Urteil in London Hohe Haftstrafen für britische Mädchenhändler

Sie sollen Dutzende Minderjährige mit Drogen gefügig gemacht und zum Sex gezwungen haben: Jetzt verurteilte ein Gericht in Großbritannien neun aus Pakistan und Afghanistan stammende Angeklagte zu langjährigen Haftstrafen. Der Fall hatte zuvor eine Debatte über Rassismus ausgelöst.

Ein Anwalt spricht vor dem Liverpool Crown Court mit Pressevertretern
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Ein Anwalt spricht vor dem Liverpool Crown Court mit Pressevertretern


London - Wegen Menschenhandels, Körperverletzung, Vergewaltigung und Verschwörung mussten sich die neun Angeklagten vor dem Liverpool Crown Court verantworten. Der 59-jährige Anführer des Menschenhändlerrings wurde am Mittwoch zu 19 Jahren Haft verurteilt, seine Mitangeklagten müssen für vier bis zwölf Jahre hinter Gitter.

Richter Gerald Clifton erklärte, die Männer seien von "Wollust und Gier" getrieben gewesen. "Die Details (…), die wir in diesem Prozess gehört haben, haben uns alle schockiert und angeekelt", sagte Chefankläger Nazi Afzal vor der Verkündung des Strafmaßes.

Fünf Mädchen und Frauen hatten vor Gericht ihre Geschichte erzählt. Insgesamt wurden 40 Mädchen zu dem Fall vernommen. Sie berichteten von Vergewaltigungen und schwerem Missbrauch, vor dem sie mit Drogen und Alkohol ruhiggestellt wurden. Ein Mädchen berichtete davon, dass es gezwungen wurde, in einer Nacht mit 20 Männern Verkehr zu haben. Ein weibliches Mitglied der kriminellen Gruppe, "Honeymonster" genannt, soll fortwährend neue Mädchen mit Versprechungen angelockt haben.

In Kebab-Läden, Taxis oder Wohnungen mussten die Minderjährigen Männer sexuell befriedigen. "Wir bekamen Alkohol, Zigaretten, Essen und Taxifahrten bezahlt", berichtete eine der Zeuginnen, die zum Tatzeitpunkt 15 Jahre alt war. "Anfangs dachte ich noch, das sei großartig, weil nichts Sexuelles passiert war. Am Ende waren es bis zu fünf Männer pro Tag." Die heute 20-Jährige wurde schwanger und floh vor ihren Peinigern.

Wie die britische "Times" am Mittwoch berichtet, sollen mindestens zwei Mädchen aus Manchester und Rochdale in den vergangenen zwei Jahren an den Folgen des brachialen Missbrauchs gestorben sein.

Rassismusdebatte in Großbritannien

Besonders eklatant: Im August 2008 hatte sich eines der Opfer an die Polizei gewandt und Unterwäsche mit DNA-Spuren eines der Angeklagten als Beweisstück präsentiert. Es wurde aber keine Anzeige erstattet, angeblich, weil die Glaubwürdigkeit des Mädchens hätte angezweifelt werden können. Diesem Vorwurf wird jetzt von einer unabhängigen Polizei-Kommission nachgegangen.

Als Basis des Mädchenhändlerrings gilt die nordwestenglische Stadt Rochdale, rund 270 Kilometer von London entfernt. Die Täter sind zwischen 22 und 59 Jahre alt. Einer von ihnen soll als Religionslehrer in einer Moschee arbeiten. Die Angeklagten hatten behauptet, die Mädchen hätten sich freiwillig prostituiert.

Weil es sich bei den Verurteilten um acht Männer aus Pakistan und einen aus Afghanistan handelt, die Opfer aber alle weiß waren, hat der Fall außerdem für Aufruhr im rechten politischen Spektrum gesorgt. Gruppen wie die rechtspopulistische "Englische Verteidigungsliga" (EDL) oder die "Britische Nationalpartei" hatten kurz nach Prozessbeginn am 6. Februar zu Protesten aufgerufen.

Muslimische Geistliche verurteilten ausdrücklich die Verbrechen und lobten die Tapferkeit der Mädchen, die sich getraut hätten, vor Gericht zu ziehen. Auf Polizeiseite will man von einem rassistisch motivierten Verbrechen nichts wissen: "Das ist keine Rassen-Frage", sagte der Stellvertretende Polizeipräsident von Greater Manchester, Steve Heywood. "Hier geht es um Erwachsene, die verletzliche Kinder ausbeuten."

ala/AP



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