Niels Högel voll schuldfähig Denn er wusste, was er tat

"Narzisstisch, dissozial, zwanghaft": Im Prozess gegen Patientenmörder Niels Högel attestiert der Gutachter dem Angeklagten eine kombinierte Persönlichkeitsstörung. Dennoch habe Högel bewusst und geplant getötet.

Niels Högel: "So ein Hardcorepfleger habe er auch werden wollen"
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Niels Högel: "So ein Hardcorepfleger habe er auch werden wollen"

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Es ist ein düsteres Bild, das Psychiater Henning Saß an diesem Tag vor Gericht von Niels Högel zeichnet. Es geht um die Frage der Schuldfähigkeit des Angeklagten und darum, ob die Bevölkerung auch in Zukunft vor dem heute 43-Jährigen geschützt werden muss. Saß Antwort ist eindeutig: Högel habe genau gewusst, was er tat, er habe bewusst und geplant getötet. Und aufgrund seiner speziellen Persönlichkeit sei er weiterhin gefährlich.

Niels Högel muss sich seit Oktober 2018 wegen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Von 2000 bis 2005 soll der Krankenpfleger insgesamt hundert Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst getötet haben.

Saß zufolge war Högels Entschluss fatal, 1999 auf die herzchirurgische Intensivstation des Klinikums Oldenburg zu wechseln. Die Herzchirurgie habe im Klinikalltag eine Sonderstellung, sagt der Gutachter. Sie sei von einem besonderen Nimbus umgeben. "Da hinein kam er", sagt Saß. Er meint den Angeklagten, den Saß so beschreibt: "ein junger Mann, ehrgeizig, tüchtig, erlebnishungrig, geltungsbedürftig und charakterlich noch nicht gefestigt".

Högels Entwicklung ist diese Umgebung offenkundig nicht bekommen. Gleich an seinem ersten Arbeitstag soll er auf einen Pfleger im Blut bespritzen Kittel getroffen sein, der mit einem dramatischen Einsatz prahlte. Högel sei beeindruckt gewesen. "So ein Hardcorepfleger habe er auch werden wollen", gibt Saß Högels Worte gegenüber seinem Vorgänger wieder.

Im Tatzeitraum voll schuldfähig

Saß, 74 Jahre alt, ist Professor für forensische Psychiatrie. Ende Januar kam er als Gutachter neu in das Verfahren, nachdem sein Vorgänger, Konstantin Karyofilis, wegen einer Erkrankung nicht länger am Prozess teilnehmen konnte. Mit Karyofilis hatte Högel noch gesprochen, mit Saß wollte er nicht mehr reden. Saß blieben die Akten und seine Erkenntnisse aus der Hauptverhandlung.

Die Diagnose einer kombinierten Persönlichkeitsstörung, wie sie schon Karyofilis bei Högel vorgenommen hatte, hält Saß für nachvollziehbar. Auch er sieht bei dem Angeklagten narzisstische, histrionische - "ein neumodisches Wort für hysterisch" - , dissoziale und zwanghafte Züge vorliegen. Högels psychische Auffälligkeiten hätten dennoch nicht dazu geführt, dass er nicht wusste, was er tat.

Högel sei im Tatzeitraum voll schuldfähig gewesen. Ihm sei bewusst gewesen, dass er Verbotenes tat. Seine Einsichtsfähigkeit, wie es die Juristen nennen, sei nicht beeinträchtigt gewesen. Auch seine Steuerungsfähigkeit sei weder eingeschränkt noch aufgehoben gewesen. Im Gegenteil: "Högel hat überlegt, umsichtig und geschickt gehandelt."

Notfälle herbeigeführt, um seine Tüchtigkeit zu beweisen

Warum hat Högel getötet? Was war sein Motiv? Auch dazu äußert sich Saß. Zwei Theorien verwirft der Gutachter. Högel habe alten Menschen nicht das Sterben erleichtern wollen. Und er habe auch nicht aus Mordlust getötet. "Es gibt keine Hinweise für ein lustvolles Erleben bei den Handlungen, auch keine Hinweise auf eine Freude am Quälen." Saß geht von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Motive aus.

Der Angeklagte habe ein ausgeprägtes Geltungsbedürfnis. Er habe Notfälle herbeigeführt, um seine besondere Tüchtigkeit zu zeigen. Und es sei ihm um Macht gegangen, er habe Herr über Leben und Tod sein wollen. Krisensituationen auf der Station hätten bei ihm zudem eine innere Anspannung gemildert, seine Stimmung verbessert. Auch habe er Patienten nicht als Menschen gesehen, sondern "eher als Objekt". Schließlich komme bei Högel "ein Bedürfnis nach Erregung, Thrill, Action" hinzu. Bedenklich seien vor allem seine psychopathischen Persönlichkeitsanteile, sein "bemerkenswerter Mangel an Empathie". Bei Högel seien weder Schuldgefühle noch Scham oder Reue erkennbar. Die Erfolgsaussichten einer Therapie seien in so einem Fall "sehr, sehr gering".

Saß sieht die Voraussetzungen für die Unterbringung in die Sicherungsverwahrung vorliegen. Die Sicherungsverwahrung gilt nicht als Strafe, sondern dient nach einer Freiheitsstrafe dem Schutz der Bevölkerung vor Menschen, die wegen einer Neigung zu Straftaten anhaltend gefährlich sind. Saß sieht so einen Hang auch bei Högel. Högel habe über fünfeinhalb Jahre getötet. Sein Verhalten sei eingeschliffen. "All das spricht für einen Hang, für eine Gefährlichkeit und für eine negative Prognose", sagt Saß.

Rätselhafte Lücke

Ganz am Ende kommt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann auf eine Lücke in der Mordserie zu sprechen, die ihn seit Beginn des Prozesses umtreibt. Bührmann hat bereits zwei Prozesse gegen Högel geführt, erst am Ende des letzten räumte der Krankenpfleger ein, nicht nur in Delmenhorst, sondern auch in Oldenburg getötet zu haben. Bührmann kennt also Högels Talent zum Lügen. Die Lücke, um die es dem Richter nun geht, bezieht sich auf Januar bis September 2002. Högel gibt an, in diesen Monaten plötzlich nicht getötet zu haben.

"Halten Sie das für plausibel?", fragt Richter Bührmann nun Psychiater Saß: "Ist es vorstellbar, dass er neun Monate stillgehalten hat?" Saß' Antwort ist eindeutig. "Aus psychiatrischer Sicht ist es genauso rätselhaft und unplausibel, wie es offenbar für Sie ist", sagt er. "Es erinnert mich an seine Angabe: ,In Oldenburg war nichts.'"

"Ja", sagt der Richter, "mich auch."



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