US-Footballstar unter Mordverdacht Fünf Schüsse und der 40-Millionen-Dollar-Held

Aaron Hernandez galt als einer der aufstrebenden Stars in der US-Football-Liga NFL. Vor einem Jahr unterschrieb er einen Vertrag über 40 Millionen Dollar. Jetzt hat sein Club Hernandez entlassen - der 23-Jährige soll einen Freund ermordet haben.

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Attleboro - Fünf Kugeln trafen Odin Lloyd. Ein Geschoss versuchte der 27-Jährige mit seinem Arm abzuwehren. Bei zwei Schüssen stand der Schütze direkt über dem wehrlosen Opfer. Lloyds Leiche wurde auf einem Industriegelände bei Attleboro zurückgelassen, rund 40 Kilometer südlich von Boston. Ein Jogger fand sie dort am 17. Juni.

Nun, knapp zwei Wochen später, glaubt die Staatsanwaltschaft, den Schuldigen gefunden zu haben: Er heißt Aaron Hernandez und ist ein landesweit bekannter Footballstar. Als Spieler der New England Patriots gehörte der 23-Jährige zu den aufstrebenden Stars in der Profiliga NFL. Jetzt droht ihm lebenslange Haft. "Er hat das Opfer zu diesem abgelegenen Ort gefahren und die Exekution orchestriert", sagte Staatsanwalt Bill McCauley über Hernandez.

Odin Lloyd spielte für die Boston Bandits, ein halbprofessionelles Footballteam. Der 27-Jährige war mit der Schwester von Hernandez' Verlobter zusammen.

Es ist noch kein Jahr her, da schien Hernandez eine sorgenfreie Zukunft sicher. Er spielte auf der Position des Tight End. Als solcher war er stark genug, um für andere Spieler zu blocken. Er war robust genug, um wie ein Runningback mit dem Ball zu laufen. Und er war schnell und athletisch genug, um wie ein Wide Receiver den Ball zu fangen und gegnerischen Verteidigern zu entwischen. Diese Kombination ist selten - und in der NFL begehrt. Sie war den Patriots im vergangenen August einen Vertrag über 40 Millionen Dollar wert. 16 Millionen waren Hernandez garantiert.

Regungslos im Gerichtssaal

Am Mittwoch (Ortszeit) führten Polizisten Hernandez in Handschellen aus seinem Haus. Zwei Stunden später lösten die Patriots seinen Vertrag auf. Dies sei angesichts der Festnahme "einfach das Richtige", teilte der Club mit.Bei einem ersten Gerichtstermin bekannte sich der 23-Jährige nicht schuldig. Der Fall beruhe auf Indizien, sagte sein Anwalt Michael Fee, und sei nicht überzeugend.

Lee forderte, seinen Mandanten auf Kaution freizulassen. Hernandez sei Hausbesitzer, lebe mit seiner Verlobten und ihrem acht Monate alten Baby zusammen. Der Sportler sei nie eines Gewaltverbrechens beschuldigt worden. Das Gericht lehnte die Kautionsforderung ab.

Während Staatsanwalt McCauley sprach, stand Hernandez in dem weißen T-Shirt und der kurzen Hose im Gerichtssaal, die er auch bei der Festnahme getragen hatte. Er wirkte abwesend. Lloyds Angehörige weinten und umarmten sich, als der Staatsanwalt seine Version der Tat umschrieb.

Blaues Kaugummi als Indiz

Bislang gehen die Ermittler davon aus, dass ein Vorfall am 14. Juni in einem Bostoner Nachtclub letztlich zu Lloyds Tod gut zwei Tage später führte. In dem Club soll der 27-Jährige mit Personen gesprochen haben, die mit Hernandez im Clinch lagen. Worum es konkret geht, führte Staatsanwalt McCauley nicht aus.

Aus Handy-Daten, Überwachungsvideos und SMS hat die Polizei die Tatnacht rekonstruiert. Am 16. Juni nahm eine Überwachungskamera auf, wie Hernandez mit einer Schusswaffe sein Haus verließ und sagte, man könne niemandem mehr trauen. Zusammen mit zwei Freunden holte er Lloyd um 2.30 Uhr an dessen Haus in einem Mietwagen ab. Sie hielten an einer Tankstelle, Hernandez kaufte Benzin, blaues Kaugummi und Zigarettenpapierchen.

Lloyd schrieb eine SMS an seine Schwester: "Hast du gesehen, mit wem ich unterwegs bin?" Sie fragte per Kurznachricht mit wem. "NFL", schrieb Lloyd um 3.22 Uhr zurück. "Nur damit du Bescheid weißt."

