Polizist wegen versuchten Mordes vor Gericht Bewusstlos geschlagen, dann angezündet

Hat der Polizist Torsten B. seine Sexpartnerin wirklich mit Spiritus übergossen und angezündet? Er hat eine andere Erklärung, doch der Brandsachverständige glaubt nicht daran.
Aus Neubrandenburg berichtet Wiebke Ramm
Angeklagter Torsten B. im Landgericht Neubrandenburg: Er spricht selbstsicher und im Polizeijargon

Angeklagter Torsten B. im Landgericht Neubrandenburg: Er spricht selbstsicher und im Polizeijargon

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Die Geschichte des Angeklagten passt nicht zu dem Spurenbild. Sie passt auch nicht zu den Verletzungen des Opfers. Der Brandsachverständige vom Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg sagt am Mittwoch vor dem Landgericht Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern, er habe alle Varianten durchgespielt. Sein Ergebnis ist eindeutig: »Für meine Begriffe war Frau E. bewusstlos, als sie mit Brennspiritus überschüttet und angezündet worden ist.«

Ein Polizist hatte Mitte März – am zweiten Verhandlungstag – berichtet, wie er Stefanie E. am Nachmittag des 11. Oktober 2021 in Neubrandenburg in ihrer verqualmten Wohnung fand. Die 33-Jährige lag stöhnend im Flur auf dem Boden. »Sie war verbrannt, offensichtlich«, sagte er damals. »Die gesamte Kleidung war vom Körper gebrannt. Ihr Unterleib war komplett verbrannt.« Die Frau lag in einer Blutlache. »Aus ihrem Kopf floss Blut.«

Einmal, zweimal, noch einmal

Der Polizist schilderte es so: Der Flur war nass, ihr Haar auch. Ihre Mutter hatte das Feuer offenbar mit Wasser gelöscht. Die 69-Jährige kniete neben ihrer Tochter. Sie stand unter Schock. Auch sie war am Kopf verletzt. Er habe die Mutter ins Freie geschickt, so der Polizist, sie habe nicht reagiert. Er habe sie angeschrien. Einmal, zweimal, noch einmal. Erst dann habe die Mutter die Wohnung verlassen.

Mit einer Kollegin trug der Polizist ihre Tochter ins Treppenhaus, raus aus dem Rauch. Derartige Verbrennungen habe sie noch nie gesehen, sagte die Polizistin später im Prozess. Und auch der Brandsachverständige des LKA sagt an diesem Mittwoch: »Solche intensiven Brandverletzungen sind mir noch nicht untergekommen.« Stefanie E. erlitt großflächige Verbrennungen zweiten und dritten Grades vor allem im Genital- und Oberschenkelbereich.

Der Brandsachverständige erstattet sein Gutachten frei. Er liest nichts vor und erklärt detailliert und eindringlich, wieso sich das Geschehen nicht so zugetragen haben könne, wie es der Angeklagte Torsten B. behauptet.

22 Jahre lang beim Kriminaldauerdienst

Torsten B. wird wissen, was das für ihn bedeutet. Bis zu seiner Verhaftung hat der 56-jährige Polizeibeamte 22 Jahre lang beim Kriminaldauerdienst in Rostock gearbeitet, »zuständig für alle nicht natürlichen Todesfälle im ganzen Landkreis«, so hatte B. es zu Prozessbeginn selbst gesagt.

Stefanie E. und Torsten B. hatten sich im Internet kennengelernt. Sie trafen sich gelegentlich zum Sex. Stefanie E. wurde schwanger, im November 2020 gebar sie eine Tochter. Im August 2021 offenbarte Stefanie E. ihm, dass er möglicherweise der Vater ist. Sie forderte einen Vaterschaftstest, zwei Tests scheiterten, mindestens ein Ergebnis hat er manipuliert. Im Oktober dann die Geschehnisse, um die es hier vor Gericht geht.

»Ich wollte, dass es aufhört«

Torsten B. ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, Stefanie E. mit Brennspiritus übergossen und angezündet zu haben, um sie »qualvoll« zu töten, seine Vaterschaft zu verschleiern und keinen Unterhalt zu zahlen. Er habe versucht, sie grausam und aus niedrigen Beweggründen zu töten. Das sind zwei Mordmerkmale. Möglicherweise kommt noch ein drittes Mordmerkmal hinzu: Verdeckung einer Straftat. Darauf hat Richterin Daniela Lieschke, Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, gleich zu Prozessbeginn hingewiesen.

