Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger Als der Serienmörder zum Betriebsrat ging

Wer hätte gegen Niels Högel Verdacht schöpfen müssen? Im Gespräch mit einer Betriebsrätin am Klinikum Oldenburg wählte er auffällige Worte. Vor Gericht kann sie sich aber nicht daran erinnern.

Niels Högel
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Niels Högel

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


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Stephan K. kämpft mit den Tränen. Der 48-Jährige war ein Kollege von Niels Högel, einst auch ein guter Freund. Als Krankenpfleger haben sie erst im Klinikum Oldenburg, dann in Delmenhorst zusammengearbeitet. Dass der Mensch, den er für einen Freund hielt, reihenweise Patienten ermordete, darüber kann Stephan K. auch 15 Jahre später kaum sprechen.

"Die Dimension ist nicht fassbar", sagt Stephan K. am Freitag vor dem Landgericht Oldenburg. "Es ist sehr schwer, damit umzugehen." Als Krankenpfleger wolle man den Familien von Patienten sagen: "Sie geben Ihre Angehörigen in unsere Hände, Ihr Vertrauen ist kein Fehler. Wir sind auf der richtigen Seite."

Stephan K. kann das nicht mehr sagen. Denn er selbst hat dieses Vertrauen verloren. "Ich kann mir nicht vorstellen, den Beruf je wieder auszuüben", sagt er. "Die Vertrauensbasis, die notwendig ist, um im Team zu arbeiten, die erlange ich nicht mehr. Ich will mich dieser Situation nie wieder aussetzen. Das Vertrauen ist maximal zerstört worden."

Dass Niels Högel im Sommer 2005 endlich festgenommen wurde, ist auch Stephan K. zu verdanken. Davon hatte der Zeuge bereits an einem vorherigen Verhandlungstag berichtet. Doch schon drei Jahre zuvor, im Jahr 2002, hätte die Mordserie gestoppt werden können.

Plötzlich stand Niels Högel im Büro der Betriebsrätin

Das erkannte auch Pia U., als sie 2005 von Högels Festnahme erfuhr. Pia U. war Mitglied des Betriebsrats im Klinikum Oldenburg. Im August 2002 stand Högel plötzlich in ihrem Büro. Er sei ganz aufgelöst gewesen, berichtet die 59-Jährige am Donnerstag vor Gericht. Er sagte ihr, dass die Klinikleitung ihn zu sich zitiert habe. Nun fürchtete er um seinen Job.

Nachdem es in Högels Diensten gehäuft zu Notfällen gekommen war, wollten Geschäftsführung, leitende Ärzte und Pflegekräfte ihn in Oldenburg nicht mehr an die Betten der Patienten lassen. Über das Leben der Patienten in anderen Kliniken machten sie sich offenbar keine Gedanken. Högel wurde gedrängt, die Oldenburger Klinik zu verlassen. Von einem Tag auf den anderen wurde er beurlaubt, bekam noch zweieinhalb Monate lang volles Gehalt und ein gutes Zeugnis. Die Klinik in Delmenhorst stellte ihn im Dezember 2002 arglos ein. Högel mordete weiter.

Bis eine Krankenschwester in Delmenhorst im Sommer 2005 handelte. Sie hatte Högel auf frischer Tat ertappt, nahm eine Blutprobe des Patienten, rief Stephan K. zur Hilfe. Im Blut fand sich ein Herzmedikament, das dort nichts zu suchen hatte. Högel wurde festgenommen. Und Pia U. in Oldenburg plagten fortan Schuldgefühle.

Sie habe ein schlechtes Gewissen, mache sich Vorwürfe, dass sie die Sache seinerzeit nicht weiter verfolgt habe, vertraute sie 2005 dem Chefarzt der Anästhesie an, der 2002 auf Högels Kündigung gedrängt hatte. Pia U. machte von diesem Gespräch einen Vermerk. Er findet sich in den Akten des Oldenburger Betriebsrats. Für Schuldgefühle bestehe kein Anlass, schließlich habe es in Oldenburg keinen konkreten Verdacht gegen Högel gegeben, entgegnete der Arzt. Auch das notierte Pia U. Mit der Ergänzung, dass sie das anders in Erinnerung habe.

"Ob er als Feuerwehrmann gesehen würde, der das Feuer selber legt"

Tatsächlich findet sich alles in den Akten des Betriebsrats. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann liest Auszüge vor. Da ist zum Beispiel die Notiz zu einem Telefonat zwischen Pia U. und Högel im September 2002. Högel erzählte, dass er den Chefarzt der Anästhesie angesprochen habe und von ihm wissen wollte, was genau man ihm eigentlich vorwerfe.

