Mutmaßlicher Serienmörder auf Intensivstation Der Arbeitsalltag mit "Sensen-Högel"

Niels Högel soll als Krankenpfleger mehr als hundert Menschen getötet haben. Neue Zeugenaussagen zeigen: Viele Kollegen ahnten, was da lief. Doch wer sich an Vorgesetzte wandte, wurde abgebügelt.

Niels Högel ist des Mordes an 100 Patienten angeklagt
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Niels Högel ist des Mordes an 100 Patienten angeklagt

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Die Verunsicherung ist groß unter Niels Högels ehemaligen Kollegen und Kolleginnen. Dass niemand etwas vom tödlichem Treiben des Krankenpflegers bemerkt hat, lässt sich nach dem elften Verhandlungstag im Prozess gegen den 42-Jährigen vor dem Landgericht Oldenburg nicht mehr sagen.

Doch die Zeugen tun sich schwer damit, ihre Erinnerungen dem Gericht kundzutun. Sie haben Angst. Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen. Angst davor, als Verräter dazustehen. Angst wohl auch vor der Wucht der eigenen Schuldgefühle. Der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann ist an diesem Donnerstag deutlich bemüht, den Zeuginnen alle Ängste zu nehmen. Doch nicht in jedem Fall gelingt es.

Mehr als 100 Patienten und Patientinnen soll Högel erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst zwischen den Jahren 2000 und 2005 getötet haben. Es gab Sprüche: "Oh, der Högel hat Dienst, dann müssen wir wieder reanimieren." Es gab Spitznamen: "Sensen-Högel", "Rettungsrambo". Es gab Bitten unter den Pflegern und Schwestern, gegenseitig auf die Patienten aufzupassen, wenn Högel Dienst hatte.

Tod in der Zigarettenpause

Auch Birgit S. wurde misstrauisch. Und die Krankenschwester im Klinikum Delmenhorst sprach mit Kollegen über ihren Verdacht. Vor Gericht erzählt die 53-Jährige, dass sie Högel dabei erwischte, wie er ihrem Patienten etwas spritzte. Sie stellte ihn zur Rede, er redete ihr ein, sie selbst hätte einen Fehler gemacht, den er nun korrigiere. Er habe sie dann gedrängt, mit ihr eine Zigarettenpause zu machen. Kaum standen sie auf der Rauchertreppe, sei der Alarm losgegangen. Wenig später war der Patient tot.

Birgit S. war sich sicher, dass Högel nachgeholfen hatte. Anfang 2003 sei das gewesen. Sie sprach darüber mit dem Stationsleiter. Sie sagt, dass er sie angeblafft habe, sie möge sich nicht so anstellen, auf Intensivstationen sterben eben Menschen. Wenn sie dem nicht gewachsen sei, müsse sie sich einen anderen Job suchen.

Sie sprach auch mit einer befreundeten Kollegin. Diese warnte sie, keinen Rufmord zu begehen, es sei doch nur ein Verdacht ohne Beweise. Der Hinweis schüchterte Birgit S. ein. "Dann habe ich halt den Mund gehalten", sagt sie zum Richter. Högel habe sie weiter im Blick behalten.

Wie Birgit S. begannen auch andere Kollegen, auf eigene Faust nach Beweisen zu suchen. Vermutlich auch, um sich selbst zu beweisen, dass sie keine Gespenster sahen. Sie fanden leere Ampullen eines Herzmedikaments, das keinem einzigen Patienten auf der Station hätte gespritzt werden dürfen. Sie erwischten Högel am Bett von Patienten, die urplötzlich in einen Todeskampf gerieten.

"Sie sind eine ganz tolle Krankenschwester!"

Wie Birgit S. wandten sich auch andere Krankenpfleger und -schwestern an ihre Vorgesetzten. Was mit den Hinweisen im Einzelnen geschah, ist unklar. Mehrere leitende Klinikmitarbeiter aus Oldenburg und Delmenhorst werden sich wegen des Vorwurfs des Totschlags durch Unterlassen noch selbst vor Gericht verantworten müssen.

Die Gefühlslage der ehemaligen Kollegen von Högel ist komplex. So auch bei Birgit S. Einem Nebenklagevertreter war aufgefallen, dass sie an diesem Tag einmal sehr lange zu Högel auf der Anklagebank geschaut hat. Der Angeklagte hat es nicht bemerkt, der Richter auch nicht, er hatte gerade nach einer Stelle in den Akten gesucht, die er der Zeugin vorlesen wollte. Der Opferanwalt fragt die Zeugin nun, was sie in dem Moment gedacht habe, als sie zu Högel geschaut hat. Die Zeugin überlegt. Schließlich sagt sie: "Er tut mir leid."

