Prozess gegen Niels Högel Der Serienmörder von der Intensivstation

Niels Högel sollte Patienten helfen, doch er brachte sie reihenweise um - niemand hielt ihn auf. Wegen 100 Morden muss sich der Ex-Krankenpfleger nun vor Gericht verantworten. Fragen und Antworten zum Prozess.
Niels Högel (Archiv)

Niels Högel (Archiv)

Foto: Ingo Wagner/ dpa

Es ist die wohl größte Mordserie in der Geschichte der Bundesrepublik: Der frühere Krankenpfleger Niels Högel soll in Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst jahrelang Patienten umgebracht haben.

Wie groß ist der Fall Högel?

Wie viele Taten der 41-Jährige genau begangen hat, wird vermutlich nie geklärt. Die Ermittler der Sonderkommission "Kardio" identifizierten insgesamt 322 potenzielle Opfer.

Die Staatsanwaltschaft ließ auf 67 Friedhöfen 134 Leichen exhumieren, sogar in Polen und in der Türkei. Rechtsmediziner untersuchten die Leichen auf Spuren von Medikamenten, mit denen Högel getötet hatte.

Doch in mehr als hundert Verdachtsfällen wurden die Verstorbenen feuerbestattet. Das macht eine nachträgliche Untersuchung auf Medikamentenrückstände unmöglich. Insgesamt habe Högel wohl "zwischen 200 und 300 Menschen getötet", vermutete ein Experte, der mit dem Fall betraut war, im SPIEGEL.

Wie viele Taten sind angeklagt?

Högel muss sich ab Dienstag wegen des Todes von 100 Menschen vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Wegen der Dimension des Verfahrens hat das Gericht die Verhandlung in die Oldenburger Weser-Ems-Hallen verlegt, wo sonst Stars wie Vanessa Mai auftreten. Angesetzt sind 23 Prozesstage, dann verwandelt sich der 700 Quadratmeter große Raum in einen Gerichtssaal. Fast 350 Menschen passen dort hinein, etwa 200 Plätze sind für Journalisten und Zuschauer reserviert.

Weser-Ems-Hallen in Oldenburg

Weser-Ems-Hallen in Oldenburg

Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Wie viele Nebenkläger gibt es in dem Prozess?

126 Angehörige wollen sich als Nebenkläger an dem Verfahren beteiligen . "Es wird eine Achterbahn der Gefühle", sagt Christian Marbach, Sprecher der Nebenkläger. "Sie wollen, dass es endlich losgeht. Gleichzeitig haben sie auch Angst davor."

Voraussichtlich zwei Stunden wird die Staatsanwältin brauchen, um die Anklage zu verlesen - den Namen jedes einzelnen Opfers und dessen Schicksal. Für die Angehörigen werde wahrscheinlich erst in diesem Moment alles real und greifbar, vermutet Marbach. Das Gericht versucht, dem Rechnung zu tragen. Die Nebenkläger werden einen eigenen Raum haben, in den sie sich zurückziehen können. Experten für Opferhilfe werden sie dort betreuen.

Welchen Zeitraum betreffen die angeklagten Taten?

Högel war von 1999 bis 2005 auf Intensivstationen an Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst tätig. Seinen ersten Mord beging der Krankenpfleger laut den Ermittlungen am 7. Februar 2000, ein halbes Jahr nach seinem Arbeitsantritt in den Städtischen Kliniken Oldenburg. Bis 2002 war er dort beschäftigt.

Zu diesem Zeitpunkt, so glaubt die Staatsanwaltschaft, hatte er bereits 35 Morde begangen. Dokumente belegen, dass die damalige Führungsspitze des Oldenburger Klinikums sich intensiv mit dem Verdacht gegen Högel befasste. Doch die Klinik, in der viele mindestens eine böse Ahnung hatten, schrieb ihm noch ein gutes Zeugnis.

Klinikum Oldenburg (Archiv)

Klinikum Oldenburg (Archiv)

Foto: Ingo Wagner/ DPA

Im Dezember 2002 begann Högel seinen Dienst auf der Intensivstation in Delmenhorst. Die Sterberate stieg anschließend rapide an. Vor seiner Anstellung verstarben pro Jahr durchschnittlich 84 Patienten auf der Station. In den Jahren 2003 und 2004 gab es 177 und 170 Todesfälle. Im Juli 2005 wurde er entlassen und wegen des konkreten Verdachts, einen Patienten getötet zu haben, festgenommen.

