Polizist wegen versuchten Mordes vor Gericht Er sagt, er habe die Spiritusflasche im Flur gefunden

Der Polizist Torsten B. soll seine Sexpartnerin verprügelt und angezündet haben. Im Gerichtssaal wird das Leiden der Frau deutlich – eine Entschuldigung will sie nicht hören.
Von Wiebke Ramm, Neubrandenburg
Angeklagter Torsten B. im Landgericht Neubrandenburg: »Ich bin grundsätzlich kein böser Mensch. In der Situation habe ich versagt.«

Angeklagter Torsten B. im Landgericht Neubrandenburg: »Ich bin grundsätzlich kein böser Mensch. In der Situation habe ich versagt.«

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance / dpa-Zentralbild

Das Laufen fällt ihr schwer, das Sitzen bereitet ihr sichtbar Schmerzen. Die Narben an ihrem Körper sind durch ihre Kleidung verdeckt. Die 33-Jährige spricht leise, stockend, zögerlich. Was am 11. Oktober 2021 kurz vor 14.30 Uhr in ihrer Wohnung passiert ist, erinnert sie nur bruchstückhaft. Den brennenden Spiritus auf ihrem Körper hat ihre Psyche offenbar aus ihrer Erinnerung gelöscht.

Sie weiß noch, dass Torsten B. in ihrem Flur war. An Worte erinnert sie sich nicht. Nur daran, dass sie auf dem Boden gelegen habe und er über ihr gewesen sei. Sie erinnere sich, dass sie sich am Rahmen der Wohnungstür festgeklammert und um Hilfe geschrien habe. »Er hat versucht, mich da wegzukriegen.« Dann sei ihre Mutter im Flur erschienen.

Torsten B. habe die damals 69-Jährige so heftig geschubst, dass sie gestürzt sei. Den Schrei ihrer Mutter scheint die Tochter noch im Ohr zu haben. Sie kann nicht weitersprechen, ihr Atem geht hektisch. Die Vorsitzende Richterin unterbricht die Vernehmung und schickt die Zeugin aus dem Saal, um sich zu beruhigen. Nach wenigen Minuten setzt die junge Frau ihre Aussage vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Neubrandenburg fort.

Er arbeitete beim Kriminaldauerdienst

Stefanie E. ist von zarter Gestalt, sie trägt Brille und Zopf und sieht jünger aus, als sie ist. Den Angeklagten hat sie auf einem Datingportal im Internet kennengelernt. Sie trafen sich gelegentlich zum Sex. Im März 2020 bemerkte sie, dass sie schwanger war. Sie hielt einen anderen für den Vater, ein Test ergab, dass er es nicht ist. Torsten B. war der einzige Mann, der noch infrage kam. Im November 2020 kam ihre Tochter zur Welt. Inzwischen steht fest, dass der Angeklagte der Vater ist.

Mutmaßlicher Täter Torsten B. (M.) im Gerichtssaal: Grausam und aus niedrigen Beweggründen?

Mutmaßlicher Täter Torsten B. (M.) im Gerichtssaal: Grausam und aus niedrigen Beweggründen?

Foto: Bernd Wüstneck / picture alliance / dpa-Zentralbild

Torsten B., 56 Jahre alt, groß gewachsen, arbeitete bis zu seiner Festnahme beim Kriminaldauerdienst Rostock. Mit Fußfesseln wird der Polizist jeden Verhandlungstag in den Saal geführt. Er muss sich wegen des Vorwurfs der Körperverletzung und des versuchten Mordes vor Gericht verantworten. Grausam und aus niedrigen Beweggründen soll er versucht haben, seine Sexpartnerin zu töten. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft habe er seine Vaterschaft verschleiern wollen, um keinen Unterhalt für das Kind zahlen zu müssen

Torsten B. bestreitet den Mordversuch. Dass er Mutter und Tochter geschlagen hat, gibt er zu. So wie er es am ersten Verhandlungstag darstellte, habe er bloß reden wollen. Dann hätten die Frauen plötzlich zu schreien begonnen. Er habe den Lärm nicht ertragen und zugeschlagen. Um seine Fußspuren auf dem Laminat zu entfernen, habe er Spiritus verschüttet und angezündet. Die Spiritusflasche habe er im Flur gefunden. Innerhalb kürzester Zeit sei das Feuer erloschen. Die schweren Brandverletzungen von Stefanie E. könne er sich nicht erklären.

Brandspuren und Verwüstungen

Von Schlägen weiß sie nichts mehr. »Ich weiß nicht, was mir passiert ist«, sagt sie am Dienstag vor Gericht. Erst im Krankenhaus setze ihre Erinnerung wieder ein. Stefanie E. kam nach Berlin in eine Klinik, spezialisiert auf die Behandlung schwerer Brandverletzungen.

