Neuer Prozess Der lächelnde Kannibale

Es ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte: Ein Mann tötet einen anderen, isst seine Leiche - und wird nur wegen Totschlags verurteilt. Jetzt wird der Prozess gegen Armin Meiwes in Frankfurt neu aufgerollt.

Von Roman Heflik


Frankfurt - Es ist Punkt 9.30 Uhr, als der Mann den Saal betritt, auf den alle warten. Die Fotoapparate klicken. Die Aufnahmen werden zeigen: einen Mann Mitte Vierzig, mit breitem Kinn und hoher Stirn, gekleidet in einen dunkelgrauen Anzug, darunter ein anthrazitfarbenes Hemd, eine elegante grau gestreifte Krawatte mit Nadel. Die Arme halten einen dicken Aktenordner. Was die Fotos nicht zeigen: die Abwesenheit jeglicher Nervosität, die Ruhe und Selbstsicherheit des Mannes. Armin Meiwes ist der Kannibale von Rotenburg.

Angeklagter Meiwes: Gut gelaunt im Gerichtssaal
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Angeklagter Meiwes: Gut gelaunt im Gerichtssaal

Meiwes kennt das alles schon: Das leicht abgestandene Ambiente eines Gerichtssaals, die Aufmerksamkeit der Presse, die fasziniert starrenden Blicke aus dem Zuschauerraum. Er hat das alles schon mal erlebt, damals, in Kassel, als das dortige Landgericht zu verstehen versuchte, was der Angeklagte Meiwes getan hatte. Wie bestraft man einen Menschen, der jemanden auf dessen Willen hin tötet und dann verspeist? Von Kannibalismus war im Strafgesetzbuch nichts zu finden. Die wesentlichen Merkmale für Mord lägen nicht vor, beschlossen die Richter schließlich und verurteilten Meiwes zu achteinhalb Jahren Haft -  wegen Totschlags.

Das war im Januar 2004. Heute, zwei Jahre später, wird der Fall des Kannibalen von Rotenburg neu aufgerollt. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil von damals im vergangenen Jahr aufgehoben. "Rechtsfehlerhaft" habe das Kasseler Gericht verschiedene Mord-Merkmale verworfen, entschieden die Karlsruher Richter. Verschiedene Aspekte seien nochmals daraufhin zu überprüfen, ob sie nicht für ein Urteil wegen Mordes - und damit für eine lebenslange Strafe - ausreichten. Und so steht Armin Meiwes wieder vor Gericht. Viel auszumachen scheint es ihm nicht. Als der Vorsitzende Richter Klaus Drescher fragt, ob Meiwes heute eine Stellungnahme abgeben wolle, nickt er heftig.

"Persönlichkeitsstörung des Opfers ausgenutzt"

Meiwes hat sich eine kleine Brille aufgesetzt. Das Kinn auf die Brust gestützt, die Augenbrauen hochgezogen, lauscht er der Anklageschrift, die Staatsanwalt Marcus Köhler verliest. "Zur Befriedigung des Geschlechtstriebes und zur Ermöglichung einer weiteren Straftat", nämlich der Störung der Totenruhe, habe Meiwes einen Menschen ermordet. Die Anklage wegen Mordes statt Totschlags basiert auf zwei Eckpunkten:

Erstens: Das Opfer, der Berliner Diplom-Ingenieur Bernd B., habe gar nicht ausdrücklich seine eigene Tötung gewünscht. Trotz seiner wüsten Sado-Maso-Fantasien habe B. ein Rendezvous mit Meiwes kurz vor der verabredeten Schlachtung abbrechen wollen. Doch "der Angeklagte erkannte die seelische Zerrissenheit und versuchte B. umzustimmen", liest Köhler vor. Meiwes habe B.s Persönlichkeitsstörung bewusst ausgenutzt, um seine perversen Neigungen zu befriedigen.

Zweitens: Anders als die Kasseler Richter ist die Frankfurter Anklage davon überzeugt, dass die Tat doch sexuell motiviert gewesen sei. Als Beleg dient den Staatsanwälten das Videoband, auf dem Meiwes die ganze Tat aufgenommen hatte.

"Ich habe meinen Kick gehabt"

Mit einer merkwürdigen Begebenheit hatte der Kasseler Prozess damals geendet: Nach der Urteilsverkündung trugen Meiwes und sein Anwalt, Harald Ermel, ihre Erleichterung offen zur Schau. Sein Mandant werde nach dem Abbüßen seiner Strafe nicht wieder rückfällig, versicherte der Verteidiger selbstbewusst. Und auch Meiwes selbst hatte sich zuvor bereits für die Zukunft eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt: "Ich habe meinen Kick gehabt." Auf dem Video, das Meiwes von der Schlachtung drehte, hört sich das noch etwas anders an. Der Nächste müsse aber jünger und schlanker sein, sagt Meiwes, während er die Leiche zerlegt.

Nun muss sich also das Frankfurter Landgericht nochmals mit dem unglaublichen Verbrechen beschäftigen. Das Taktieren beginnt. Die Verteidigung fährt zweigleisig: Meiwes Frankfurter Wahl-Verteidiger Joachim Bremer gibt sich freundlich und kooperativ. Und fordert zugleich ein einwöchiges Aussetzen des Prozesses: Zunächst müsse die Besetzung der Richterbank nochmals geprüft werden. Der Grund: Das Frankfurter Schwurgericht hatte "wegen der zu erwartenden psychischen Belastungen" zwei statt wie üblich einen Ergänzungsschöffen berufen. Das Gericht berät sich kurz, dann lehnt der Vorsitzende Richter Klaus Drescher ab.

Es geht in die nächste Runde. Meiwes-Verteidiger Rainer Platz verliest ein Schriftstück: Der Bundesgerichtshof habe willkürlich gehandelt, als er das Verfahren an das Landgericht Frankfurt verwiesen habe. Die Frankfurter Richter seien gar nicht zuständig, rügte Platz. "Ein Zurückverweisen an das Landgericht Kassel wäre die erste Wahl gewesen", sagte der Anwalt.

Verschwundenes Filmmaterial

Die Richter des BGH sehen das allerdings anders. Das kleine Provinzgericht stoße mit einem Fall solcher Tragweite an die Grenze. Mit anderen Worten: Meiwes überforderte die Kasseler Richter. Wieder berät das Gericht. Wieder weist Drescher den Antrag der Verteidigung ab. Er will keine Zeit verlieren, das merkt man dem Hessen an. Nicht hastig, aber entschieden treibt er die Verhandlung voran.

Die Verteidigung wiederum scheint willens, alles zu tun, um das Tempo zu drosseln. Ein Zufall kommt ihr zu Hilfe: Beim Überspielen des Filmmaterials nach Frankfurt sind einige Minuten zeitweise verloren gegangen, dann wieder aufgetaucht. Er müsse das mit seinem Mandanten erst genau besprechen, sagt  Bremer, nachdem er in der Verhandlungspause doch noch einen Blick auf die Videoaufnahmen werfen konnte. Es gehe doch um Filmsequenzen, die erst einige Zeit nach der Tötung B.s entstanden seien, wendet der Vorsitzende ein.

Doch die Verteidigung bleibt dabei: Erst Beratungen, dann die Aussage, wahrscheinlich am Montag. Drescher weist daraufhin, dass der Terminplan aus den Fugen gerät, doch er akzeptiert. Als die Verhandlung endet, steht Meiwes auf und plaudert noch kurz mit seinen Anwälten. Als ihm wieder Handschellen angelegt werden, lächelt er.



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