Gesuchte Niederländer Die wilde Flucht des Gangster-Pärchens

Sie überfallen ihre Opfer zu Hause, nehmen Geiseln, schießen um sich: Seit Tagen jagt die Polizei ein bewaffnetes Gangster-Paar im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Nun wurde der Fluchtwagen in Münster gefunden, die Behörden warnen davor, Fremden die Tür zu öffnen.

Mutmaßliche Geiselgangster Antonio Marcos van der Ploeg und Enise Merve Bircan (Zeichnung): Bewaffnet und hochgefährlich
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Mutmaßliche Geiselgangster Antonio Marcos van der Ploeg und Enise Merve Bircan (Zeichnung): Bewaffnet und hochgefährlich

Von Rainer Leurs


Gronau/Enschede - Ein blauer Honda CR-V, gelbes Kennzeichen, abgestellt in einer Seitenstraße nahe dem Aasee - was Zeugen aus Münster am Mittwochmorgen der Polizei meldeten, könnte Bewegung in die Suche nach Antonio Marcos van der Ploeg und seiner 19-jährigen Freundin Enise Merve Bircan bringen. Deren spektakuläre Flucht aus den Niederlanden nach Nordrhein-Westfalen beschäftigt seit Montagabend die Behörden auf beiden Seiten der Grenze. Jetzt also tauchte ihr Fluchtwagen im Innenstadtbereich auf.

Bereits seit Wochen sucht die niederländische Polizei nach dem mutmaßlichen Verbrecherpaar. Am Montag sollen die beiden auf einem Campingplatz im niederländischen Enschede einen Mann niedergeschossen haben. Am Abend desselben Tages überfielen sie laut Polizei eine Familie in ihrem Wohnhaus, fesselten die Frau und die beiden Kinder und nahmen den Vater als Geisel mit. Im nordrhein-westfälischen Ahaus ließen die Täter ihn laufen, rund zwanzig Kilometer von Enschede entfernt.

Anderthalb Tage lang rätselten die Ermittler, wo sich die beiden Flüchtigen aufhalten könnten. Erfolglos durchkämmten in der Nacht Sondereinheiten der niederländischen Polizei ein Gebiet um den Ort Winschoten nahe der deutschen Grenze, nachdem es dort Hinweise aus der Bevölkerung gegeben hatte. Am Abend führte die deutsche Polizei erfolglos Suchaktionen in Gronau und im Kreis Coesfeld durch. Dass der blaue Honda jetzt in Münster gefunden wurde, deutet darauf hin, dass sich Bircan und van der Ploeg tatsächlich in Deutschland aufhalten.

Erste Verurteilung mit 15 Jahren

Für die Behörden ist das ein Anlass zu großer Sorge - denn das Paar gilt als bewaffnet und hochgefährlich. "Wir wollen niemandem Angst machen", sagt eine Sprecherin der niederländischen Polizei. "Aber wir wissen, dass die beiden sehr brutal sein können."

Wer sind die beiden mutmaßlichen Geisel-Gangster?

Nach einem Bericht des niederländischen TV-Senders NOS stammt der 26-jährige Marcos Antonio van der Ploeg aus einem kleinen Ort in der Nähe der Stadt Leeuwarden in Friesland. Bereits mit 15 Jahren sei er wegen diverser Gewaltdelikte zu einer Jugendstrafe verurteilt worden. Später sei er während eines Freigangs geflohen, habe einen Tabakladen überfallen und sei schließlich wieder festgenommen worden. Ein Gutachten bescheinige ihm antisoziale Züge.

Van der Ploegs Eltern sind einem Bericht des "Algemeen Dagblad" zufolge inzwischen abgetaucht - offenbar auf Anraten der Polizei. "Er ist scheinbar zu allem imstande, die Polizei will kein Risiko eingehen", zitiert das Blatt den Adoptivvater. Angst, dass sein Sohn ihm etwas antun könnte, habe er aber nicht. Dem Blatt zufolge wohnte van der Ploeg bis zu seiner wilden Flucht ins Nachbarland bei seinen Eltern.

"Es ist natürlich möglich, dass sie gezwungen wurde"

Unklarer ist der Hintergrund seiner 19-jährigen Freundin Enise Bircan. Laut "Algemeen Dagblad" stammt die Frau aus Enschede, wo sie die Schule abbrach. Ob sie bislang als Straftäterin in Erscheinung trat, ist nicht bekannt. "Es ist natürlich möglich, dass Enise gezwungen wurde mitzumachen", zitiert das Blatt eine Tante der Flüchtigen.

Doch die Angaben der Polizei ergeben in dieser Frage bislang ein anderes Bild. Seit einiger Zeit soll sich das Paar in den Niederlanden mit Raubüberfällen und anderen Straftaten über Wasser halten. So drangen die beiden laut Fahndungsaufruf in die Wohnung einer 52-Jährigen in der Stadt Meppel ein. Sie knebelten und misshandelten die Frau, nahmen sie als Geisel und ließen sie erst einen Tag später frei.

Eine Woche darauf sollen Bircan und van der Ploeg nahe Eindhoven in eine Wohnung eingedrungen sein, wo sie laut Polizei vier Menschen misshandelten und ausraubten. Mit dem Auto eines der Opfer flohen die Täter - bis sie schließlich am vergangenen Montag auf dem Campingplatz in Enschede auftauchten. Ein Mann überraschte das Paar demnach bei dem Versuch, einen Wohnwagen aufzubrechen. Mindestens einer der beiden eröffnete sofort das Feuer und verletzte ihn schwer.

Entsprechend deutlich warnt jetzt die Polizei in Münster vor dem mutmaßlichen Gangster-Paar, das sich womöglich sogar noch immer in der Innenstadt aufhält. Keinesfalls solle man fremde Personen ins Auto einsteigen oder das Haus betreten lassen, sagte ein Sprecher. Und: "Wenn Sie den beiden begegnen, spielen Sie auf keinen Fall den Helden!" Stattdessen sollen sich Zeugen möglichst viele Details merken und unauffällig die Polizei verständigen.

Mit Material von dpa



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