Torsten B. hat gestanden, am Tattag bei Stefanie E. in der Wohnung gewesen zu sein; er habe nur reden wollen. Doch Stefanie E. habe »völlig unvermittelt« angefangen, um Hilfe zu schreien. Auch ihre Mutter habe geschrien. Er habe den Lärm nicht ertragen und zugeschlagen. »Ich wollte, dass es aufhört.« Torsten B. spricht vor Gericht selbstsicher und im Polizeijargon. Er sagt »Tätlichkeiten«, wenn er Schläge meint.

Die Frauen seien zu Boden gegangen. Dann habe er alles nur noch in Zeitlupe wahrgenommen. Er habe plötzlich den Gedanken gehabt, er müsse seine Fußspuren auf dem Laminat vernichten. Er habe eine Flasche Brennspiritus im Flur gefunden, den Spiritus auf eine Stelle des Bodens verteilt und mit einem Streichholz angezündet. Nach etwa dreißig Sekunden sei das Feuer erloschen und er habe die Wohnung verlassen. Gebrannt habe es da nicht mehr. Er sagt, er habe die Wohnungstür hinter sich fest zuziehen müssen, da ein Windzug das einfache Schließen verhindert habe.

Der Gutachter widerspricht

Torsten B. möchte offenbar eine Art Unfallszenario nahelegen. Nach seiner Darstellung habe sich womöglich ein noch glimmender Gegenstand durch den Luftzug neu entzündet, wodurch es durch den Spiritus zu Stefanie E.s Brandverletzungen gekommen sei. Er sagt, Stefanie E. sei noch durch den Flur gekrochen, als er den Spiritus schon auf dem Boden verteilt hatte. Dabei habe sie sich vielleicht mit dem Brennspiritus »kontaminiert«.

Für den Brandsachverständigen passt das hinten und vorne nicht zum Spuren- und Verletzungsbild. »Eine erneute Entzündung ist für mich ausgeschlossen«, sagt er. Ein kurzer Windstoß durch das Öffnen einer Tür könne weder glimmende Pappe im Flur noch glimmendes Holz eines Regals neu entzünden. Auch der Spiritus würde nicht von selbst wieder entflammen. »Ist die Flamme erloschen, dann ist der Spiritus verbrannt. Dann gibt es auch keine Möglichkeit einer erneuten Entzündung.«

Die Schwere der Verletzungen von Stefanie E. widersprächen auch den Angaben von Torsten B., er habe lediglich eine geringe Menge Spiritus verschüttet. »Ihre Brandverletzungen waren so intensiv, die kriege ich mit einer geringen Menge überhaupt nicht überein.« Torsten B. spricht von vielleicht 75 Milliliter Spiritus, der Gutachter geht eher von 250 oder 500 Milliliter aus.

Stefanie E. trug eine Leggins, die Hose aus Polyester war nahezu gänzlich verbrannt. »Polyester ist Kunststoff, der schmilzt. Der brennt sich sofort in die Haut ein. Ein ganz, ganz schmerzhafter Prozess.« Der Gutachter sagt: »Ich gehe davon aus, dass sie komplett bewusstlos war und es nicht mitgekriegt hat.« Denn kein Mensch könne derartige Schmerzen ertragen, ohne reflexhaft zu versuchen, das Feuer zu löschen, »egal wie«.

Stefanie E. aber trug an ihren Fingerkuppen nur vereinzelt Brandblasen davon. Hätte sie sich mit ihren Händen versucht zu löschen, hätte sich das Polyester auch in ihre Finger eingebrannt. Nach Auffassung des Gutachters hat die Frau ausgestreckt und ohne Bewusstsein auf dem Boden gelegen, als von oben Spiritus auf sie geschüttet und sie angezündet wurde.

Stefanie E. und ihre Mutter haben vor Gericht gesagt, dass sie kaum noch Erinnerungen an das Geschehen in der Wohnung haben. Keine von beiden kann sagen, wie es zu den Brandverletzungen gekommen ist. Eines aber wollen sie sicher wissen: Bevor Torsten B. in die Wohnung gekommen sei, habe es dort keine Flasche mit Brennspiritus gegeben.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war ein mögliches Mordmerkmal falsch benannt. Wir haben die Stelle korrigiert.