Neue Taktik Polizisten müssen bei Amokläufen stürmen

Abwarten ist keine Option mehr: Die Polizei in Baden-Württemberg geht bei Amokläufen inzwischen sehr viel offensiver vor. Dabei nimmt man auch größere Gefahren für die Beamten in Kauf.

Göppingen - Es ist erst ein halbes Jahr her, dass der baden-württembergische Landespolizeipräsident Erwin Hetger das neue Amok-Einsatzkonzept vorstellte. Es sei Vorbild für die Polizei in vielen anderen Bundesländern, so Hetger im vergangenen Oktober. Amokläufer wollten in kürzester Zeit möglichst viele Menschen umbringen. "Das Abwarten von Analysen ist deshalb tödlich", betonte Hetger. In Zukunft sollen alle Streifenpolizisten im Land sofort versuchen, einen solchen Täter zu stoppen, statt wie bisher auf ein Spezialeinsatzkommando zu warten.

Weil die Beamten durch das schnelle Vorgehen der Täter extrem gefährdet seien, müssten sie auch besonders gut auf solche Einsätze vorbereitet werden. "Es ist uns nicht leicht gefallen, von den Beamten dieses hohe Risiko einzufordern", sagte Hetger. Es gebe aber keine Alternative. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) beurteilte das Konzept seinerzeit skeptisch.

Die Polizei habe ein Trainingskonzept mit Videosimulationen und Rollenspielen entwickelt, sagte Hetger. Unter zehn verschiedenen Einsatzsimulationen sei auch eine Geiselnahme an einer Schule. Die Beamten müssten vor allem lernen, das richtige Maß zu finden. Sie dürften nicht wahllos drauflosschießen, aber auch nicht zögern, wenn sie vom Amokläufer bedroht werden, betonte der Direktor der Bereitschaftspolizei, Thomas Mürder. "Ein Amoktäter zögert nicht, er tötet."

Wichtig sei auch, dass die Beamten sich im Einsatz gegenseitig schützen könnten, sagte Polizeiinspekteur Dieter Schneider. "Wir wollen keine Einzelkämpfer - die hätten keine Chance."

Der GdP-Vize in Baden-Württemberg, Rüdiger Seidenspinner, warnte seinerzeit vor überzogenen Erwartungen an die Streifenbeamten. "Die Spezialeinsatzkommandos trainieren so was jeden Tag." Die Rollenspiele in der Ausbildung empfänden die Polizisten zwar überwiegend als hilfreich, beim Gedanken an einen solchen Einsatz fühlten sich viele aber doch überfordert.

Die Diskussion um das richtige Einsatzkonzept bei Amokläufen hatte bundesweit begonnen, nachdem ein Amokläufer 2002 an einem Gymnasium in Erfurt 16 Menschen und sich selbst getötet hatte. In Baden-Württemberg hatte ein Unbekannter vor zwei Jahren ein Blutbad an einer Schule angekündigt und damit Angst und Schrecken verbreitet. Laut Stuttgarter Innenministerium gab es in den vergangenen zwei Jahren allein an Schulen des Landes 114 Amok-Drohungen.

jdl/dpa
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