Högel berichtete der Betriebsratsmitarbeiterin, er habe den Arzt gefragt, "ob er als Feuerwehrmann gesehen würde, der das Feuer selber legt und dann zur Stelle wäre". So schrieb es Pia U. auf. Der Arzt ging nicht darauf ein. Heute liest sich Högels Satz wie ein Geständnis in Frageform. Der Krankenpfleger hatte zu diesem Zeitpunkt wohl bereits mindestens 36 Patienten ermordet. Er hatte ihnen Medikamente gespritzt, die sie kollabieren ließen, und dann erfolglos versucht, sie wiederzubeleben.

Am Tag nach diesem Telefonat gab es das nächste Gespräch, diesmal ohne Högel. Erstmals wurde der Verdacht geäußert, Högel führe die Notfälle absichtlich herbei. Ein Versehen halte er für ausgeschlossen, stellte der damalige Geschäftsführer der Oldenburger Klinik schon 2002 fest. Wieder schrieb der Betriebsrat mit.

Der ungeheure Verdacht, der da schwarz auf weiß zu lesen ist, ihr dokumentiertes schlechtes Gewissen - all das will die Zeugin Pia U. heute nur noch vage in Erinnerung haben. Nicht eine Gesprächssituation habe sie noch vor Augen, beteuert sie als Zeugin vor Gericht.

Gericht nimmt Zeugen die Erinnerungslücken nicht ab

"Sie schwören bei Gott, dem Allmächtigen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt zu haben?", fragt der Richter. "Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe", sagt Pia U. Aber sie beschwört vor allem Erinnerungslücken.

Gegen vier Zeugen läuft bereits ein Verfahren wegen Meineids. Die Staatsanwaltschaft glaubt ihnen ihre vor Gericht behauptete Erinnerungslosigkeit nicht und ermittelt wegen des Verdachts der Falschaussage unter Eid. Die Zeugen sind keine große Hilfe bei der Aufklärung der größten Mordserie der Bundesrepublik.

Bleibt der Angeklagte selbst. "Es ist für die Wahrheit nie zu spät, Herr Högel!" Bereits mehrfach hat Richter Bührmann appelliert, in dieser Woche tut er es erneut. Högel nickt. Doch Verlass ist auf ihn nicht. Das weiß Bührmann nur zu gut. Es ist der dritte Prozess gegen Högel vor Bührmanns Kammer. Jahrelang hatte Högel die Richter belogen und beteuert, erst in Delmenhorst und nicht schon in Oldenburg gemordet zu haben. Erst 2014 gab er zu, auch schon in Oldenburg getötet zu haben.

Um 100 Taten geht es nun im aktuellen Prozess. In den Jahren 2000 bis 2005 soll Högel 36 Patienten in Oldenburg und 64 in Delmenhorst ermordet haben. Doch es gibt eine Lücke, die Richter Bührmann umtreibt. Von Januar bis September 2002 gibt es keinen angeklagten Mord. Aber warum sollte Högel mittendrin aufgehört haben? Bührmann glaubt das nicht. "Die Vorstellung, dass Sie in dieser Zeit einfach nur stillgehalten haben, fällt mir schwer", sagt er. Högel nimmt es schweigend zur Kenntnis

Das Gericht hat den Berliner Rechtspsychologen Max Steller beauftragt, ein Gutachten über die Glaubhaftigkeit der Angaben von Högel zu erstellen. Es ist ein äußerst seltener Auftrag. Normalerweise beurteilen Rechtspsychologen die Aussagen von mutmaßlichen Opfern einer Sexualstraftat. Zu beurteilen, ob ein Angeklagter lügt oder nicht, gehört eigentlich zu den klassischen Aufgaben von Richtern, nicht von Psychologen. Doch im Fall Högel will Richter Bührmann diesmal auf Nummer sicher gehen. Er will nicht wieder eine böse Überraschung erleben.


Zusammengefasst: Hätte Niels Högels Mordserie früher gestoppt werden können? N otizen einer Oldenburger Betriebsrätin dokumentieren, dass es bereits 2002 - drei Jahre vor Högels Festnahme - Verdachtsmomente gab. Vor Gericht berief sich die Frau auf Erinnerungslücken. Damit dürfte ihre Aussage dem Gericht bei der Beweisaufnahme kaum helfen - ebenso wie die Auftritte mehrerer anderer Zeugen, die sich nach eigener Aussage an nichts erinnern. Die Kammer hat aber Zweifel, ob das stimmt: Gegen vier Zeugen laufen Verfahren wegen Meineids.

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