"Ich werde versuchen, die richtigen Dinge zu tun"

Wenige Minuten später hörten Arbeiter auf dem Industriegelände mehrere Schüsse. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen, wie der Mietwagen auf das Gelände fährt und es vier Minuten später wieder verlässt. Hernandez soll mit einem der beiden Freunde zu seinem Haus zurückgekehrt sein. Aufnahmen der insgesamt 14 Kameras in und an dem Gebäude sollen zeigen, dass sie Waffen bei sich hatten.

Später gab Hernandez den Mietwagen zurück, bot einer Mitarbeiterin der Firma ein blaues Kaugummi an. Die Frau fand ein Stück der Süßigkeit und eine Patronenhülse in dem Wagen; beides warf sie weg. Ermittler fanden die Hülse später im Müll. Laut McCauley ist sie identisch mit der Munition, mit der Lloyd getötet wurde. Die Tatwaffe wurde bislang nicht gefunden.

Die Staatsanwaltschaft schweigt dazu, wer die tödlichen Schüsse abgab, wer die beiden Freunde sind und ob sie festgenommen wurden. Sicher scheinen sich die Ermittler nur zu sein: Hernandez steht hinter dem Mordkomplott.

Nach der Geburt seiner Tochter hatte der Sportler laut der "New York Times" in einem Interview gesagt: "Jetzt blickt jemand zu mir auf. Ich kann nicht mehr einfach der junge und unbesonnene Aaron sein. Ich werde versuchen, die richtigen Dinge zu tun."

Nach dem Gerichtstermin wurde Hernandez in einem weißen Polizeiwagen weggefahren. "Aaron geht es gut", sagte Anwalt Lee. Am 24. Juli steht der nächste Gerichtstermin an.

Mit Material von AP und Reuters

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
ratxi 27.06.2013
1. Nicht gut
Zitat von sysopAPAaron Hernandez galt als einer der aufstrebenden Stars in der US- Football-Liga NFL. Vor einem Jahr unterschrieb er einen Vertrag über 40 Millionen Dollar. Jetzt hat sein Club Hernandez entlassen - der 23-Jährige soll einen Freund ermordet haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nfl-star-aaron-hernandez-steht-unter-mordverdacht-a-908137.html
Sowas tut man ja auch nicht, wenn man im Profisport was werden will.
chris_1 27.06.2013
2. Die ganzen Mittelchen...
... welche die Profisportler so schlucken machen eben nicht nur schnell und stark sondern leider auch jähzornig und unberechenbar. Siehe Oscar Pistorius...
dr.joe.66 27.06.2013
3. Logik der Wahrscheinlichkeit . . .
Zitat von sysopAPAaron Hernandez galt als einer der aufstrebenden Stars in der US- Football-Liga NFL. Vor einem Jahr unterschrieb er einen Vertrag über 40 Millionen Dollar. Jetzt hat sein Club Hernandez entlassen - der 23-Jährige soll einen Freund ermordet haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/nfl-star-aaron-hernandez-steht-unter-mordverdacht-a-908137.html
Fast 15.000 Morde pro Jahr pro 316 Mio. Einwohner in den U.S.A. und 90% Männer als Täter bedeuten etwa 1 Mord auf 10.000 Männer. Bei 32 Teams und ca. 80 Spielern pro Team-Roster müsste rein rechnerisch alle 4 Jahre ein NFL-Profi einen Mord begehen. War also nur eine Frage der Zeit bzw. der Wahrscheinlichkeit... Stellt man die gleiche Frage für Deutschland und Fußball-Bundesliga-Profis, kommt man auf einen solchen Fall ca. alle 200 Jahre...
obi wan 27.06.2013
4.
Zitat von dr.joe.66Fast 15.000 Morde pro Jahr pro 316 Mio. Einwohner in den U.S.A. und 90% Männer als Täter bedeuten etwa 1 Mord auf 10.000 Männer. Bei 32 Teams und ca. 80 Spielern pro Team-Roster müsste rein rechnerisch alle 4 Jahre ein NFL-Profi einen Mord begehen. War also nur eine Frage der Zeit bzw. der Wahrscheinlichkeit... Stellt man die gleiche Frage für Deutschland und Fußball-Bundesliga-Profis, kommt man auf einen solchen Fall ca. alle 200 Jahre...
Hat vor nicht vor ein paar Monaten nicht schon ein Profi (wenn auch eher aus der Kategorie Ersatzspieler) zuerst seine Freundin und dann sich selbst erschossen? Oder war des evtl. eine andere Sportart (Baseball... )?
svha 27.06.2013
5.
In der NFL scheint Kriminalität doch recht weit verbreitet zu sein. Immerhin wurden seit dem Super Bowl am 3. Februar diesen Jahres 27 aktive Spieler wegen verschiedener vergehen verhaftet worden. Here Are All 27 NFL Players Who Have Been Arrested Since The Super Bowl | Business Insider Australia (http://au.businessinsider.com/nfl-players-arrested-2013-super-bowl-2013-6)
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