert, weil sie die entscheidenden Informationen nicht kannten. Oder sie waren nichts wert, weil sie die entscheidenden Informationen nicht weitergaben. Letzteres wäre noch unangenehmer für die Ermittler, in diesem Fall wäre das gesamte Konzept des Verfassungsschutzes nutzlos gewesen.

Hinzu kommen mehrere Pannen in der Ermittlungsarbeit: Im Herbst 1999 observierte der niedersächsische Verfassungsschutz auf Bitte aus Thüringen den mittlerweile als mutmaßlichen Komplizen verhafteten Holger G., stellte die Überwachung aber viel zu früh wieder ein. Diesen Fehler hat Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) bereits eingeräumt. Zurück bleibt der Eindruck, dass die einzelnen Sicherheitsbehörden alles andere als gut zusammenarbeiteten.

"Es sieht so aus, als ob einige Behörden kläglich versagt haben", sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) bei einer Versammlung der Jungen Union im bayerischen Essenbach. Im SPIEGEL kündigt der Minister an, der Bundesanwaltschaft mehr Kompetenzen übertragen zu wollen. Auf diese Weise solle verhindert werden, dass die Ermittlungsbehörden der einzelnen Länder den größeren Zusammenhang einer Verbrechensserie übersehen - wie nun im Fall der Zwickauer Zelle geschehen.

Auch Angela Merkel (CDU) forderte eine bessere Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. "Ich möchte nie wieder, dass ein Geheimdienst Vollzugsbefugnisse bekommt", sagte die Kanzlerin in einer Videobotschaft. "Aber informieren müssen sich die Behörden natürlich untereinander. Hier werden wir genau hinschauen, ob wir etwas aus den Vorgängen lernen müssen."

Bekam das Trio Hilfe bei der Erstellung der DVD?

Es waren aber nicht allein die Pannen der Ermittler, die Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos das kriminelle Leben im Untergrund ermöglichten. Die drei konnten sich offenbar auch auf mehr Hilfe verlassen als bislang bekannt: Nach Informationen des SPIEGEL geht der Thüringer Verfassungsschutz von etwa 20 Unterstützern aus, die dem Trio im Untergrund geholfen haben. Laut BKA-Präsident Jörg Ziercke könnte sich die Unterstützerszene gar als Netzwerk herausstellen.

Ein mutmaßlicher Helfer stammt aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt: Matthias D., der vermutlich die letzte Wohnung des Trios in Zwickau anmietete. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lebte er selbst zuvor jahrelang in der Wohnung in der Frühlingsstraße, die Beate Zschäpe schließlich in Brand setzte, um Spuren zu vernichten.

Auch André E. und seine Frau Susann rücken in den Fokus der Ermittler. Der Zwickauer hat nach Informationen des SPIEGEL möglicherweise bei der Produktion des Videos geholfen, in dem sich der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) zu insgesamt zehn Morden bekennt. In dem Film verbindet die NSU auf zynische Weise Originalaufnahmen der Tatorte mit der Comicfigur Paulchen Panther. Die Ermittler gehen nicht davon aus, dass Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe das Video erstellt haben. "Die drei waren es nach derzeitigem Erkenntnisstand wohl nicht", sagte Friedrich dem SPIEGEL.

Das Ehepaar E. könnte den Tätern auch eine sichere Fortbewegung durch die Bundesrepublik ermöglicht haben. Im Wohnmobil in Eisenach, in dem Mundlos und Böhnhard tot aufgefunden wurden, stellten die Ermittler Bahncards sicher, die auf die Namen des Ehepaares ausgestellt waren und offenbar von Zschäpe und Böhnhardt benutzt wurden.

Alte Seilschaften

Der Zwillingsbruder von André E. könnte ebenfalls über den Aufenthaltsort des Trios informiert gewesen sein. Er ist im Milieu bekannt: Er soll Mitglied des 2006 verbotenen "Schutzbunds Deutschlands" gewesen sein und sich auch bei der NPD-Jugendorganisation Junge Nationaldemokraten engagieren.

Alte Seilschaften aus Jena gelten ebenfalls als verdächtig: In den neunziger Jahren hatten die NPD-Mitglieder Ralf Wohlleben und André K. mit Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt und Holger G. die "Kameradschaft Jena" gebildet. In der Szene wird spekuliert, dass auch Wohlleben und K. das abgetauchte Trio anfänglich gedeckt haben könnten.

Die Jenaer "Kameradschaft" nahm regelmäßig an den Treffen des berüchtigten "Thüringer Heimatschutzes" teil. Dessen führender Kopf, Tino B., war unter dem Decknamen "Otto" auch beim Verfassungsschutz bekannt: Er arbeitete ebenfalls als V-Mann. Hinzu kommen mehrere in der Szene bekannte Neonazis, bei denen ein Wissen über den Aufenthaltsort von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos zumindest denkbar erscheint.

Noch ist unklar, wer nur als Mitläufer des "NSU" dabei war, wer als Mitwisser und wer vielleicht sogar Komplize. Das Wort Unterstützer lässt viele Möglichkeiten offen. Die Bundesanwaltschaft führt nach Informationen des SPIEGEL inzwischen sechs Beschuldigte.

Eines ist jedoch klar: Je mehr Unterstützer offenbar werden, desto fragwürdiger mutet es an, dass die Ermittlungsbehörden von der Existenz und dem Treiben der Zwickauer Zelle nichts gewusst haben.

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