Zeugin über Begegnung mit Niels Högel "Was spritzt du da?"

Sie erwischte Niels Högel mit einer Spritze am Bett eines Patienten: Vor Gericht hat eine Krankenschwester über den mörderischen Kollegen ausgesagt. Der Angeklagte sei "reanimationsgeil" gewesen.

Angeklagter Niels Högel
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Angeklagter Niels Högel

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Es ist das erste Mal, dass Niels Högel das Gespräch verweigert. Der Vorsitzende Richter gibt am Mittwochmorgen bekannt, dass der frühere Krankenpfleger und mutmaßliche Serienmörder nicht bereit ist, mit Psychiater Henning Saß zu sprechen. Eine überraschende Nachricht. Denn bisher war der Angeklagte sehr bemüht, dem Gericht seine Kooperationsbereitschaft zu demonstrieren.

Högel muss sich wegen des Vorwurfs des hundertfachen Mordes vor dem Landgericht Oldenburg verantworten. Von 2000 bis 2005 soll er im Klinikum Oldenburg und in Delmenhorst reihenweise Patienten getötet haben.

Mit Saß' Vorgänger Konstantin Karyofilis hatte Högel gesprochen. Doch Psychiater Karyofilis ist wegen Krankheit aus dem Verfahren ausgeschieden. Vor zwei Wochen hat das Gericht deshalb Saß als Gutachter beauftragt. Saß soll beurteilen, ob Högel im Tatzeitraum vielleicht nur eingeschränkt schuldfähig war. Er soll auch einschätzen, ob Högel noch immer eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Warum der Angeklagte nicht mit Saß sprechen will, ist nicht bekannt. Högels Verteidigerinnen wollten sich dazu auf Nachfrage außerhalb des Saals nicht äußern.

Für Psychiater Saß bedeutet das, dass er nun in einer ähnlichen Situation ist wie im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München. Damals sollte er die Schuldfähigkeit und Gefährlichkeit von Beate Zschäpe beurteilen. Auch sie war nicht bereit, mit ihm zu sprechen. Wie damals kann Saß sein Gutachten nun auch im Fall Högel nur anhand der Akten und seiner Beobachtungen in der Hauptverhandlung erstellen. Högels eigene Angaben vor Gericht hat Saß verpasst.

Einfluss von Alkohol und Medikamenten?

Damals hatte Högel gesagt, dass er zunehmend unter dem Einfluss von Alkohol und Medikamenten gestanden habe. Es wäre ein Hinweis auf eine möglicherweise eingeschränkte Schuldfähigkeit. Die meisten seiner Kollegen, die vor Gericht bisher ausgesagt haben, geben allerdings an, Högel niemals berauscht oder betrunken erlebt zu haben.

Gutachter Saß fragt auch an diesem Tag die Zeugen, ob sie bei Högel über die Jahre Stimmungsschwankungen wahrgenommen haben, ob er mal ängstlich, niedergeschlagen, verstimmt gewesen sei. Die Zeugin Sylvia O. hat so etwas nicht bemerkt.

"Herr Högel war ein junger, sehr hilfsbereiter Kollege", sagt sie. Die 54-Jährige arbeitete als Krankenschwester im Klinikum Oldenburg. Sehr freundlich sei er gewesen - und "immer allseits bereit zum Reanimieren". "Reanimationsgeil" nennt sie Högel. Das sei bei jungen Kollegen aber nicht ungewöhnlich gewesen. "Er war ein unauffälliger Mann. Bis auf die eine Nacht, in der ich stutzig wurde."

Dann erzählt sie von einem Nachtdienst an einem Wochenende im September 2001. Sechs Patienten hätten wiederbelebt werden müssen. "Es war grauenvoll. Wir mussten wirklich von einem Zimmer zum anderen springen. Es war das Grauen." Nie zuvor und nie danach habe sie sechs Reanimationen in einer Schicht erlebt. "Was ist hier los?", habe sie eine Kollegin gefragt und gedacht: "Hier spukt es!" Das Gespenst war Högel.

"Was spritzt du da?"

Sie selbst hat in jener Horrornacht den Angeklagten am Bett eines Patienten erwischt. "Herr Högel stand am Bett, mit der Spritze schon am Zentralkatheder", berichtet sie. "Was spritzt du da?", habe sie ihn gefragt. "Xylocain", habe er geantwortet, ein Herzmittel, das nur Ärzte verabreichen dürfen - und das Högel nach eigenen Angaben mehrfach zum Töten verwendete. "Lass das", habe sie ihn angeherrscht. Weil er ihren Anweisungen folgte, habe sie den Vorfall für sich behalten.

Wenig später sitzt der Leiter der Klinik, Dirk Tenzer, als Zeuge vor Richter Bührmann. Der 46-jährige Tenzer ist Vorstandsvorsitzender des Klinikums Oldenburg. Er arbeitet erst seit 2013 in der Klinik. Högel selbst hat er nicht mehr erlebt.

Im Herbst 2014 erfuhr Tenzer über Zeitungsberichte von dem Verdacht, dass Högel nicht nur in Delmenhorst, sondern auch in Oldenburg Patienten getötet hat. Er habe sich fortan intensiv um Aufarbeitung bemüht, sagt er. Er habe Mitarbeitergespräche geführt, Gutachten über Todesfälle während Högels Dienstzeit erstellen lassen und mit der Staatsanwaltschaft kooperiert.

Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann erinnert den Zeugen daran, dass sie erst mit einem Durchsuchungsbeschluss kommen musste, bis Tenzer ihnen eine Strichliste übergab, auf der eine extreme Häufung von Reanimationen oder Todesfällen während Högels Dienstzeit dokumentiert ist. Richter Bührmann zeigt das Dokument dem Zeugen. Warum hat er die Liste erst 2016 der Staatsanwaltschaft überreicht?, fragt er.

"Wir haben die Liste nicht genau deuten können", sagt Tenzer. "Da sind Todesfälle vermerkt, aber auch Patienten, die unser Krankenhaus lebend verlassen haben." Den Richter überzeugt das nicht. "Mir fällt es schwer zu glauben, dass Sie keine Relevanz gesehen haben." Der Zeuge versucht es anders. "Ich habe nicht die Intention gehabt, Dinge bewusst zurückzuhalten." Er habe die Liste irgendwann vergessen, erst 2016 sei sie ihm wieder eingefallen.

Zurückgehalten hat er auch die Protokolle seiner Mitarbeitergespräche. Während sich manche Mitarbeiter bei der Polizei und vor Gericht kaum noch erinnern wollten oder konnten, haben sich einige von ihnen gegenüber Tenzer deutlich erinnerungsfreudiger gezeigt. Die Gespräche hat Tenzer 2014 geführt, sie auch gleich protokolliert. Der Staatsanwaltschaft hat er die Protokolle erst 2018 überreicht. Der Richter fragt nach dem Grund. Er habe den Mitarbeitern Vertraulichkeit zugesichert, sagt Tenzer. Außerdem sei er davon ausgegangen, dass die Polizei die Mitarbeiter ohnehin selbst und viel intensiver befragen werde. Böse Absicht sei es nicht gewesen.

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