Mit welchen Urteilen endeten frühere Prozesse gegen Högel?

Für den Vorsitzenden Richter Sebastian Bührmann wird es bereits das dritte Verfahren sein, das er gegen Högel leitet. Der Ex-Pfleger stand wegen des Todes von sechs Patienten bereits in zwei Verfahren vor Gericht. 2008 wurde er wegen versuchten Mordes in einem Fall zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Nach weiteren Hinweisen und Ermittlungen folgte 2014 und 2015 ein Prozess wegen fünf Taten. Bührmanns Kammer verurteilte Högel zu lebenslanger Haft. Zudem erteilte das Gericht lebenslanges Berufsverbot und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. In dem Prozess hatte Högel einem Gutachter überraschend 30 Morde gestanden. Die Ermittlungen wurden ausgeweitet, die eigens eingerichtete Soko "Kardio" untersuchte alle Sterbefällen an früheren Arbeitsstätten des Pflegers.

Wie tötete der Angeklagte?

Nach Erkenntnissen der Ermittler verabreichte Högel Intensivpatienten eigenmächtig Medikamente, um Herz-Kreislauf-Stillstände auszulösen und die Kranken anschließend wiederzubeleben. Vielfach gelang das nicht.

Chronologie: Der Fall Högel

In Vernehmungen sagte der Ex-Pfleger aus, wie er sich immer wieder in die Zimmer von Patienten geschlichen habe, wenn die anderen Schwestern und Pfleger in der Küche oder im Teeraum gesessen hätten. Seine tödliche Routine: Alarm ausschalten, Herzmittel spritzen und schnell raus, "in eine ganz andere Ecke oder Gegend" der Station.

Welches Motiv vermuten die Ermittler?

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 41-Jährige aus einer Art Geltungssucht handelte. Högel habe seine "Fähigkeiten im Bereich der Reanimation gegenüber Kollegen und Vorgesetzten präsentieren" wollen, sagten die Ermittler bei der Vorstellung ihrer Anklageschrift. Sie halten es auch für möglich, dass er aus Langeweile handelte.

Welche Verantwortung haben die Kliniken?

In beiden Krankenhäusern schöpften Kollegen Verdacht, schritten aber nicht ein, obwohl es nach Ansicht der Ermittler konkrete Hinweise auf die Taten gab. Vier frühere Kollegen Högels am Klinikum Delmenhorst - zwei Ärzte und zwei leitende Pflegekräfte - werden sich deshalb im Anschluss an den Prozess wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen gegen fünf ehemalige Klinikmitarbeiter aus Oldenburg laufen noch.

Welche Konsequenzen hatte der Fall Högel?

Der Fall löste Debatten über die Sicherheit in Kliniken aus, Patientenschützer forderten Verbesserungen. Niedersachsen verschärfte jüngst sein Krankenhausgesetz. Kliniken im Land müssen künftig anonyme Meldesysteme einführen und Stationsapotheker beschäftigten, um eine bessere Kontrolle über die Ausgabe von Medikamenten zu haben. Högel etwa bediente sich für seine Taten problemlos an unterschiedlichen hochwirksamen Arzneien.

Welche Erwartungen gibt es an den Prozess?

Unklar ist, ob und wie ausführlich sich Högel vor Gericht äußern wird. Das Landgericht hat vorsorglich vier bis fünf Verhandlungstage dafür eingeplant. Bei Befragungen im Gefängnis hatte er die Vorwürfe weitgehend eingeräumt.

Selbst wenn am Ende kein anderes Urteil als zuvor stehen wird, hat dieses doch auch juristische Konsequenzen, wie die Nebenklage-Anwältin Gaby Lübben betont. Eine lebenslange Haftstrafe bedeutet nicht zwangsläufig, dass jemand bis zu seinem Tod im Gefängnis sitzt. "Jede nachgewiesene Tat verlängert seine Haft", sagt Lübben. Bei mehr als hundert Morden könnte das möglicherweise bedeuten: auf eine sehr lange Zeit oder sogar für immer.

wit/dpa/AFP