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05. Juli 2011, 19:18 Uhr

New York

Ermittler wollen Anklage gegen Strauss-Kahn offenbar fallenlassen

Die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn in New York scheint vor dem Aus zu stehen: Offenbar hält die Staatsanwaltschaft die Hauptbelastungszeugin für zu unglaubwürdig. Aufatmen kann der 62-Jährige aber nicht - ihm droht ein neues Verfahren in Frankreich.

New York - US-Ermittler werden laut "New York Post" die Anklage gegen den früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wahrscheinlich fallenlassen. Grund dafür sei die mangelnde Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers, berichtet die Boulevardzeitung unter Berufung auf einen hochrangigen Vertreter der Staatsanwaltschaft. Spätestens bei der in zwei Wochen geplanten Anhörung vor Gericht oder sogar schon früher werde die Anklage wohl zurückgezogen.

Der Ermittler, der seinen Namen nicht nennen wollte, bezeichnete den Stopp des Verfahrens als "sicher". Das Blatt zitiert den Vertreter der Staatsanwaltschaft mit den Worten: "Ihre Glaubwürdigkeit ist mittlerweile so gering. Wir wissen, dass wir den Fall mit ihr nicht durchstehen können."

Auch das "Wall Street Journal" berichtete am Dienstag, die Staatsanwaltschaft tendiere offenbar dazu, alle Vorwürfe gegen den Franzosen fallenzulassen. "Es müsste so sein, dass ich jedes Wort glauben würde, das aus ihrem Mund kam, und ich den kriminellen Aspekt dessen glauben würde, was passiert ist", antwortete Vize-Bezirksstaatsanwältin Joan Illuzzi-Orbon der Zeitung etwas verworren auf die Frage, ob der Fall fortgeführt werden soll.

Laut "Wall Street Journal" beziehen sich die zweifelhaften Aussagen der Frau unter anderem auf ihren Aufenthaltsort nach dem mutmaßlichen Vorfall am 14. Mai. Die Frau bleibe bei ihrer Darstellung, Strauss-Kahn habe sie angegriffen - und es gebe Indizien, die dafür sprächen, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Ermittler. Aber angesichts von falschen Aussagen der Frau in anderem Zusammenhang seien die Ermittler bezüglich ihrer Darstellung, der sexuelle Kontakt mit Strauss-Kahn sei nicht einvernehmlich gewesen, unschlüssig.

"Nun werden wir wohl nie erfahren, was in dem Hotelzimmer geschehen ist"

Einem Bericht der "New York Times" vom Dienstag zufolge schildert ein Krankenhauspsychologe in einem Bericht den mutmaßlichen Vorfall in dem Hotelzimmer zwar als brutalen sexuellen Übergriff Strauss-Kahns, betont aber zugleich Unstimmigkeiten, die ernsthafte Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Dienstmädchens aufkommen ließen.

Zum Beispiel sagte die Frau laut "New York Times" vor Gericht, sie habe im Flur gewartet, bis Strauss-Kahn nach dem mutmaßlichen Angriff gegangen sei. Laut dem nun aufgetauchten Bericht sagte sie jedoch später, sie habe danach einen anderen Raum geputzt.

Viele andere Dinge, die die Glaubwürdigkeit der Frau aus Sicht der Anklage zweifelhaft erscheinen lassen, haben nicht direkt mit dem Fall zu tun. So hat die Frau der "New York Times" zufolge unter anderen bei ihrem Asylantrag und Steuerunterlagen gelogen.

Das aus Guinea stammende Zimmermädchen hatte Strauss-Kahn beschuldigt, sie in einem New Yorker Hotel sexuell angegriffen zu haben. Der 62-Jährige wurde am 14. Mai festgenommen und trat kurz darauf als Chef des Internationalen Währungsfonds zurück. Strauss-Kahn weist alle Vorwürfe zurück und plädierte auf "nicht schuldig".

Strauss-Kahn bestreitet auch neue Vergewaltigungsvorwürfe

Zuletzt waren starke Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin aufgekommen - das räumte die Staatsanwaltschaft ein. Strauss-Kahns Hausarrest wurde daraufhin aufgehoben. "Man kann nichts glauben, was aus ihrem Mund kommt", wird der Ermittler nun in der "New York Post" zitiert. "Das ist eine Schande, denn nun werden wir wohl nie erfahren, was in dem Hotelzimmer geschehen ist."

Während sich die Lage für Strauss-Kahn in New York zu entspannen scheint, droht ihm ein neues Verfahren in Frankreich. Am Dienstag zeigte ein Anwalt der Journalistin Tristane Banon Strauss-Kahn wegen versuchter Vergewaltigung an. Die Absicht Banons, diesen Schritt zu gehen, war bereits am Montag bekannt geworden. Strauss-Kahn sei 2002 wie ein Schimpanse über sie hergefallen, so Banon, er habe ihren BH aufgemacht und versucht, ihr die Jeans auszuziehen. Strauss-Kahn bestreitet den Vorwurf und kündigte seinerseits eine Gegenanzeige wegen Verleumdung an.

Ein Berater von Präsident Nicolas Sarkozy reagierte bestürzt auf die neue Anzeige. "Wir sehen die Affäre wie die ganze Welt - mit ein bisschen Fassungslosigkeit", sagte Henri Guaino am Dienstagmorgen dem Radiosender Europe1. "Ich weiß nur allzu gut, dass das Leben ein Roman ist, aber das ist dennoch eine bestürzende Geschichte." Eine politische Verschwörung gegen den 62-Jährigen schloss Guaino aus. "Ich überlasse es den Science-Fiction-Fans, weiter Szenarien zu schreiben", sagte er.

Neue Anzeige könnte französischen Sozialisten Probleme bereiten

Strauss-Kahn galt bis zur seiner Verhaftung in New York als möglicher Präsidentschaftskandidat der französischen Sozialisten. Banon warf nun auch dem langjährigen Parteivorsitzenden François Hollande vor, er habe von Strauss-Kahns Angriff auf sie gewusst. Er "kannte die Geschichte", sagte Banon dem Nachrichtenmagazin "L'Express".

Hollande, der inzwischen zum aussichtsreichsten Anwärter für die Präsidentschaftskandidatur aufgestiegen ist, habe sie nach dem Vorfall sogar einmal angerufen und ihr gesagt, dass er sich sorge, sagte Banon. Hollande wies die Vorwürfe der 32-Jährigen zurück.

Banons Mutter, die sozialistische Abgeordnete Anne Mansouret, habe ihm damals von einem "Zwischenfall" erzählt, der sich ereignet haben soll und von dem er nichts Näheres gewusst habe, sagte der frühere Oppositionsführer. "Acht Jahre später wird eine Anzeige erstattet in Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Vorfall, den ich nicht in allen Einzelheiten kannte", sagte Hollande.

Banons Mutter räumte im Gespräch mit dem Radiosender RTL ein, das "traumatische" Erlebnis ihrer Tochter seinerzeit möglicherweise unterschätzt zu haben. Die junge Journalistin hatte Strauss-Kahn damals nach eigenen Worten nicht angezeigt, weil sie nicht als Frau dastehen wollte, "die ein Problem mit einem Politiker hat". Ihre Mutter hatte sie zu dieser Haltung überredet.

hut/ulz/Reuters/AFP

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