Niederlande Gericht spricht Skandal-Arzt von Misshandlungsvorwurf frei

Weil Ernst J. absichtlich Fehldiagnosen gestellt haben soll, forderte die Staatsanwaltschaft sechs Jahre Haft für den Niederländer. Doch ein Berufungsgericht sah die Schuld des 69-Jährigen in diesem Punkt nicht als erwiesen an.

Skandal-Arzt Ernst J. (Archiv): Berufungsprozess in Arnheim
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Skandal-Arzt Ernst J. (Archiv): Berufungsprozess in Arnheim


Im Berufungsprozess gegen einen niederländischen Skandal-Arzt ist ein überraschendes Urteil gefallen. Das Gericht in Arnheim sprach Ernst J. vom Vorwurf der schweren Misshandlung frei. Es sah die Schuld für Dutzende schwere Fehldiagnosen nicht als erwiesen an. Wegen Verdunkelung und Urkundenfälschung wurde der Neurologe aber zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Gefängnis wegen zahlreicher absichtlich gestellter und schwerwiegender Fehldiagnosen gefordert. Die Verteidigung beantragte dagegen Freispruch. Nach einem Gutachten ist J. nur eingeschränkt zurechnungsfähig. Er soll an einem Hirnschaden leiden, als Folge eines Autounfalls im Jahr 1990.

In erster Instanz war J. zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Der Fall gilt als einer der größten medizinischen Strafprozesse der Niederlande. Der Arzt habe zwar Fehler gemacht, urteilte das Berufungsgericht. Doch eine Absicht sei nicht erwiesen.

Der 69-Jährige hatte bei Dutzenden Patienten fälschlicherweise unheilbare Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder Multiple Sklerose festgestellt und sie dagegen behandelt. Die Anklage machte ihn auch für den Suizid einer Frau verantwortlich. Viele Betroffene erlitten - von den psychischen Belastungen abgesehen - körperliche Schäden, weil sie nach den Befunden starke Medikamente einnahmen oder sich Operationen unterzogen.

Insgesamt soll J. über mindestens drei Jahrzehnte hinweg zweifelhafte Diagnosen gestellt haben. 1978 begann er für das Medisch Spectrum Twente zu arbeiten. 2003 wurde er vom Klinikum Enschede entlassen, weil er medikamentensüchtig gewesen sein soll. Anschließend ging er nach Deutschland, wo er an Krankenhäusern in Hannover, Worms und Heilbronn praktizierte.

wit/dpa

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