Niels Högel vor Gericht "Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie Ihren Frieden finden"

Warum tötete Niels Högel Dutzende Menschen? Das könne er sich selbst nicht erklären, sagt der Ex-Pfleger in seinem letzten Wort vor Gericht. Dabei spricht er auch die Familien seiner Opfer direkt an.

Niels Högel: In seinem letzten Wort vor Gericht bittet er um Entschuldigung.
Mohssen Assanimoghaddam/AFP

Niels Högel: In seinem letzten Wort vor Gericht bittet er um Entschuldigung.

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Niels Högel räuspert sich. Es ist kurz nach 10 Uhr, als der Vorsitzende Richter ihm das letzte Wort erteilt. Högel liest ab. Sein Gesicht wird überlebensgroß auf zwei Leinwände des Saals projiziert. Der 42-Jährige wirkt angespannt, seine Stimme klingt gepresst. Wegen Mordes in 100 Fällen muss sich der Krankenpfleger vor dem Landgericht Oldenburg verantworten.

"In den Plädoyers der Nebenkläger kam die Frage auf, ob der Prozess mich erreicht, ob er irgendetwas in mir ausgelöst hat", beginnt er. Högel beteuert, dass die Worte der Anwälte, die Fotos der Verstorbenen durchaus nicht ohne Wirkung geblieben seien. "Mir ist noch einmal deutlich geworden, wie viel unfassbares Leid ich verursacht habe", sagt er. "Ich habe unzähligen Menschen das Wertvollste, das Leben, genommen." Was ihn zum Morden getrieben habe, könne er sich selbst heute nicht erklären. "Die Motive sind mir selbst nicht mehr nachvollziehbar."

In den Jahren 2000 bis 2005 soll Niels Högel laut Anklage 36 Menschen im Klinikum Oldenburg und 64 Menschen im Klinikum Delmenhorst Medikamente gespritzt haben, die ihre Herzen zum Stillstand brachten. Nach der Beweisaufnahme sieht die Staatsanwaltschaft jedoch nicht mehr 100 Morde als erwiesen an, sondern 97. Für diese hat Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann vor drei Wochen in ihrem Plädoyer eine lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld für den Angeklagten gefordert.

Schwieriger Nachweis

Högels Verteidigerinnen, Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken, haben an diesem Mittwoch plädiert. Sie meinen, der Grundsatz, im Zweifel für den Angeklagten, müsse zu weit mehr als nur zu drei Freisprüchen führen. In insgesamt 31 Fällen sei nicht zweifelsfrei geklärt, dass es tatsächlich ihr Mandant war, der den Tod der Patientinnen und Patienten herbeigeführt habe.

Es geht vor allem um den Wirkstoff Lidocain, der auch auf anderem Wege in die Körper einiger Toter gelangt sein könne, sagen sie. Lidocain wird als lokales Betäubungsmittel im Klinikalltag verwendet, was den Nachweis erschwert, dass Högel dieses Mittel zum Töten verwendet hat. "Herr Högel kann nur für Taten verurteilt werden, die er begangen hat", sagt Verteidigerin Baumann, "nicht für Taten, die er begangen haben könnte." Baumann und Hüfken gehen in 55 Fällen von vollendetem Mord aus. In 14 Fällen sehen sie keinen vollendeten, sondern nur versuchten Mord.

Es gehe um zwei Fragen. Welchen Patienten hat Högel Medikamente injiziert, die ihren Kreislauf kollabieren ließen? Und welche dieser Patienten haben Högels Eingriff nicht überlebt? Nur wenn beides erwiesen sei, könne Högel wegen Mordes verurteilt werden. Wenn ein Patient überlebt hat, weil Högel reanimierte, sei dies juristisch als Rücktritt vom versuchten Mord zu werten, weswegen ihr Mandant in diesen Fällen freizusprechen sei. Und wenn unklar sei, ob die Dosis des gespritzten Medikamentes tatsächlich tödlich war, dann könnten diese Fälle nur als versuchter Mord gewertet werden.

"Es gibt so viele Opfer"

An einer lebenslangen Freiheitsstrafe würde dies nichts ändern. Auch von der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gehen die Verteidigerinnen aus. Und wie die Staatsanwaltschaft sagen auch sie, dass die Anordnung der Sicherungsverwahrung nicht infrage komme. Högel werde auch ohne Sicherungsverwahrung erst dann wieder in Freiheit gelangen, wenn ein Gutachter zu dem Ergebnis kommt, dass er nicht mehr gefährlich ist. Wenn er nicht mehr gefährlich ist, kann er aber auch nicht in Sicherungsverwahrung kommen. "Die Anordnung ist erlässlich, weil sie zu keinem anderen Ergebnis führen würde", betont Baumann.

Dann kommt der Moment, in dem Högel das Wort ergreift. Er bittet um Entschuldigung, "aufrichtig", wie er sagt. "Es gibt so viele Opfer." Er nennt die Verstorbenen, seine Kollegen, auch seine eigene Familie. Dann richtet er das Wort an die Familien der Verstorbenen. "Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie durch den verdienten Urteilsspruch Ihren Frieden finden." Högel endet mit einem Appell. Er bittet alle im Saal, "niemals das Vertrauen in die Arbeit der Schwestern und Pfleger zu verlieren".

Es ist still im Saal. Alle hören Högel zu, unter dessem Pullover sich eine schusssichere Weste abzeichnet. Doch um Rache geht es niemandem.

Sabine Niehaus wirkt aufgewühlt, als sie wenig später draußen vor dem Gebäude in der Sonne steht. Die Anspannung ist ihr anzusehen. Sie ringt um Worte. "Irgendwie glaube ich ihm seine Reue", sagt sie. "Aber er ist einfach ein Massenmörder." Sie sagt auch: "Dass da 31 Freisprüche rauskommen sollen, ist irgendwie nicht zu fassen." Auch ihr Vater, Johann Wehrenberg, überlebte die Begegnung mit Högel nicht. Der 64-Jährige starb am 22. Dezember 2002 im Klinikum Delmenhorst. Ein Mord wird in seinem Fall von keiner Seite in Frage gestellt.

Sabine Niehaus fühlt mit den Familien, die nun hören, dass Högel in ihren Fällen möglicherweise freigesprochen werden könnte. Das treibt auch Niehaus' Anwältin, Gaby Lübben, um. Lübben vertritt einen Großteil der rund 120 Nebenkläger im Prozess. Und sie hat versucht, die Familien darauf vorzubereiten.

"Die Nebenkläger sind stark, alle", sagt die Anwältin. Sie sagt auch, dass sie in der kommenden Nacht schlecht schlafen werde. "Ich habe Angst vor Freisprüchen." Am Donnerstag soll das Urteil fallen.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.