Prozess gegen Patientenmörder "Ich hoffe, dass Sie die Bilder dieser Menschen niemals vergessen werden"

Niels Högel sagt, im Traum werde er von den Seelen der Patienten heimgesucht, die er ermordet habe - aber er könne sie nicht zuordnen. In ihrem Plädoyer zeigte eine Anwältin die Menschen hinter den Fällen.

Rechtsanwältin Gaby Lübben, die zahlreiche Nebenkläger gegen Niels Högel vertritt
Hauke-Christian Dittrich/DPA

Rechtsanwältin Gaby Lübben, die zahlreiche Nebenkläger gegen Niels Högel vertritt

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Es sind nicht bloß Fälle, um die es im Prozess gegen den Krankenpfleger Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg geht. Es geht um Menschen, um 100 Frauen und Männer, die der 42-Jährige in den Jahren 2000 bis 2005 erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst ermordet haben soll.

Zum Beispiel Adnan T. Er kam aus der Türkei, hatte dort als Lehrer gearbeitet und war zuletzt Taxifahrer in Bremen. Er ist Fall 78 der Anklage. Von einem Foto lacht Adnan T. am Donnerstag in den Saal des Landgerichts.

Anwältin Gaby Lübben vertritt seine Familie im Prozess. Sie ist auch Nebenklagevertreterin Dutzender weiterer Familien mutmaßlicher Mordopfer. Lübben zeigt vor Gericht das Foto von Adnan T. und Bilder zahlreicher weiterer Frauen und Männer, deren Leben wohl Högel beendet hat. Sie plädiert als erste Nebenklageanwältin. Zuvor hatte die Staatsanwältin an diesem Tag ihr Plädoyer gehalten.

Adnan T. war 47 Jahre alt, als er im Juni 2004 im Klinikum Delmenhorst in die Hände des Krankenpflegers geriet. Högel bestreitet, etwas mit dem Tod des Mannes zu tun zu haben. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann sieht "im Zusammenspiel aller Umstände" dennoch "keine vernünftigen Zweifel" daran, dass er es war, der ihn getötet hat.

Högel soll ihm den Wirkstoff Lidocain gespritzt haben. Ein Gutachter hat in der Krankenakte gleich zwei Kreislaufzusammenbrüche festgestellt, die nicht zum Krankheitsverlauf passten. Den zweiten Kollaps überlebte Adnan T. nicht.

Vernünftige Zweifel an der Täterschaft

"Jede einzelne Tat muss ihm mit ausreichender Sicherheit nachgewiesen werden", sagt Schiereck-Bohlmann. "Allein die Aussage 'Größter Serienmörder der Geschichte' reicht für eine Verurteilung nicht aus." Auch wenn es für die Angehörigen schwer nachzuvollziehen sei, ist der Angeklagte im Einzelfall freizusprechen, "wenn noch vernünftige Zweifel an seiner Täterschaft bestehen", erklärt sie.

Angeklagter Niels Högel
AFP

Angeklagter Niels Högel

Die Staatsanwältin geht alle 100 Fälle einzeln durch. Sie zählt die Indizien auf, die für eine Verurteilung wegen Mordes sprechen. In drei Fällen sei Högels Täterschaft nicht erwiesen. An der Gesamtfreiheitsstrafe änderte dies nichts. Auf Mord steht immer eine lebenslange Freiheitsstrafe. Ob es Mord in 97 oder in 100 Fällen ist, macht so gesehen keinen Unterschied. Auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld ist dem Angeklagten gewiss. Sicherungsverwahrung beantragt sie nicht. Das gebe die Rechtsprechung nicht her, die für den Tatzeitraum gilt. Solange Högel noch als gefährlich betrachtet wird, werde er auch so nicht wieder in Freiheit kommen.

Mag die Anzahl der Morde für die Verurteilung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe auch nicht entscheidend sein: Für die Familien macht es einen gewaltigen Unterschied, ob ein geliebter Mensch an einer Krankheit gestorben ist oder weil er ermordet wurde.

Opferanwältin Gaby Lübben schließt sich in ihrem Plädoyer dem Antrag der Staatsanwaltschaft weitgehend an, widerspricht jedoch den geforderten Freisprüchen in zwei Fällen, die ihre Mandanten betreffen. Auch in diesen Fällen sei Högel wegen Mordes zu verurteilen. Wieso sie die Indizien anders wertet, führt Lübben nicht aus. Es geht ihr in ihrem Schlussvortrag um etwas anderes.

"Ich stelle Ihnen die Patienten nun vor"

Högel habe einmal behauptet, er würde nachts in seinen Träumen von den Seelen der Verstorbenen heimgesucht, sagt die Anwältin gleich zu Beginn ihres Plädoyers. Er habe auch gesagt, dass er die Seelen den Patienten nicht zuordnen könne. "Und deswegen stelle ich Ihnen die nun vor", sagt Lübben zum Angeklagten. Psychiater Henning Saß hatte in seinem Gutachten festgestellt, dass Högel die Patienten irgendwann nur noch als Objekte wahrgenommen habe. Anwältin Lübben versucht nun, Högel zu zwingen, sie wenigstens nach ihrem Tod als Menschen zu sehen.

Lübben macht nur wenige Worte zu den einzelnen Familien. Es sind einfach zu viele Tote, um sie ausführlich zu würdigen. Die Anwältin spricht von Enkeln, die ihre Großeltern viel zu kurz erlebt haben. Sie spricht von Reiseplänen, die unerfüllt blieben. Sie spricht von den Leidenschaften der Männer und Frauen, die dem Krankenpfleger teils schwerkrank ausgeliefert waren, teils hoffnungsfroh auf ihre Entlassung aus dem Krankenhaus warteten.

Und die Anwältin deutet an, dass Högels Morden mehr Menschen das Leben gekostet hat, als in der Anklage erwähnt sind. Sie sagt, dass es Angehörige gibt, die mit der Nachricht nicht weiterleben wollten, dass ihre Schwester oder ihre Mutter möglicherweise ermordet wurde. Im Saal fließen Tränen.

Lübben spricht eine knappe Stunde. Dann sagt sie: "Ich hoffe, dass Sie, Herr Högel, die Bilder dieser Menschen niemals vergessen werden." Sie sagt auch: "Die Toten werden nunmehr ihre Ruhe finden", auch die Angehörigen würden den Verlust irgendwann verarbeiten, "während Sie, Herr Högel, hinter verschlossener Tür von toten Seelen verfolgt alt werden". Die Familien der Toten applaudieren. Der Vorsitzende Richter lässt es geschehen.

Am Freitag sollen die Plädoyers der weiteren 16 Nebenklagevertreter folgen. Am 5. Juni soll die Verteidigung plädieren, am 6. Juni das Urteil fallen.

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