Prozess gegen Patientenmörder Högel Mord aus Langeweile

Hundert Patienten ermordet, lautet die Anklage. Wie geht man mit so einem monströsen Verbrechen um? Der Richter wandte sich am ersten Prozesstag vor allem an die Familien der Opfer.

DPA

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Passen Sie bitte auf sich auf!" Es sind ungewöhnliche Worte, mit denen der Vorsitzende Richter die Verhandlung vor dem Landgericht Oldenburg beginnt. Sebastian Bührmann spricht zu den Angehörigen der Toten. Hundert Menschen soll der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel umgebracht haben, deshalb steht er vor Gericht. "Bitte geben Sie auf sich acht", sagt Bührmann. Er weist die Nebenkläger daraufhin, dass sie jederzeit den Saal verlassen können, wenn ihnen zu viel wird, was sie hören. Mitarbeiter des Weißen Rings und der Opferhilfe kümmerten sich dann um sie.

Es geht um die größte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Staatsanwaltschaft wirft Högel 100 Morde vor. Wegen sechs weiterer Taten ist der 41-Jährige von der Schwurgerichtskammer bereits zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden, schon damals unter Vorsitz von Richter Bührmann.

Für das neue Verfahren dient der große Festsaal der Weser-Ems-Hallen als Gerichtssaal. 126 Angehörige der Toten sind als Nebenkläger zugelassen, sie werden von 17 Anwälten vertreten.

Die Dimension der vorgeworfenen Verbrechen wird mit dem Verlesen der Anklage deutlich. Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann hält sich knapp. Sie liest jeweils den Namen, das Geburtsdatum und den Todestag der Patienten vor, dazu einen, manchmal zwei Sätze zum ermittelten Tatablauf. Und doch dauert es mehr als eine Stunde, bis sie alle 100 Frauen und Männer genannt hat.

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Högel-Prozess: Aufarbeitung einer unglaublichen Verbrechensserie

Högel mordete laut Anklage dort, wo seine Opfer ihm arg- und wehrlos ausgeliefert waren. Die Taten soll er zwischen Februar 2000 und Juni 2005 erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst begangen haben. Er verabreichte seinen Patienten Medikamente, um sie an den Rand des Todes zu bringen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er dies tat, um von Kollegen und Vorgesetzten für seine Fähigkeit der Reanimation Anerkennung und Bewunderung zu erhalten - "und um seine Langeweile zu bekämpfen". So trägt es die Oberstaatsanwältin vor. Dass viele seiner Opfer die Tortur nicht überlebten, habe er billigend in Kauf genommen.

Wahrscheinlich noch viel mehr Opfer

Högel mordete laut Anklage manchmal mehrmals am Tag. Er mordete mal nachts, mal morgens, mal mittags, mal abends, mal direkt, wenn Patienten auf seine Station kamen, mal ein paar Tage später. Seine Opfer waren laut Anklage 34 bis 96 Jahre alt. Tatsächlich gehen die Ermittler davon aus, dass es noch viel mehr als 100 Opfer gibt. Doch in vielen Fällen wurden die Toten feuerbestattet, was es den Rechtsmedizinern unmöglich macht, im Nachhinein noch Spuren von Medikamenten zu entdecken.

Richter Bührmann nimmt sich viel Zeit für die Angehörigen. Er erklärt zu Verhandlungsbeginn ausführlich, wer im Saal welche Funktion hat. Er entschuldigt sich auch für die Sprache der Juristen, die in ihren Ohren sicher hart klinge. Etwa wenn von "Tatbestandserfolg" gesprochen wird und damit der Tod eines geliebten Menschen gemeint ist. Und er verspricht: "Wir werden mit allen Kräften nach der Wahrheit suchen."

Der Richter sagt auch, was ein Strafprozess leisten kann und was nicht. Er will die Angehörigen vor Enttäuschungen bewahren. Sicher werde auch zur Sprache kommen, ob und gegebenenfalls inwiefern noch andere Schuld am Tod von Menschen tragen, sagt er. Bührmann meint die Klinikmitarbeiter, die Högels Treiben möglicherweise tatenlos zugeschaut haben, obwohl sie längst Verdacht geschöpft hatten. Um die mögliche Schuld anderer gehe es in diesem Verfahren nicht, sagt Bührmann. "Wir beschränken uns auf die Frage: Trägt Herr Högel Schuld am Versterben Ihrer Angehörigen? Und wenn, in welcher Weise?"

Zwei Sachverständige nehmen am Prozess teil. Der emeritierte Psychologieprofessor Max Steller aus Berlin wird ein Gutachten zur Glaubhaftigkeit der Angaben von Högel erstatten, Psychiater Konstantin Karyofilis zu Högels Schuldfähigkeit.

"Ich hätte eigentlich gar nicht nach Oldenburg gehen dürfen"

Es ist kurz vor 11 Uhr, als mit einem Mal Högels Gesicht frontal auf zwei riesigen Leinwänden im Saal gezeigt wird. Högel will sprechen. Zunächst zu seiner Person. Aufgewachsen in Wilhelmshaven in einem behüteten Elternhaus. Vater Krankenpfleger, Mutter Rechtsanwaltsgehilfin. Nach dem erweiterten Realschulabschluss begann Niels Högel seine Ausbildung zum Krankenpfleger, später bildete er sich zum Rettungsassistenten weiter.