Högels Verteidigerin wird keine Mitleid mit ihrem Mandanten erwartet haben, sie fragt nach, was der Zeugin leidtue. "Dass ihm keiner helfen konnte", sagt Birgit S.

Die Zeugin ist eine bemerkenswerte, eine mutige Frau. Sie selbst fühlt sich offensichtlich sehr unwohl in ihrer Haut. Richter Bührmann bemüht sich, die Zeugin mit einem guten Gefühl nach Hause zu schicken. "Sie sind eine ganz tolle Krankenschwester!", sagt er ihr zum Abschied. Sie selbst hat es durch ihre Bemerkung zu Högel untermauert. Selbst in einem mutmaßlichen Serienmörder sieht sie einen Menschen, dem hätte geholfen werden müssen - um ihn vom Morden abzuhalten.

"Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf"

Die nächste Zeugin wirkt fast starr vor Angst. Auch sie war einst Krankenschwester in Delmenhorst, auch sie hat mit Högel zusammengearbeitet. Die Zeugin versucht, dem Gericht wahlweise einzureden, dass sie überhaupt nichts mitbekommen oder alles vergessen hat. Überzeugend ist das alles nicht. Auch deshalb nicht, weil es Aussagen von anderen Zeugen gibt, die angeben, mit ihr sehr wohl über Högel gesprochen zu haben. Der Richter fragt erst behutsam, dann immer drängender nach. Es hilft alles nichts.

Das Problem der Zeugin scheint weniger ihre Erinnerungslosigkeit, als vielmehr ihre Erinnerungen zu sein. Sie hat Angst davor, selbst in den Fokus der Ermittlungen zu geraten. Vielleicht hat sie auch Angst, dass sie sich selbst eingestehen müsste, nicht genug getan zu haben. Der Richter erhöht schließlich den Druck. Er will sie vereidigen. Eine Falschaussage unter Eid wird mit Gefängnis bestraft. Die Zeugin bekommt noch mehr Angst.

"Ich will nicht vereidigt werden", sagt sie, den Tränen nahe. "Ich weiß nicht, was ich sagen darf und was ich nicht sagen darf", erklärt sie schließlich. "Ich habe Angst, dass ich jetzt schuld bin, dass das passiert ist."

Der Richter erklärt ihr, dass es keinerlei Anhaltspunkte für ein strafrechtliches Verfahren gegen sie gibt, bis auf ihr Verhalten nun vor Gericht. "Sie mauern in einer Weise, dass uns allen klar ist, Sie wissen mehr." Trotzdem sieht er letztlich davon ab, sie zu vereidigen. Die Zeugin trägt offensichtlich schon schwer genug daran, dass ihr Arbeitskollege der größte Serienmörder der Bundesrepublik sein könnte - und sie es womöglich zu lange nicht wahrhaben wollte.

Eine andere Zeugin an diesem Tag, Renate T., könnte sich als Heldin fühlen. Sie tut es augenscheinlich nicht, auch sie wirkt verunsichert. Die heute 49-Jährige hat Högel auf frischer Tat erwischt und entscheidend dazu beigetragen, dass das Morden des Pflegers 2005 endlich ein Ende hatte. Am 22. Juni 2005 stand Högel in Delmenhorst am Bett ihres Patienten Dieter M. Dem Mann war es kurz zuvor noch verhältnismäßig gut gegangen. Nun hatte er keinen Blutdruck mehr, die automatische Medikamentenzufuhr war auf null gestellt, der Alarm deaktiviert. Högel habe ertappt gewirkt, sagt die Zeugin vor Gericht. Sie reagierte sofort und tat das Richtige. Sie folgte ihrem Gefühl und schickte eine Blutprobe ans Labor. "Sehr gut", lobt der Richter.

Im Blut von Dieter M. fand sich Gilurytmal, ein Herzmittel, das in seinem Blut nichts zu suchen hatte. Pflegedienstleitung und Ärzte wurden informiert. Högel durfte trotzdem noch eine Schicht weiterarbeiten, da er dann ohnehin Urlaub hatte. Eine folgenschwere Fehlentscheidung. Laut Anklage tötete Högel auch noch in seiner letzten Schicht. Erst im Juli 2005 wurde er festgenommen.

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