Prozessbeginn im Mordfall Peter R. de Vries Alle 88 Zeugen bleiben anonym, die Namen der Staatsanwälte dürfen nicht genannt werden

Unter schärfsten Sicherheitsmaßnahmen beginnt in Amsterdam der Prozess um den Mord am niederländischen Kriminalreporter Peter R. de Vries. Was sagen die beiden Angeklagten, was die Hinterbliebenen? Der Überblick.
Peter R. de Vries (30. Januar 2008): Wer tötete den Kriminalreporter?

Peter R. de Vries (30. Januar 2008): Wer tötete den Kriminalreporter?

Foto: Peter Dejong / dpa

Der Journalist Peter R. de Vries war in den Niederlanden berühmt. Wegen seiner Recherchen geriet er in Gefahr, zuletzt beriet er einen Aussteiger aus der Organisierten Kriminalität. Dann wurde er erschossen – und womöglich steckt eine berüchtigte Drogenbande hinter der Tat. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Prozessbeginn.

Was ist passiert?

Es ist der 6. Juli 2021, etwa 19.30 Uhr in Amsterdam: Der prominente Kriminalreporter Peter R. de Vries geht die Lange Leidsedwarsstraat entlang von einem TV-Studio zu einer Parkgarage. Plötzlich fallen Schüsse, mehrere Kugeln treffen de Vries, mindestens eine davon in den Kopf. Der 64-Jährige bricht zusammen und wird in ein Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er neun Tage später.

Worum geht es nun im Prozess?

Der Mord traf die Niederlande schwer und löste Entsetzen aus – auch weil das organisierte Verbrechen für die Tat verantwortlich gemacht wird . Vor Gericht stehen die beiden mutmaßlichen Auftragsmörder Kamil E. und Delano G. Ihnen wird Mord und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen. Die Staatsanwaltschaft forderte am Dienstag lebenslange Haft.

Eine berüchtigte Drogenbande wird mit dem Mord in Verbindung gebracht. Die mutmaßlichen Auftraggeber stehen in dem Fall aber derzeit nicht vor Gericht. Die Untersuchungen dauerten noch an, heißt es von den Ermittlern. Weil dennoch Anschläge befürchtet werden, findet der Prozess gegen E. und G. unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen statt: Alle 88 Zeugen bleiben anonym. Auch die Namen der Staatsanwälte dürfen nicht genannt werden.

Blick auf das Gericht in Amsterdam: Prozess unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen

Blick auf das Gericht in Amsterdam: Prozess unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen

Foto:

ROBIN VAN LONKHUIJSEN / EPA

Wer sind die Angeklagten?

Kurz nach den Schüssen auf de Vries stoppten die Ermittler zwei Verdächtige auf einer Autobahn. Der 36 Jahre alte Kamil E., ein Pole mit Wohnsitz in Maurik, soll das Fluchtauto gefahren sein, der 22 Jahre alte Rotterdamer Delano G. auf de Vries geschossen haben. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass beide im Auftrag handelten.

»Wir haben starke Beweise gegen die beiden Verdächtigen«, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Mara van den Berg. Im Fluchtauto, einem Renault Kadjar, waren zwei Waffen gefunden worden. Eine Maschinenpistole und eine umgebaute Signalpistole, die Tatwaffe. Dazu gibt es DNA-Beweise, Kamerabilder, Fingerabdrücke, Zeugenaussagen, Handys mit belastenden Botschaften. »Und es gibt sogar einen Augenzeugen der Tat«, so die Sprecherin. Schon Tage vorher sollen beide Männer am Tatort gesehen worden sein, vermutlich waren sie dort, um die Lage auszukundschaften .

Vor Gericht hält sich der mutmaßliche Mörder G. bedeckt: »Ich will nichts sagen.« Der mutmaßliche Fluchtfahrer E. dementiert, von den Mordplänen gewusst zu haben. »Ich habe niemanden ermordet. Ich war nur der Fahrer«, sagt er dem Gericht. Er habe G. aus Rotterdam abgeholt und nach Amsterdam gebracht.

Wer war Peter R. de Vries?