Von Juni 1999 an arbeitete er als Pfleger auf einer Intensivstation im Klinikum Oldenburg. Er berichtet von hohem Druck und seinem Ehrgeiz, "gute Leistung zu bringen". Er habe angefangen, starke Schmerzmittel, Opiate, zu nehmen, die ihm den Stress erträglicher machten. "Was ich mir nicht eingestehen wollte, das war wahrscheinlich, dass eine Intensivstation gar nichts für mich war", sagt Högel.

Er spricht ruhig, souverän. Sollten ihn die vielen Hinterbliebenen im Saal beeindrucken, dann zeigt er es nicht. Högel spricht über die Kollegen, die - wie er - die Patienten nicht mehr als Menschen gesehen hätten, sondern nur noch die Werte auf den angeschlossenen Maschinen. "Ich hätte eigentlich gar nicht nach Oldenburg gehen dürfen", sagt er schließlich.

36 Menschen soll Högel in Oldenburg ermordet haben, 64 in Delmenhorst. Richter Bührmann fragt ihn zwischendurch recht unvermittelt, ob denn die 100 Vorwürfe in der Anklage mehrheitlich zuträfen. "Ja", sagt Högel: "Das, was zugegeben worden ist, ist auch so."

Chronologie: Der Fall Högel
1999 - 2002
Niels Högel arbeitet im Klinikum Oldenburg.
2002 - 2005
Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst.
Juni 2005
Eine Krankenschwester ertappt Högel im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll.
2006
Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels Högel wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil.
Juni 2008
In der Neuauflage des Prozesses verurteilt das Landgericht Oldenburg Högel zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs.
Januar 2014
Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen Högel, der Prozess beginnt im September.
November 2014
Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach.
Januar 2015
Högel gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein.
Februar 2015
Das Landgericht Oldenburg verurteilt Högel wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft.
Juni 2016
Ermittler geben bekannt, dass Niels Högel für Dutzende Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Högel gestand bei der Polizei, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben.
August 2017
Niels Högel hat nach neuen Angaben der Ermittler 84 weitere Menschen auf dem Gewissen. Die Zahl der Todesfälle liege vermutlich sogar weit höher; viele Patienten seien jedoch eingeäschert worden und können nicht mehr untersucht werden.
Oktober 2018
In Oldenburg beginnt erneut ein Prozess gegen Högel. Dem bereits wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilten Mann werden 99 weitere Taten vorgeworfen, ein 100. mutmaßlicher Mord ist zur Anklage gebracht und könnte später in den Prozess eingebunden werden.

Im vorherigen Prozess in den Jahren 2014 bis 2015 hatte Högel noch nichts von den Morden in Oldenburg verraten. Richter Bührmann spricht ihn darauf an, erinnert ihn, dass er selbst ihm damals intensiv zu einer Lebensbeichte geraten habe. Högel habe damals beteuert, die Wahrheit zu sagen. Nun sagt der Angeklagte: "Ich habe damals aus reiner Überzeugung gesagt, dass in Oldenburg nichts war." Er habe die Taten aus Scham vor seiner Familie verschwiegen und sie auch vor sich selbst nicht wahrhaben wollen. "Es war kein taktisches Gelüge", sagt er.

"Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, Sie kennen den Spruch, Herr Högel"

Richter Bührmann fragt und fragt. Wenn er 60 Morde in Delmenhorst gestehe, wo sei denn dann noch die Hemmung, gut 30 weitere in Oldenburg zu gestehen? "Ich wollte mich mit Oldenburg nicht beschäftigen", sagt Högel. Das Wissen sei tief in ihm vergraben gewesen. Richter Bührmann wird schließlich deutlich. "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, Sie kennen den Spruch, Herr Högel. Wir fragen uns: Wie viel können wir Ihnen glauben?"

Viele Nebenkläger glauben Högel kaum ein Wort. Sie sagen, der Angeklagte erinnert sich an eine Beziehung in den Neunzigerjahren, die nur wenige Wochen dauerte. Er erinnert sich an einen zweitägigen Segeltörn im Jahr 2000. Doch Dutzende Morde will er damals einfach vergessen haben?

Richter Bührmann jedenfalls tut alles, um dem Angeklagten und auch den Angehörigen deutlich zu machen, dass er die Toten nicht vergessen wird. Zu Beginn der Verhandlung ruft er alle im Saal auf, sich für eine Schweigeminute zu erheben. "Alle Verstorbenen haben es verdient, dass wir uns auf sie besinnen. Es sind zu viele, als dass ich sie alle beim Namen nennen könnte." Auch Niels Högel erhebt sich von seinem Platz. Eine Minute lang hält er den Kopf gesenkt und die Hände gefaltet.


Zusammengefasst: Vor dem Landgericht Oldenburg hat ein Prozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel begonnen. Der bereits wegen Mordes an Patienten zu lebenslanger Haft Verurteilte ist wegen 100 weiterer Taten angeklagt - die er am ersten Verhandlungstag auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters mehrheitlich zugab. 126 Angehörige der Opfer sind in dem Verfahren als Nebenkläger zugelassen; wegen der außergewöhnlichen Dimension des Falles und Prozesses wird in einem Kongresssaal verhandelt.

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