Polizist wegen versuchten Mordes vor Gericht »Ist mir natürlich klar: Ich bin hier der Angeklagte, ich bin der Böse.«

Der Polizist Torsten B. soll seine Sexpartnerin verprügelt und angezündet haben. Vor Gericht räumt er Schläge ein, bestreitet aber den Mordversuch. Seine vier Stunden lange Aussage wirkt konfus.
Von Wiebke Ramm, Neubrandenburg
Torsten B. vor Gericht: Angeklagt wegen versuchten Mordes

Torsten B. vor Gericht: Angeklagt wegen versuchten Mordes

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Er spricht frei, fast vier Stunden lang. Torsten B., 56 Jahre alt, Polizist, trägt an diesem Dienstag vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Neubrandenburg eine komplizierte und konfuse Geschichte vor.

Für die Staatsanwaltschaft ist die Sache klar: Laut Anklage soll B. am 11. Oktober 2021 seine ehemalige Geliebte in ihrer Wohnung in Neubrandenburg geschlagen und gewürgt haben, bis sie das Bewusstsein verlor. Stefanie E., 33, habe zuvor noch versucht, um Hilfe zu schreien und die Wohnungstür zu erreichen. Torsten B. habe weiter auf sie eingeschlagen. Auch ihre 69 Jahre alte Mutter soll er geschlagen und zu Boden geschleudert haben, bis sie das Bewusstsein verlor. Dann soll er seine frühere Freundin mit Spiritus übergossen und angezündet haben. Stefanie E. erlitt großflächige Verbrennungen. Die Verletzungen seien lebensgefährlich gewesen, sagt die Staatsanwältin. Im Schlafzimmer lag ein Baby, elf Monate alt. Es kam mit Verdacht auf Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat Torsten B. grausam und aus niedrigen Beweggründen gehandelt. Er habe versucht, seine frühere Freundin »qualvoll zu töten«, um zu verschleiern, dass er der Vater des Kindes sei.

»Es gab überhaupt keine Veranlassung durchzudrehen«

Den Vorwurf des versuchten Mordes weist er zurück. Er habe seine frühere Geliebte und ihre Mutter zwar geschlagen, aber er will seine ehemalige Freundin weder mit Brennspiritus übergossen noch angezündet haben. Er habe lediglich reden wollen, sagt er. Weil seine frühere Geliebte plötzlich um Hilfe gerufen habe, sei die Situation eskaliert. »Es gab überhaupt keine Veranlassung durchzudrehen.« Er meint damit die Hilferufe der Frauen, nicht sein Verhalten.

Torsten B. ist ein 1,90 Meter großer, durchtrainierter Mann mit Brille und kurzen Haaren. Seit 35 Jahren arbeitet er bei der Polizei, zuletzt beim Kriminaldauerdienst in Rostock. Stefanie E. lernte er im Internet kennen. Er sagt, sie hätten sich zwischen Dezember 2019 und März 2020 wenige Male zum Sex getroffen. Als er erfahren habe, dass sie noch andere Männer treffe, habe er den Kontakt abgebrochen.

Im August 2021 habe sie ihm geschrieben, dass sie eine Tochter bekommen habe und er als Vater in Betracht käme. Er habe nicht reagiert. Erst als er Post vom Jugendamt bekam, habe er sich um einen Vaterschaftstest bemüht. Sie sei von so einem Test nicht begeistert gewesen, sagt er. Stattdessen habe sie 5000 Euro von ihm gefordert, dann würde sie für sich behalten, dass er der Vater sei. Er habe ihr deutlich gemacht, dass er sich nicht erpressen lasse. Wenn er der Vater sei, würde er seiner Verantwortung auch nachkommen. So wie er es darstellt, sei bei dem ersten Vaterschaftstest bei der Auswertung etwas schiefgelaufen.

Dann erwähnt er zwei ominöse Textnachrichten, die er im September 2021 erhalten habe: »Es wird Zeit, dass du deine Schulden bezahlst, sonst...« Er habe nicht weitergelesen und die Nachrichten gelöscht. Die Handynummer des Absenders habe er Stefanie E. zugeordnet. Er habe sie daraufhin um ein Treffen gebeten, um »das Problem« zu klären. Welches Problem genau er meint, wird nicht ganz klar. »Ich habe da eine latente Gefahr gesehen, ich wollte nicht zwischen irgendwelche Fronten geraten«, sagt er.

