Attentäter von Norwegen Ein Massenmörder, zwei Gutachten

Beim Prozess gegen den Massenmörder Anders Breivik liegen dem Gericht jetzt zwei Gutachten vor. Das eine sagt: Er ist geisteskrank. Das andere sagt: Er ist zurechnungsfähig. Ausgerechnet die Verteidigung plädiert auf schuldfähig. Und erklärt das Verbrechen zu einer politisch motivierten Tat.

Von , Oslo


Das Büro des norwegischen Staatsanwalts Svein Holden hat nur noch Platz für einen Fall: An der Wand hängen zwei Luftbilder, eines vom zerbombten Regierungsviertel in Oslo und das andere von der Insel Utøya. Mit Punkten eingezeichnet sind die Schauplätze jenes Verbrechens, bei dem am 22. Juli 2011 insgesamt 77 Menschen starben.

Unter den Bildern reihen sich die Aktenordner. Die einen sind blau, das sind die über die Explosion der Autobombe, die anderen sind schwarz, das sind die vom Massaker im Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF.

Svein Holden ist der Ankläger in jenem Prozess, der nächsten Montag im Gericht von Oslo beginnt. Dass die Beweis-Ordner immer mehr werden, überrascht ihn nicht: "Dieses Verfahren ist das größte in der Geschichte unseres Landes", sagte der 38-jährige Jurist zu SPIEGEL ONLINE.

Am Dienstagmittag ist die Reihe von Aktenordnern um weitere 310 Seiten angewachsen. 310 Seiten, die das ohnehin schon aufreibende Leben des jungen Familienvaters erheblich unübersichtlicher machen. Es ist das zweite rechtspsychiatrische Gutachten über den Rechtsradikalen Anders Behring Breivik, das im Gegensatz zum ersten Bericht zu dem Ergebnis kommt, der damals 32-jährige habe zur Tatzeit nicht unter einer Psychose gelitten. Das Gericht wird bei dem Verfahren beide Gutachten berücksichtigen.

Breivik wehrte sich gegen die Observation

Gegensätzlicher könnte die Auffassung des zweiten Psychiater-Duos Agnar Aspaas und Terje Tørrissen nicht ausfallen. Es gebe keine Anzeichen dafür, dass der Observant unter einer ernsten Bewusstseinsstörung gelitten haben könnte, so schreiben sie in ihrer Zusammenfassung, die sie heute dem Gericht übergeben haben.

"So etwas hat es in der norwegischen Rechtsgeschichte noch nicht gegeben", erklärt der Rechtspsychiater Arne Thorvik gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Im Gegensatz zu den USA, wo Gegengutachten zum Alltag gehören, gab es bei uns stets nur ein Gutachten, das den Richtern für die Ermittlung des Strafmaßes diente."

Die beiden neuen Gutachter hatten es sich nicht leicht gemacht. Sie haben mit Breivik insgesamt 37 Stunden lange Gespräche geführt und ihn einer 24-stündigen Observation unterzogen. Zwar hatte sich der Angeklagte dagegen gewehrt, doch im Januar stimmten Richter dieser ungewöhnlichen Maßnahme zu.

Breivik wurde in eine spezielle Zelle verlegt, 60 Quadratmeter groß, mit Computer, Fernseher und Büchern. Zwei Teams von vier Sozialpädagogen, Krankenpflegern und Psychiatern beobachteten ihn am Tag, zwei Schichten in der Nacht.

Immer mehr zeichnet sich damit ab, dass sich der Prozess vor allem auf die Frage zuspitzt, ob Breivik psychisch krank ist oder nicht. "Wir müssen uns in den nächsten Tagen zusammensetzen und darüber nachdenken, ob wir Veränderungen in unserer Beweisführung vornehmen müssen", gesteht Staatsanwalt Holden auf einer Pressekonferenz nach der Übergabe des neuerlichen Gutachtens ein.

Die Norweger sind tief gespalten über die Frage, ob der größte Staatsfeind seit dem Zweiten Weltkrieg geisteskrank ist und in die geschlossene Psychiatrie muss. Oder eben doch ein Überzeugungstäter, dessen politische Motivation einen erschreckenden Eindruck von der Gefahr jener islamkritischen Ideologie gibt.

Breivik selber dürfte sich über das neue Verdikt gefreut haben. In einer Stellungnahme hatte er sich schon vor Ostern dagegen verwahrt, geisteskrank zu sein. "Das ist die schlimmste Demütigung, die man mir antun kann", schrieb er in einem 38-seitigen Aufsatz, der an verschiedene norwegische Medien adressiert war. 200 Fehlerstellen seien in dem Bericht, listete Breivik auf, Detailfehler, aber auch ganze Zitatpassagen, die er gesagt haben soll, seien erfunden. "Einen politischen Aktivisten in die Psychiatrie zu stecken ist sadistischer und böser, als ihn zu töten", befand Breivik.

