Mordprozess gegen Ex-Krankenpfleger "Ach herrje, der Todes-Högel hat wieder Dienst"

36 Menschen soll Niels Högel in seiner Zeit am Klinikum Oldenburg ermordet haben. Schöpfte damals wirklich niemand Verdacht? Ein Herzchirurg und ein früherer Kollege geben unterschiedliche Antworten.

Niels Högel im Gerichtssaal
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Niels Högel im Gerichtssaal

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


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Es ist vor Gericht nicht oft zu erleben, dass ein Zeuge vereidigt wird. Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hält es Richter Sebastian Bührmann nun für angebracht. Er bittet Michael H., Oberarzt und Herzchirurg im Klinikum Oldenburg, aufzustehen und die rechte Hand zu heben. Bührmann weist ihn darauf hin, dass Meineid hart bestraft wird. Dann hält er den Zeugen an zu schwören, die Wahrheit gesagt und nichts weggelassen zu haben.

"Ich schwöre, so wahr mir Gott helfe", sagt Michael H. Der Vorsitzende Richter scheint daran gewisse Zweifel zu hegen. Den Vertretern der Nebenkläger und der Oberstaatsanwältin geht es nicht anders.

Michael H. ist der erste Mediziner, der im Prozess als Zeuge vernommen wird. Er war stellvertretender Leiter der Herzchirurgie, als Niels Högel von 1999 in seiner Abteilung als Pfleger arbeitete. Im Herbst 2002 wechselte Högel in die Anästhesie und im Dezember 2002 ans Klinikum Delmenhorst.

Högel muss sich vor dem Landgericht Oldenburg wegen Mordes in 100 Fällen verantworten. 36 Morde soll er laut Anklage im Klinikum Oldenburg, 64 in Delmenhorst begangen haben. Högel hat in 42 Fällen gestanden, Patienten Medikamente gespritzt zu haben, um einen Kreislaufzusammenbruch hervorzurufen. Er habe nach erfolgreicher Wiederbelebung als Held dastehen wollen. Viele Patienten überlebten die Tortur nicht. Fünf angeklagte Taten bestreitet Högel, in 52 Fällen schließt er seine Täterschaft nicht aus.

"Es ist sicherlich um Herrn Högel gegangen"

Oberarzt Michael H. will in seiner Abteilung nichts Verdächtiges bemerkt haben. Lange habe er nicht mal den Namen Högel gekannt, sagt er vor Gericht. Die Ärzte sprachen die Pfleger mit dem Vornamen an. Doch auch an eine Begegnung mit Pfleger Niels habe er heute keine Erinnerungen mehr.

Michael H., 60 Jahre alt, arbeitet nach wie vor im Klinikum Oldenburg. Zu seiner Zeugenvernehmung hat er einen Anwalt mitgebracht, bezahlt von der Klinik. Derselbe Anwalt vertritt noch weitere Klinikmitarbeiter, die im Prozess als Zeugen aussagen sollen.

Erst auf Nachfrage räumt der Oberarzt ein, dass irgendwann eine Häufung von erhöhten Kaliumwerten bei Patienten Thema gewesen sei. Der Zeuge bleibt vage, einsilbig. Es dauert eine Weile, bis Michael H. sagt, dass es sogar eine Besprechung - vielleicht auch mehrere - unter Oberärzten gegeben habe.

"Es ist sicherlich um Herrn Högel gegangen", sagt er dann doch. Ihnen sei mitgeteilt worden, "dass Herr Högel in den Fokus geraten ist und wir ein Auge auf ihn haben sollen". Wieder sind Nachfragen nötig, bis er ergänzt, es sei darum gegangen, ob Högel besonders häufig bei Reanimationen anwesend sei.

Der Zeuge betont, er habe nie einen Beweis gegen Högel gesehen, lediglich Verdachtsmomente, nichts Greifbares. Es sei auch um den Ruf der Klinik gegangen. "Genau genommen hatten wir Angst davor, Rufmord zu begehen." Deswegen sei die Sache sehr diskret behandelt worden.

Der Zeuge redet und redet. Die Frage beantwortet er nicht

Richter Bührmann fragt den Zeugen nach einem "Horrorwochenende" im September 2001. Fünf Patienten mussten in einer Nacht insgesamt 14-mal wiederbelebt werden. Drei Menschen starben noch in der Nacht, zwei kurz darauf. Daran habe er keine Erinnerung, sagt der Oberarzt. Wieder muss der Richter nachhaken. Erst dann räumt Michael H. ein: Ja, so ein Wochenende habe es gegeben, "aber ich kann mich jetzt nicht konkret erinnern".