Am 11. Oktober 2021 sei er dann zu ihrer Wohnung gefahren. Es sei eine spontane Idee gewesen. Torsten B. stockt, trinkt einen Schluck Wasser, schweift ab. Zunächst spricht er von einem zweiten Vaterschaftstest, den er offenbar manipuliert hat. Er habe ihr damit einen »Schuss vor den Bug« verpassen wollen, wegen ihrer »hinterfotzigen Art und Weise«. Seine Erzählung stockt erneut. Dann spricht er weiter.

Er zog seine gepolsterten Motorradhandschuhe an

Er sei zu ihr gefahren und habe an ihrer Wohnungstür geklingelt. Vorher habe er sich seine gepolsterten Motorradhandschuhe angezogen, um die Tür offen zu halten, falls sie die Tür gleich wieder hätte zuschlagen wollen. Stefanie E. sei überrascht gewesen, ihn zu sehen. »Ich habe den Überraschungsmoment ausgenutzt, die Tür aufgedrückt und einen Schritt in die Tür gemacht.« Sie solle ihm ein paar Fragen beantworten, habe er gesagt. Es sei »keine bedrohliche Atmosphäre« gewesen. Er habe die Tür extra einen Spalt offengelassen, als er im Flur stand. Plötzlich sei die Mutter erschienen. Und dann – »völlig unvermittelt« – habe Stefanie E. um Hilfe geschrien. Er habe ihr den Mund zugehalten. »Sie hat sich auf den Fußboden sinken lassen und wie eine Verrückte gegen die Wohnungstür getrampelt.« Auch ihre Mutter habe um Hilfe geschrien.

»Der Lärm, der Krach, das hat mir einfach den Stecker gezogen.« Er nennt die Hilfeschreie der Frauen eine »akustische Reizüberflutung«. Er sagt: »Ich hatte keine Kontrolle.« Er habe sein Verhalten nicht mehr steuern können und sei »total überfordert« gewesen.

Die Frauen seien vor ihm »herumgehampelt«, da habe er Stefanie E. einen Faustschlag versetzt. Ihre Mutter habe er »weggeschoben«. Alles Weitere habe er »wie in Zeitlupe« wahrgenommen. Er gibt eine genaue Anzahl seiner Schläge an. Zweimal habe er die Mutter, viermal Stefanie E. getroffen. Die Mutter sei ohne sein Zutun gestürzt. Auch Stefanie E. sei gestürzt. Seine Darstellung wird wirrer. »Ich habe alles als völlig diffus, surreal in Erinnerung.«

Ihm sei der Schweiß ausgebrochen, er habe schwer Luft bekommen, die Brille abgesetzt. Dann sei ihm der Gedanke gekommen, dass er mit seinen Schuhen im Flur Spuren verursache. Er habe im Flur eine Spiritusflasche genommen, etwas auf die Stelle des Laminats gespritzt, wo er gestanden habe. Die Mutter habe sich im Flur geregt, er sei zu ihr gegangen, habe sie gefragt, ob alles okay sei. Da sei Stefanie E. durch den Flur gekrochen, dass sie womöglich durch die Spirituspfütze robbte, habe er nicht bedacht. Er habe sie zur Seite geschoben. Dann habe er noch mehr Spiritus verteilt und den Spiritus angezündet. Das Feuer an der einen Stelle des Laminats habe ungefähr eine halbe Minute gebrannt, dann sei es erloschen. Es habe keine Rauchentwicklung gegeben. Er habe die Wohnung verlassen. Zu Hause sei er ganz durcheinander gewesen. Am nächsten Tag habe er sich selbst anzeigen wollen. Doch vorher wurde er festgenommen.

Warum hatte er als Nichtraucher Streichhölzer dabei?

Die Vorsitzende Richterin fragt ihn, was die gepolsterten Handschuhe sollten. »Habe ich Ihnen doch erklärt«, sagt er. Er habe verhindern wollen, dass sie die Wohnungstür schließt, wenn sie ihn sieht. »Aber wenn Sie doch nur reden wollten, warum hätten Sie nicht akzeptieren können, wenn sie die Tür wieder schließt?« »Ist doch ganz einfach: Weil es dann nicht zur Klärung gekommen wäre.« Die Richterin fragt weiter. »Warum sind Sie nicht einfach gegangen, als die Frauen um Hilfe schrien?« Er kann es nicht erklären, spricht erneut von seiner Überforderung. Und warum hatte er als Nichtraucher Streichhölzer dabei? Er zünde zu Hause gern Teelichter an, sagt Torsten B.

Die Staatsanwältin fragt, warum er den zweiten Vaterschaftstest manipuliert habe, wenn eine Vaterschaft für ihn kein Problem gewesen wäre? Torsten B. reagiert dünnhäutig. Statt einer Antwort sagt er: »Ist mir natürlich klar: Ich bin hier der Angeklagte, ich bin der Böse.«

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