Prozess gegen Patientenmörder Staatsanwältin hält Högels Geständnisse für glaubhaft

Am Landgericht Oldenburg haben die Plädoyers im Prozess gegen Niels Högel begonnen. Dem Ex-Krankenpfleger werden 100 Morde zur Last gelegt. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem Lügenmodell des Angeklagten.

Patientenmörder Niels Högel: Zunehmende Beweislast
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Patientenmörder Niels Högel: Zunehmende Beweislast


Mit dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft geht der Mordprozess gegen Niels Högel nach fast sieben Monaten in die entscheidende Phase. Der Ex-Krankenpfleger hat aus Sicht der Anklagebehörde nur sehr bedingt dazu beigetragen, die ihm vorgeworfenen 100 Morde aufzuklären.

Der Angeklagte habe sich eines Lügenmodells bedient, Vorgänge bestritten und nur mit zunehmender Beweislast nach und nach Taten eingeräumt, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann am Landgericht Oldenburg zum Auftakt ihres Plädoyers. Es gebe aber keine grundsätzlichen Zweifel an der Glaubhaftigkeit der von Högel abgelegten Geständnisse.

Högel hatte in dem Prozess 43 der 100 Taten eingeräumt und fünf bestritten. An die übrigen konnte er sich eigenen Angaben zufolge nicht erinnern. Er schloss aber nicht aus, diese Patienten getötet zu haben.

Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann: "Allein die Aussage 'Größter Serienmörder der Geschichte' reicht nicht aus, ihn zu verurteilen"
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Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann: "Allein die Aussage 'Größter Serienmörder der Geschichte' reicht nicht aus, ihn zu verurteilen"

Schiereck-Bohlmann wollte in ihrem vermutlich mehrere Stunden dauernden Plädoyer auf jeden einzelnen Fall eingehen. "Allein die Aussage 'Größter Serienmörder der Geschichte' reicht nicht aus, ihn zu verurteilen", sagte die Oberstaatsanwältin auch mit Blick auf die Medienberichterstattung.

In den ersten dreieinhalb Stunden ihres Schlussvortrages bewertete Schiereck-Bohlmann 72 Fälle. Mindestens 70 Patientenmorde Högels bezeichnete sie als erwiesen, zwei Fälle seien ihm nicht zur Last zu legen.

Der 42-jährige Högel muss sich seit Ende Oktober 2018 vor dem Gericht verantworten. Er soll seine 34 bis 96 Jahre alten Opfer in den Jahren 2000 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst mit verschiedenen Medikamenten zu Tode gespritzt haben. Wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation war er bereits 2015 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

"Wir erwarten ein sehr klares, deutliches und starkes Plädoyer der Staatsanwaltschaft", sagte der Sprecher der Opfer-Angehörigen, Christian Marbach. "Ich hoffe, dass er nie mehr aus dem Gefängnis kommt." Marbachs Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich bereits vor Gericht verantworten musste.

Marbach zeigte sich enttäuscht über den bisherigen Prozessverlauf am Landgericht Oldenburg. Anders als von Högel angekündigt, habe dieser die Chance nicht genutzt, zur Aufklärung beizutragen und den Angehörigen Klarheit zu verschaffen.

Am Donnerstag soll als erste Nebenkläger-Vertreterin auch Gaby Lübben ihren Schlussvortrag halten. Plädoyerberechtigt sind neben der Staatsanwaltschaft insgesamt 17 Nebenklagevertreter sowie die beiden Verteidigerinnen Högels. Das Urteil wird am 6. Juni erwartet.

wit/dpa

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