Prozess gegen Patientenmörder Niels Högel Manipulator des Todes

Niels Högel hat viele Menschen ermordet - aber wie viele genau? Seit Monaten versucht das Landgericht Oldenburg, sich einer Antwort zu nähern. Gutachter bezweifeln, dass der Angeklagte dabei hilft.

Niels Högel: Gutachter attestiert "qualitativ hochwertige Lügen"
Hauke-Christian Dittrich/DPA

Niels Högel: Gutachter attestiert "qualitativ hochwertige Lügen"

Von Wiebke Ramm


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Wenn Lügen Talent erfordert, hat Niels Högel mehr als genug davon. Vor Gericht gibt er sich jovial und auskunftsfreudig. Doch dass ihm nicht zu trauen ist, wissen die Richter nur zu gut. "Wie viel können wir Ihnen glauben, Herr Högel?", fragte der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann ganz am Anfang des Prozesses am Landgericht Oldenburg. Es ist eine Frage, die auch am Ende bleiben dürfte.

Niels Högel muss sich seit Oktober 2018 wegen Mordes in hundert Fällen vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Von 2000 bis 2005 soll der Krankenpfleger 36 Menschen im Klinikum Oldenburg und 64 Menschen im Klinikum Delmenhorst Medikamente gespritzt haben, die ihre Herzen zum Stillstand brachten. Ende April soll ein Psychiater sein Gutachten zur Schuldfähigkeit des Angeklagten vorstellen, für Mai werden die Plädoyers erwartet, spätestens im Juni könnte das Urteil fallen.

Doch fraglich ist, ob Högel tatsächlich für alle hundert angeklagten Taten verurteilt werden kann. Das liegt zum einen an Högels Talent zu lügen. Das liegt aber auch an dem Betäubungsmittel Lidocain. Es ist eines der Mittel, mit denen er getötet haben soll.

Seine Verteidigerinnen Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken bezweifeln, dass ihr Mandant für den Tod aller Patienten verantwortlich ist, in deren Körper posthum Lidocain festgestellt wurde. Denn Lidocain wird im Klinikalltag auch zum schmerzfreien Einführen von Kathetern und Magensonden verwendet.

Verteidigerinnen Kirsten Hüfken (l.) und Ulrike Baumann
DPA

Verteidigerinnen Kirsten Hüfken (l.) und Ulrike Baumann

Die Richter haben sich in dieser Frage professionelle Hilfe geholt. Professor Wolfgang Koppert ist Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Vor Gericht ist er sämtliche Todesfälle durchgegangen. In jedem einzelnen Fall hat er angegeben, für wie wahrscheinlich er es hält, dass Högel den jeweiligen Patienten getötet hat. Und in einigen Fällen hält auch er eine Manipulation durch Högel nur für "möglich". Auf Kopperts Skala ist dies der geringste Wahrscheinlichkeitsgrad.

"Patient schreit plötzlich auf und hat Angst"

Zum Beispiel Heinrich R. Mit 76 Jahren ist er am 14. Januar 2004 im Klinikum Delmenhorst gestorben. Der Angeklagte selbst hatte ausgesagt, er habe an Heinrich R. keine Erinnerung. Ob er auch ihm ein Medikament gespritzt hat, könne er nicht sagen. Er will es aber auch nicht ausschließen. Und auch Gutachter Koppert konnte nur feststellen: "Ich kann nicht klar sagen, was da letztlich zum Tod geführt hat." Ob das Lidocain mit der Magensonde, dem Katheter oder durch Högel in Heinrich R.s Körper gelangt ist, könne er nicht unterscheiden.

Es gibt aber auch Lidocain-Fälle, die so auffällig sind, dass Koppert eine Manipulation durch Högel für "sehr wahrscheinlich" hält. Etwa den Tod von Friedrich W. Der Kreislauf des 92-Jährigen sei am 3. Mai 2004 recht stabil gewesen, sagte Koppert mit Blick in die Akten. Was dann passierte, steht dort auch: "Patient schreit plötzlich auf und hat Angst."

Friedrich W. erlitt einen Herzstillstand und starb. Für Koppert ist die Angstreaktion des Mannes ein deutlicher Hinweis auf eine Lidocain-Gabe: "Wenn ein Medikament einen Herzstillstand verursacht, fühlt sich das bedrohlich an." Er sagte auch: "Die Reaktion zeigt, wie wach der Patient war und dass er es realisiert hat."

Wie viele Morde sind Högel nachzuweisen?

Ein anderer Wirkstoff in den Körpern der Toten hat für die Richter hingegen schon für sich genommen eine "sehr hohe Beweiskraft", dass Högel den Tod der Menschen verursacht hat. Ajmalin heißt der Wirkstoff, Gilurytmal das Herzmedikament. Nur Ärzte dürfen es verabreichen, sie tun es nach Erkenntnis des Gerichts jedoch "äußerst selten".

Für das Gericht steht Högels Täterschaft in diesen Fällen so gut wie fest. Er hat gestanden, Patienten Gilurytmal gespritzt zu haben. Und auch Mediziner Koppert geht in fast allen diesen Fällen davon aus, dass "sehr wahrscheinlich" Högel es war, der die Patienten mit dem Mittel getötet hat.

Dass der Prozess für Högel mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe enden wird, steht kaum noch infrage. Möglicherweise nicht wegen hundert, aber doch wegen Dutzender Morde. Fest steht auch, dass die Klinikmordserie die Justiz auch nach dem Urteil noch über Jahre beschäftigen wird.