Sein Anwalt Geir Lippestad hatte sich kurz nach dem ersten forensischen Bericht noch zufrieden mit dessen Schlussfolgerungen gezeigt: "Mein Instinkt als Strafverteidiger sagt mir, dass es die beste Lösung wäre, wenn er als geisteskrank eingestuft würde." Das wollte Breivik allerdings nicht, und deshalb setzte sich Lippestad mit seinem Team die letzten Wochen hin und entwickelte eine Strategie, vor Gericht den Eindruck der Geisteskrankheit widerlegen zu können.

"Da wird ein Zirkus im Gerichtssaal veranstaltet"

Ein Teil dieser Strategie ist es, Zeugen zu benennen, die Breiviks Rechtfertigung für seine Taten stützen können: dass Norwegen kurz vor der Machtübernahme durch Islamisten stehe und die regierende Arbeiterpartei diesen Verrat gemeinsam mit den muslimischen Immigranten begehe. Auf diesem Argument stützte Breivik auch seine perverse Idee, die Jugend der Arbeiterpartei, also die künftige Machtelite, anzugreifen.

Für die Erst-Gutachter Synne Sørheim und Torgeir Husby waren dies bizarre Zwangsvorstellungen, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben - und damit ein zentrales Indiz in ihrer Beweiskette, Breivik sei paranoid-schizophren. Verteidiger Lippestad wird im Auftrag seines Mandanten versuchen, das Gegenteil zu beweisen. Dafür hat er etwa den muslimischen Radikalpredigar Mullah Krekar in den Zeugenstand berufen, der unlängst vom selben Gericht in Oslo zu fünf Jahren Haft wegen seiner Hasspredigten verurteilt wurde.

Außerdem findet sich der anti-islamistische Blogger Fjordmann auf der Liste, mit dem Breivik in engem Austausch stand und den er in seinem viele hundert Seiten langen Manifest oft zitiert. Dazu noch den Chef der rechtsradikalen Norwegian Defence League, Ronny Alte, ranghohe Politiker der rechten Fortschrittspartei, aber auch die Chefredakteurin der konservativen Tageszeitung Aftenposten, Hilde Haugsgjerd.

Die Liste hat heftige Reaktionen ausgelöst. "Da wird ein Zirkus im Gerichtssaal veranstaltet", schäumt etwa der prominente Anwalt Harald Stabell und hofft, dass die Richterin das Verfahren mit harter Hand leitet, um das zu verhindern. Andere Kommentatoren sprangen Breivik-Anwalt Lippestad bei: Die Vorsitzende der Anwaltskammer, Berit Reiss-Andersen etwa hält es für Lippestads gutes Recht, eine solche Liste vorzulegen. "Das Urteil über diese Liste war vorschnell", sagte sie der Boulevardzeitung "Verdens Gang".

Statt mit der Geisteskrankheit wird sich das Gericht und die norwegische Gesellschaft nun wieder mehr mit der islamkritischen Ideologie Breiviks auseinandersetzen müssen. Davon ist Rechtspsychiater Thorvik überzeugt. "Wir hatten in Norwegen seit dem Zweiten Weltkrieg kaum ideologisch motivierte Gewalt", sagt der Experte aus Tønsberg SPIEGEL ONLINE. "Das ist wohl auch der Grund, warum die ersten Gutachter so wenig vertraut mit Breiviks Ideologie waren", sagt Thorvik, der dessen Unzurechnungsfähigkeit bereits in der Vergangenheit stark angezweifelt hatte.

Das neuerliche Expertengespann jedenfalls bemühte sich in einer spontanen Pressekonferenz am Dienstagmittag im Gericht, ihre Vorgänger nicht zu kritisieren. "Wir sprechen für uns alleine." Sie ließen aber durchblicken, warum sie zu einer anderen Auffassung kamen, als Sørheim und Husby. Man habe "einen längeren zeitlichen Abstand" zum 22. Juli gehabt.

In einem Punkt sind sich allerdings alle Gelehrten einig: Die Gefahr für eine Wiederholungstat sei bei Anders Breivik sehr hoch. Und das heißt: Ob er nun in die Psychiatrie kommt oder ins Gefängnis - auf eine Entlassung darf er nicht hoffen.

Breiviks Verteidiger Lippestad eilte nach der Übergabe des neuen Gutachtens zu seinem Mandanten in das Gefängnis von Ila. Der soll "glücklich" gewesen sein über das neue Gutachten, aber "nicht überrascht". Lippestad sagte, Breivik habe damit gerechnet, für zurechnungsfähig erklärt worden zu sein.

Lippestad stimmte die Reporter vor dem Gefängnis darauf ein, dass Breivik in seinen Auslassungen vor Gericht noch weiter gehen werde, als bislang. "Er wird seine Tat nicht bereuen. Er wird wahrscheinlich bereuen, dass er nicht noch weiter gegangen ist." Seine Ausführungen, die er in den ersten fünf Tagen abgeben wird, werden "schwer zu ignorieren sein", prophezeit Lippestad.

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