Die Richterin fragt nach den Reinigungsmitteln, die sie zum Wohnungsputz verwende. Der Zeugin fällt dazu wenig ein. »Brennspiritus?« »Nein.« »Haben Sie so etwas in der Wohnung gehabt?« »Nein.« »Das können Sie ausschließen?« »Ja.« »Hat Ihre Mama das vielleicht mitgebracht?« »Nein.« Die Richterin zeigt ihr Fotos ihres Flurs. Brandspuren sind zu sehen und Verwüstungen, die auf einen Kampf hindeuten. Auf dem Boden liegt eine grüne Spiritusflasche, der Verschluss fehlt.

Den Vaterschaftstest manipuliert

Im März 2020 hatte sie dem Angeklagten kryptische Nachrichten geschrieben. Sie wollte ihm damit sagen, dass sie schwanger ist. Sie habe Angst vor seiner Reaktion gehabt, sagt sie vor Gericht, deshalb schrieb sie nur in Andeutungen. »Die Konsequenzen habe ich jetzt zu tragen«, heißt es in einer ihrer Nachrichten. »Jetzt habe ich den Salat«, schrieb sie in einer anderen.

Jobcenter und Jugendamt hätten die Daten des Kindsvaters verlangt. Deswegen habe sie Torsten B. im August 2021 schließlich mitgeteilt, dass sie eine Tochter zur Welt gebracht habe und er möglicherweise der Vater sei. »Er hat nicht freudig reagiert.« Zweimal hätten sie einen Vaterschaftstest gemacht. »Beim ersten Mal ist was schiefgegangen.« Das Labor habe die Proben nicht auswerten können. Der Angeklagte will daran nicht schuld sein. Dass er den zweiten Test manipuliert hat, gibt er zu. Stefanie E. sagt, dass sie »fassungslos« gewesen sei, als der Test ergab, dass er nicht der Vater sei. Sie habe die Vaterschaft daraufhin gerichtlich feststellen lassen wollen.

Anfang Oktober 2021 habe er auf ein Treffen gedrängt. Angeblich wegen komischer Spam-Nachrichten, die von ihrer Handynummer gekommen sein sollen. Leute würden mithilfe ihrer Handynummer bedroht, habe er ihr mitgeteilt. Sie wollte ihn nicht treffen. »Er hat gesagt, dass er es dann auf seine Art regelt.« Was er damit meinte, wusste sie nicht.

»Ich habe gesehen, meine Tochter wird bedroht«

Zuvor hatte das Gericht am Dienstag die Mutter von Stefanie E. gehört. Auch die inzwischen 70-Jährige kann sich kaum noch an jenen Oktobernachmittag erinnern. »Es ist irgendwie alles weg.« Sie wisse noch, dass ein Mann, »ziemlich groß«, im Flur stand. »Ich weiß nur, ich habe gesehen, meine Tochter wird bedroht. Ich weiß nur, ich bin irgendwie dazwischen gegangen.« Sie sagt: »Ich habe versucht, meine Tochter zu beschützen. Was ich genau gemacht habe, weiß ich nicht.«

Sie habe das Bewusstsein verloren und sei erst im Krankenhaus wieder zu sich gekommen. Eine Rechtsmedizinerin sprach vor Gericht von erheblichen Gesichtsverletzungen. Die Nase der Mutter war gebrochen, ihrer Stirn wies eine deutliche Schwellung auf, ihr rechtes Auge war blutunterlaufen. Die Mutter wies zudem Hämatome an Schulter, Schlüsselbein und Unterarm sowie eine Abschürfung am Oberschenkel auf.

An Rauch, den Nachbarinnen wahrgenommen hatten, kann sich die Mutter nicht erinnern. Auch nicht daran, dass sie einer Nachbarin das elf Monate alte Baby übergab, damit es dem Qualm nicht weiter ausgesetzt war.

Dann richtet der Angeklagte das Wort an die 70-Jährige. Er sagt, dass er sich nicht erklären könne, was an jenem Tag geschehen sei. Er wisse nur, dass die Situation eskaliert sei, »weil die Stimmung so abrupt wechselte«. Er sagt: »Ich bin grundsätzlich kein böser Mensch. In der Situation habe ich versagt. Ich wollte ein Problem klären, das hat nicht geklappt.«

Dann gibt er ihr und ihrer Tochter die Schuld für sein »Fehlverhalten«. Er spricht vage von »Stress, der produziert wurde, durch den Lärm«. So hatte er es schon in seiner Einlassung gesagt. Er meint vermutlich die Schreie der Frauen, für die es angeblich keinen Anlass gegeben habe.

Vergangene Woche hatte die Vorsitzende Richterin Aufnahmen der Schreie im Saal vorgespielt. Durch Zufall hatte eine Nachbarin sie mitgeschnitten, als sie gerade eine Sprachnachricht für eine Freundin aufnahm. Schrille Frauenschreie tönten durch den Saal, sie klangen nach Todesangst, nach unerträglichen Schmerzen.

Torsten B. sagt zu der Mutter, ihm tue sein Verhalten »unendlich leid«. Er bittet sie um Entschuldigung. Seine kleine Tochter, ihre Enkelin, erwähnt er mit keinem Wort. Als er auch ein paar Worte an Stefanie E. richten möchte, lässt deren Anwalt das nicht zu. »Meine Mandantin möchte die nicht hören.«