Es geht um die mögliche Mitschuld von Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern. Denn Högels Treiben blieb in den Kliniken, in denen er tötete, nicht unbemerkt. Kollegen und Vorgesetzte schöpften Verdacht. Niels Högel konnte trotzdem weitermorden. Fünfeinhalb Jahre lang.

Nach dem Wechsel der Abteilung will Högel nicht mehr getötet haben

Gegen zwei damalige Oberärzte des Klinikums Delmenhorst, gegen den früheren Stationsleiter der Intensivstation und gegen einen Stellvertreter wurde die Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen bereits zugelassen. Gegen fünf Mitarbeiter des Klinikums Oldenburg hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg das Ermittlungsverfahren wegen desselben Vorwurfs noch nicht abgeschlossen.

Wenn seine ehemaligen Vorgesetzten und Kollegen eines Tages als Angeklagte vor Gericht stehen, wird Högel dort als Zeuge aussagen. Und unter Prozessbeteiligten wird spekuliert, ob der heute 43-Jährige mit dem Hang zum Narzissmus und zur Lüge dann möglicherweise für böse Überraschungen sorgen wird. Denn es gibt eine unerklärliche Lücke in Högels Mordserie. 2002 wechselte er in Oldenburg von der herzchirurgischen Intensivstation in die Anästhesie-Abteilung. Dort will er nicht mehr getötet haben.

"Haben Sie dort auf der Anästhesie-Station manipuliert?", fragte Richter Bührmann gleich zu Beginn des Prozesses. "Nein", sagte Högel. "Sie bleiben dabei? Auf der Anästhesie-Station in Oldenburg gab es keine weiteren Manipulationen?", fragte der Richter noch einmal. "Ja", sagte Högel. Bührmann hakte im Laufe der Beweisaufnahme immer wieder nach. Seine Zweifel sind geblieben. "Die Vorstellung, dass Sie in dieser Zeit einfach nur stillgehalten haben, fällt mir schwer."

Denn Bührmann weiß, mit wem er es zu tun hat. Er war es, der als Vorsitzender Richter auch schon die ersten beiden Prozesse gegen Högel geführt hat. Damals ging es insgesamt um sechs Todesfälle im Klinikum Delmenhorst. Dass es um viel, viel mehr Fälle geht, räumte Högel erst Anfang 2015 am Ende des zweiten Prozesses ein. Und erst 2016 gestand er, auch schon in Oldenburg gemordet zu haben. Er hatte diese Morde einfach vergessen, sagte Högel damals. Vergessen?

7. Februar 2000 - Högels mutmaßlich erster Mord

"Das Wissen, dass er auch in Oldenburg manipuliert hat, hatte er die ganze Zeit", stellte Rechtspsychologe Max Steller nun im aktuellen Prozess fest. "Herr Högel weiß, was er gemacht hat." Steller war bis zu seiner Emeritierung Professor am Institut für forensische Psychiatrie der Berliner Charité. Er gilt als Koryphäe auf dem Gebiet der Aussagepsychologie und ist damit Experte im Erkennen von Lügen. Und er stellte fest: "Herr Högel ist in der Lage, qualitativ hochwertig zu lügen." Auch Steller hat alle hundert Fälle der Anklage analysiert. Sein Fokus lag dabei auf den Angaben Högels.

Högel hat in 43 Fällen gestanden, Patienten Medikamente gespritzt zu haben, fünf Taten bestreitet er, in 52 Fällen gibt er an, seine Täterschaft nicht auszuschließen, sich aber nicht erinnern zu können. Zum Beispiel an den Tod von Elisabeth S. am 7. Februar 2000 im Klinikum Oldenburg, sein mutmaßlich erster Mord.

"Haben Sie eine Erinnerung an den Fall?", fragte der Richter am zweiten Verhandlungstag. "Nein, da kann ich nichts zu sagen, keine Erinnerung", sagte Högel. "Ich vermute, es könnte der erste Fall gewesen sein, ausschließen kann ich das nicht."

Psychologe Steller hat das stutzig gemacht. Denn sollte die 77-jährige Elisabeth S. tatsächlich Högels erstes Mordopfer gewesen sein, dann wäre es sehr ungewöhnlich, wenn er diese Tat vergessen hat. Es widerspräche dem sogenannten Primacy-Effect, wonach Menschen das erste Ereignis einer Serie besonders gut im Gedächtnis bleibt, sagte Steller.

Was bedeutet es also, wenn Högel sagt, dass er sich an Elisabeth S. nicht erinnern kann? Lügt er? Sagt er die Wahrheit? Beunruhigend wäre beides. Steller stellte fest: "Wenn stimmt, was Herr Högel sagt, dann bedeutet das, dass er wahrscheinlich schon vorher manipuliert hat."


Zusammengefasst: Wegen hundertfachen Mordes muss sich Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. In der Beweisaufnahme hat sich gezeigt, dass es schwierig sein dürfte, ihm jede Tat nachzuweisen. Wie viele Todesfälle lassen sich eindeutig auf Högels Handlungen zurückführen? Und welche möglicherweise auf andere Ursachen? Auf Aussagen des Angeklagten will sich das Gericht nicht verlassen - ein Gutachter hat Högel hohe Lügenbereitschaft und beachtliche Lügenkompetenz bescheinigt.

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