Prozess gegen Ex-Krankenpfleger Niels Högel Empathielos, eiskalt

Der einstige Krankenpfleger Niels Högel hat zahlreiche Morde an Patienten zugegeben. Das Landgericht Oldenburg muss klären, ob alle Geständnisse ernst zu nehmen sind - oder wie seine Taten Ausdruck der Geltungssucht dieses Mannes.

DPA

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Niels Högel hat die Rolle angenommen, so wirkt es, die Rolle des massenmordenden Krankenpflegers.

Der Tod der Patienten, auch die Trauer seiner Kollegen, hätte ihn nicht sonderlich berührt, sagt der 41-Jährige vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Oldenburg über sich selbst. "Warum ich letzten Endes so empathielos und, ja, so eiskalt war, darauf kann ich Ihnen keine Antwort geben", sagt er zum Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann.

Todesfall für Todesfall geht die Kammer am zweiten Verhandlungstag mit dem Angeklagten durch. Sie kommt bis Fall 26. Weitere 74 stehen noch aus.

Högel werden 100 Morde vorgeworfen. Es geht um 36 Tote im Krankenhaus Oldenburg und um 64 Tote im Krankenhaus Delmenhorst. Laut Anklage soll Högel die Taten zwischen Februar 2000 und Juni 2005 begangen haben. 126 Angehörige nehmen als Nebenkläger am Prozess teil, sie werden von 17 Anwälten vertreten. Selbst der größte Saal im Landgericht Oldenburg ist zu klein für so viele Menschen. Verhandelt wird im großen Festsaal der Weser-Ems-Halle.

Von den ersten 26 Fällen in Oldenburg könne er sich an 15 Todesfälle konkret erinnern, sagt Högel. Zum Beispiel daran, dass eine Patientin, Franziska H., nach einer Operation mit geöffnetem Brustkorb und speziellem Verband auf die Intensivstation gebracht worden sei. Högel hatte so etwas nach eigenen Angaben noch nie gesehen. Er erinnert sich, der Frau sei es plötzlich sehr schlecht gegangen. Högel reagierte, indem er dafür sorgte, dass es ihr noch schlechter ging: "Es kam zu einer massiven Verschlechterung des Allgemeinzustandes, da habe ich dann manipuliert."

Was Högel mit Manipulation meint: Er spritzte den Patienten Medikamente. Er habe einen Kreislaufzusammenbruch hervorrufen wollen, um dann nach erfolgreicher Wiederbelebung vor Ärzten und Pflegekräften als Held dazustehen. Doch sehr viele Patientinnen und Patienten überlebten die Tortur nicht. Wie Franziska H.

"Da kann ich nichts zu sagen, da habe ich keine Erinnerung"

Ob Franziska H. aber sein erstes Mordopfer war, vermag Högel nicht zu sagen. Ein Umstand, der den psychologischen Sachverständigen, Professor Max Steller aus Berlin, stutzig macht. "Wenn es der erste Fall einer nicht erfolgreichen Reanimation war, müssten Sie sich dann nicht daran erinnern?", fragt er. Wenn Patienten seine Wiederbelebungsversuche nicht überlebten, sei er "überrascht, aber auch empathielos" gewesen, sagt Högel. Eine Antwort auf Stellers Frage ist das nicht.

Der Psychologe versucht es noch einmal, Steller verweist auf die Gedächtnisforschung. "Eindrucksvolle Geschehnisse müsste man eigentlich behalten. War Ihre erste erfolglose Reanimation nach zuvor erfolgter Manipulation für Sie kein eindrucksvolles Ereignis?" Offenbar nicht. Denn Högel sagt nur: "Ja." Auch den Ausgang weiterer Wiederbelebungsversuche hat er nicht mehr vor Augen. Dabei soll es ihm nach eigener Aussage doch genau darum gegangen sein.

Bei zehn Todesfällen fehle ihm jede Erinnerung an die Patienten. "Da kann ich nichts zu sagen, da habe ich keine Erinnerung", sagt Högel. Und dann sagt er: "Ich schließe aber eine Manipulation auch nicht aus."

Es sind vor allem diese zehn Fälle, die Psychiater Konstantin Karyofilis und Psychologe Steller Kopfschmerzen zu bereiten scheinen. Nimmt da ein Angeklagter zu bereitwillig weitere Morde auf sich? Steller soll ein Gutachten über die Glaubhaftigkeit von Högels Aussage erstellen, Psychiater Karyofilis sich zur Schuldfähigkeit des Angeklagten äußern.

"Wie kann man so werden? Wer ist man?"

Psychiater Karyofilis hakt nach. Was soll das heißen, er könne nicht ausschließen, auch diese Patienten getötet zu haben? "Wer soll es sonst gewesen sein?", antwortet Högel: "Ich kann mir keinen anderen vorstellen, der so etwas tut." Högel gesteht Morde quasi nach dem Ausschlussprinzip.

Warum tut er das? Will Högel, wenn er ohnehin als Serienmörder verurteilt wird, dann zumindest besonders viele Taten begangen haben? Spielt da wieder sein Geltungsstreben eine Rolle? Will er nun statt als Reanimationsheld als größter Serienmörder der Nachkriegsgeschichte gelten? Nicht nur Högels Taten sind schwer zu fassen, er selbst ist es auch.

Was er heute empfinde, wenn er an seine Taten denke, fragt eine Nebenklageanwältin. "Scham, Ekel vor mir selbst und auch große Fragezeichen", sagt Högel: "Wie kann man so werden? Wer ist man?" Eine Frage, die sich viele im Saal zu Högel stellen.

Nur in einem Fall ist der Angeklagte sich an diesem Tag sicher, nicht der Mörder zu sein. Mit dem Tod von Günther M. am 23. Juli 2000 habe er nichts zu tun. "Hohes Gericht, das ist einer der wenigen Patienten, wo ich sicher bin, dass ich keine Manipulation vorgenommen habe", beteuert er. Wenn das stimmt, dann hat eine Pflegerin Günther M. damals vermutlich das Leben gerettet. Denn Högel hatte nach eigenem Bekunden einen "Höllenrespekt" vor der Kollegin, die er als "herrisch" empfand und die "niemanden an den Patienten heranließ".

Möglicherweise auch den Serienmörder Högel nicht.

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