Neonazi-Propaganda auf Dortmunder Kirchturm "Die Friedensglocke wird lauter sein"

In Dortmund besetzten Rechtsextreme kurzzeitig den Turm der Reinoldikirche und grölten Parolen. Auch wegen Pfarrerin Susanne Karmeier blieben sie ungehört.

Reinoldikirche in Dortmund
picture alliance/ Arco Images G

Reinoldikirche in Dortmund

Ein Interview von


Dortmund, Innenstadt, der Freitag vor dem vierten Advent: Am frühen Abend besetzt eine Gruppe Rechtsextremer den Turm der Reinoldikirche im Zentrum der Stadt. Sie rollen ein Plakat aus, brüllen Parolen, zünden auf dem Turm Pyrotechnik. Polizei und Feuerwehr verschafften sich gewaltsam Zutritt zur Turmplattform und beendeten die Propaganda-Aktion. Die acht Rechtsextremisten wurden festgenommen. Inzwischen sind sie wieder frei.

Laut Polizei handelt es sich um sieben Männer zwischen 24 und 38 Jahren aus Dortmund, Chemnitz, Wuppertal und Düsseldorf sowie um eine 26 Jahre alte Frau aus Dortmund. Ermittlungen gegen die Gruppe laufen wegen des Verdachts der Sachbeschädigung, Störung der Religionsausübung, Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole, des Hausfriedensbruchs und Verstoßes gegen das Sprengstoffgesetz.

Der Vorfall fand weit über Dortmund hinaus Beachtung. Kirchenvertreter zeigten sich entsetzt, der Kirchenkreis Dortmund sprach von einem "skrupellosen Missbrauch des Kirchengebäudes" und einer "tiefen Respektlosigkeit". Die Aktion belege, "dass den Rechtsextremisten nichts heilig ist - eine Kirche so wenig wie das friedliche Zusammenleben der Menschen in der Stadt".

Im Interview spricht Pfarrerin Susanne Karmeier über die Aktion, die Folgen für ihre Gemeinde und ihre Botschaft an die Täter.

Zur Person
  • Isabella Thiel/ Isabella Thiel/ Ev. Stadtkirche St. Reinoldi Dortmund
    Susanne Karmeier, Jahrgang 1969, ist seit 2013 Pfarrerin in der Evangelischen Stadtkirche St. Reinoldi in Dortmund. Zuvor arbeitete sie als Gemeindepfarrerin im Dortmunder Stadtteil Kirchlinde.

SPIEGEL ONLINE: Frau Karmeier, wie haben Sie den Vorfall erlebt?

Karmeier: Wir wurden komplett überrascht. Im Advent gibt es in der Reinoldikirche jeden Tag eine Viertelsternstunde: 15 Minuten Geschichte - Gebet - Musik. Danach öffnen wir um 18.30 Uhr den Turm, damit Besucher den Weihnachtsmarkt von oben anschauen können. Diese acht Personen sind als Erste rein und haben sich auf der Turmplattform verbarrikadiert. Andere Besucher haben uns das mitgeteilt. Ein Mitarbeiter von uns hat nachgesehen, ein anderer verständigte die Polizei. Ein Gespräch durch die verbarrikadierte Tür war nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Der Zweck der Aktion offenbarte sich sehr schnell.

Karmeier: Die Polizei sagte, die acht Personen hätten ein Transparent mit islamfeindlichen Äußerungen ausgerollt. Und dann habe ich von den Beamten erfahren, dass die Verbarrikadierten auch rechtspopulistische Parolen brüllten. Polizisten fragten, ob ich dagegen etwas tun könne.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie baten Ihre Mitarbeiter, die Glocken zu läuten.

Karmeier: Es war eine Bauchentscheidung. Ich wollte den Informationsfluss zwischen den Leuten auf dem Turm und den Menschen unten unterbinden. Durch das Geläut konnte unten niemand hören, was die oben brüllten.

SPIEGEL ONLINE: War das auch eine symbolische Geste: Krakeelt eure Parolen, so laut ihr wollt - die Glocken sind lauter?

Karmeier: In dem Moment habe ich über diese symbolische Bedeutung nicht nachgedacht, später aber schon: Eine dieser Glocken ist eine Friedensglocke - und ich dachte: Ja, die Friedensglocke wird lauter sein.

SPIEGEL ONLINE: Verändert der Vorfall die Reinoldikirche?

Karmeier: Nein. Die Reinoldikirche ist immer eine offene Kirche gewesen, für alle Menschen. Dass dieser Ort durch rechtspopulistische Propaganda missbraucht wurde, ist empörend. Aber die Gemeinde und die Evangelische Kirche in Dortmund stehen geschlossen: Die Leute, die das getan haben, werden uns nicht das Vertrauen nehmen. Wir sind wachsam, aber wir schließen die Kirche nicht.

SPIEGEL ONLINE: Rechtsextremismus ist in Dortmund kein unbekanntes Phänomen. Hätten Sie sich vorstellen können, dass so etwas passiert?

Karmeier: Man tut Dortmund Unrecht. Die Stadt gilt als Hochburg der Rechten, wenn zu Aktionen aus ganz Deutschland Gleichgesinnte anreisen. In Dortmund gehört zu diesem Spektrum eine überschaubare Zahl von Leuten, die auch versuchen, dieses Bild von Dortmund zu pushen. Wir haben das jetzt einmal hautnah erlebt. Das tut mir für die Stadt leid. Denn es gibt eine viel größere Bewegung, die Zeichen dagegen setzt, etwa die Aktion "Wir alle sind Dortmund".

SPIEGEL ONLINE: Bald ist Weihnachten. Werden Sie über den Vorfall predigen?

Karmeier: Ich will den Leuten, die das getan haben, nicht noch mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Das ist genau das, was die wollen. Aber unsere Botschaft bleibt: Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung und Verständigung - auch unter den Religionen. Das werden wir auch weiterhin predigen. Gerade an Weihnachten, wo es um eine Flüchtlingsgeschichte geht, wo es um Jesus den Juden geht, werden wir ein Zeichen setzen gegen Antisemitismus und fremdenfeindliches Gedankengut.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie mit den Leuten sprechen könnten, die das Plakat ausgerollt und Parolen gebrüllt haben: Was würden Sie ihnen sagen?

Karmeier: Unsere Kirche ist kein Ort für nationalistische, rassistische und antisemitische Propaganda. Respektiert das. Ihr sät Unfrieden. Das widerspricht diesem Ort und der christlichen Botschaft. Schaltet euer Herz an. Hört auf, so verbohrt zu sein. Fangt an nachzudenken. Lasst die Verallgemeinerungen, nehmt die einzelnen Menschen in den Blick. Weitet euren Horizont. In einer Welt, wie ihr sie wollt, wollen wir nicht leben.



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