Um die Hintergründe des Falls zu verstehen, muss man Peter R. de Vries kennen. Er war der führende Kriminalreporter der Niederlande. Häufig war er Gast bei TV-Talkshows. In den Niederlanden war er wohl so berühmt wie Günther Jauch oder Thomas Gottschalk in Deutschland. In der Vergangenheit stand de Vries wegen seiner Recherchen in brisanten Fällen bereits unter Polizeischutz. Doch de Vries war nicht nur Journalist. Er trat auch regelmäßig als Sprecher von Opfern oder Zeugen bei Prozessen auf – und er war die Vertrauensperson eines wichtigen Kronzeugen.

Was hat das organisierte Verbrechen mit dem Mord zu tun?

Es ist der größte Strafprozess der Niederlande: Der mutmaßliche Drogenboss Ridouan Taghi – vor seiner Verhaftung Staatsfeind Nummer eins – und 16 weitere Personen stehen in Amsterdam wegen mehrerer Morde und Mordversuche vor Gericht. Taghis »Marengo«-Bande soll die niederländische Unterwelt nach Einschätzung von Experten wie Peter R. de Vries mit Gewalt überzogen haben. Mord und Drogen sollen ihr Geschäft gewesen sein.

Kronzeuge Nabil B., einst selbst für Taghi tätig, brachte die Ermittler auf die Spur. Weil er von Taghi mit dem Tod bedroht worden sein soll, entschied er sich für die Zusammenarbeit mit der Polizei. Peter R. de Vries wurde seine Vertrauensperson.

Doch die Ermittler unterschätzten womöglich Taghis Rachegelüste. Als Nabil B. öffentlich als Kronzeuge präsentiert wurde, wurde kurz darauf sein Bruder getötet. Und wenige Monate später wurde auch B.s Anwalt, Derk Wiersum, erschossen. Als dann auch de Vries ermordet wurde, schien die Verbindung zu dem Bandenprozess offensichtlich.

Am Tag nach der Tat bestritt Taghis Anwältin, dass ihr Mandant etwas mit den Schüssen auf de Vries zu tun habe. Die Vorwürfe gegen ihn entbehrten jeder »sachlichen Begründung«, hieß es damals .

Welche Beweise gibt es?

Der Staatsanwaltschaft zufolge zeigen verschlüsselte Handynachrichten der Angeklagten Kamil E. und Delano G., dass sie auf Polnisch und Niederländisch mit einem Unbekannten kommunizierten. Dieser hatte am Tag des Anschlags Fotos von Peter R. de Vries geschickt: »Diesen Hund müsst ihr haben.« – »Ich mach das solo«, soll Delano G. geantwortet haben: »Ich finish das.« Nach dem Mord soll er Berichte an den Unbekannten gesendet haben. Eine Nachricht lautete den Ermittlern zufolge: »Er ist tot ... Alle schreien. Er hat sich nicht mehr bewegt.«

Doch wer der Unbekannte ist, der in den Prozessakten nur mit dem Code NN-*4229 angegeben wird, und ob es sich um den Drahtzieher des Mordes handelt, ist unklar. Eine Anklage gegen mutmaßliche Hintermänner der Tat gibt es derzeit nicht.

Was sagen die Angehörigen?

Royce und Kelly de Vries, die erwachsenen Kinder von Peter R. de Vries, sagten vor Gericht aus. »Ich bin überzeugt, wenn diese Verdächtigen meinen Vater in dieser Nacht um Hilfe gebeten hätten, hätte er ihnen geholfen. Sie haben stattdessen abgedrückt«, sagte Sohn Royce laut dem niederländischen TV-Sender NOS . Und Tochter Kelly richtete sich demnach direkt an die Angeklagten: »Du hast mir einen meiner Elternteile weggenommen. Und warum? Weil du nicht seiner Meinung warst? Weil dir jemand Geld angeboten hat?«

Wie geht der Prozess weiter?

Die Angeklagten schweigen oder dementieren die Vorwürfe derzeit. Ihre Anwälte sollen sich in der kommenden Woche in einer separaten Anhörung äußern. Das Urteil soll am 14. Juli fallen.

ptz/dpa/Reuters
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