"Haben Sie irgendwann das Gefühl gehabt, dass es zu einer Häufung von Krisen- und Todesfällen gekommen ist?", fragt der Richter. Der Zeuge redet und redet. Die Frage beantwortet er nicht. Er hebt die "hervorragenden" Leistungen seiner Abteilung hervor, die vielen Operationen, und sagt, dass in der Herzchirurgie Reanimationen nichts Seltenes seien.

Von einer Strichliste will er nichts gewusst haben. "Die sehe ich hier zum ersten Mal", sagt er, als das Gericht sie ihm zeigt. Aus der Liste geht eine besondere Häufung von Reanimationen hervor, wenn Högel Dienst hatte. Darunter steht ein handschriftlicher Kommentar: Die Beweislage reiche "auf keinen Fall" aus, um die Staatsanwaltschaft zu informieren.

Dann steht da noch, dass Högel sich bereits in eine andere Abteilung habe versetzen lassen. Die Liste stammt von der Pflegeleitung. Der Richter äußert deutliche Skepsis an der angeblichen Unkenntnis des leitenden Oberarztes. "Solche Sachverhalte sind mit Ihnen als zweiter Mann in der Abteilung nicht erörtert worden? Sie stehen unter Wahrheitspflicht!" - "Ich kenne eine solche Liste nicht", sagt der Zeuge.

"Reanimation konnte er, die hat er nach allen Regeln der Kunst gemacht"

Ein weiterer Zeuge tritt an diesem Tag deutlich offensiver auf. Frank Lauxtermann hat bis April 2001 immer wieder mit Högel zusammengearbeitet. Sie waren Kollegen. Inzwischen ist Lauxtermann seit vier Jahren in Rente. Möglicherweise erleichtert dieser Umstand es dem 55-Jährigen, umfangreich auszusagen.

Lauxtermann berichtet von der Hybris der Mitarbeiter der Herzchirurgie, auch der Pfleger. "Dieses Selbstbewusstsein war schon gewaltig. Der Angeklagte passte da eigentlich hervorragend rein." Ihm sei Högel unsympathisch gewesen, er habe ihn als empathielos, aber fachlich versiert erlebt. "Reanimation konnte er, die hat er nach allen Regeln der Kunst gemacht."

Lauxtermann macht dem Klinikum Oldenburg schwere Vorwürfe. Schnell sei aufgefallen, dass Patienten häufig reanimiert werden mussten, wenn Högel Dienst hatte. Das müsse auch die Leitung gewusst haben, sagt Lauxtermann. Am Anfang seien Sprüche gemacht worden, dass Högel ein Pechvogel sei, da der Zustand der Patienten sich immer dann verschlechtert habe, wenn Högel im Dienst gewesen sei.

Später habe es dann schon mal geheißen: "Ach herrje, der Todes-Högel hat wieder Dienst." Richtig ernst genommen habe das zunächst niemand. Bis sich die Auffälligkeiten häuften. Nach Lauxtermanns Ausscheiden hätten ihn seine Kollegen weiter über Högel informiert. "Das Misstrauen der Kollegen wuchs", sagt er. Gestoppt wurde Högel nicht.

2014 hat sich Lauxtermann entschieden, nicht länger zu schweigen. Wegen Todesfällen in Delmenhorst stand Högel damals bereits vor Gericht. Lauxtermann ging zur Polizei. "Ich wusste, dass er nicht erst in Delmenhorst angefangen hat."

Gegen vier Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst ist bereits Anklage erhoben worden, gegen fünf Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg wird noch ermittelt. Es geht um die Frage der Mitverantwortung von Ärzten und Pflegern an Högels tödlichem Treiben. Gegen Michael H. wird nicht ermittelt.


Zusammengefasst: Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hat ein Oberarzt vom Oldenburger Klinikum ausgesagt, in dessen Abteilung Högel früher arbeitete und zahlreiche Menschen umgebracht haben soll. Erhellend war die Aussage des Mediziners nicht - er will von verdächtigen Aktivitäten Högels nichts mitbekommen haben. Ein ehemaliger Krankenpfleger berichtete indes, mit der Zeit sei das Misstrauen gegen Högel in der Abteilung gewachsen. Der Aussage des Arztes begegneten mehrere Prozessbeteiligte mit Skepsis - er wurde als Zeuge vereidigt.

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