Gutachter über Niels Högel "Qualitativ hochwertige Lügen"

Verschweigt der serienmordende Krankenpfleger Taten? Oder gesteht er Morde, die er gar nicht begangen hat, um als Deutschlands größter Serienmörder in die Geschichte einzugehen? Niels Högel und das Ringen um Wahrheit.

Niels Högel vor Gericht (Archivfoto)
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Niels Högel vor Gericht (Archivfoto)

Von Wiebke Ramm


Üblicherweise ist es die ureigene Aufgabe des Gerichts, zu beurteilen, ob ein Angeklagter lügt. Es ist auch die Aufgabe der Richter, festzustellen, ob dem Angeklagten nachzuweisen ist, dass er die angeklagten Taten begangen hat. Im Fall des Krankenpflegers Högel geht die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Oldenburg jedoch auf Nummer sicher.

Die Richter haben Max Steller, emeritierter Rechtspsychologieprofesser aus Berlin und einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Aussagepsychologie, beauftragt, ein Gutachten zu erstellen. Am Donnerstag hat der 75-Jährige vor Gericht ausgeführt, wie glaubhaft welche Angaben Högels sind. Es geht um insgesamt 100 Patienten, die Högel laut Anklage erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst in den Jahren 2000 bis 2005 getötet haben soll.

Gutachter Steller kommt zu dem Ergebnis: "Herr Högel weiß, was er gemacht hat." Doch dass der Angeklagte sein Wissen dem Gericht bereits vollständig mitgeteilt hat, bezweifelt der Psychologe. "Wir wissen wahrscheinlich noch nicht alles, was in seinem Kopf vor sich geht."

"Hohe Lügenkompetenz"

Högel zeichne eine "hohe Lügenbereitschaft und eine beachtliche Lügenkompetenz" aus, auch das sagt Steller. "Falschaussagen haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit bis in diese Hauptverhandlung hinein", sagt er: "Dass er nie wissentlich gelogen habe, kann als eindeutig widerlegt angesehen werden." Högel sei in der Lage zu "qualitativ hochwertigen Lügen". Dafür gebe es "viele, viele, viele Belege." So habe Högel etwa die Frage, welche Tat seine allererste Tat gewesen ist, stets nach dem aktuellen Ermittlungsstand beantwortet.

"Muss man unterstellen, dass jedes Wort von ihm eine Lüge ist?", fragt Richter Sebastian Bührmann irgendwann. "Nein, muss man nicht", sagt Steller. "Jemand, der eine hohe Lügenneigung hat, kann trotzdem die Wahrheit sagen." Steller erinnert an diesem Punkt üblicherweise an das Sprichwort: "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht." Der Volksmund fügt klug an: "Und wenn er auch die Wahrheit spricht." Es ist eine Weisheit, die auch die Psychologie kennt, weswegen es bei der Aussagepsychologie nicht um die Glaubwürdigkeit einer Person, sondern um die Glaubhaftigkeit einer Aussage geht.

Högels Persönlichkeit weise mindestens narzisstische Züge auf, stellt Steller fest. Ein Narzisst sei selbstverliebt und spreche seiner eigenen Person eine besondere Wichtigkeit zu. Damit einher gehe eine Neigung zu "selbstwertdienlichen Zwecklügen", so nennt es Steller. Es entspräche also Högels Persönlichkeit, falsche Aussagen zu machen, um seinen Selbstwert zu erhöhen.

Was ist nun aber die Wahrheit, was gelogen?

Bis 2016 hatte Högel behauptet, nie in Oldenburg gemordet zu haben. Das seien "keine Lügereien" gewesen, habe Högel einmal gesagt, referiert Steller dessen Aussage. Nach eigenen Angaben will er die Taten verdrängt haben. In der Psychologie bedeutet Verdrängung ein vollständiges Vergessen. Eine Aussage, die Steller hellhörig werden ließ.

Durch die Lektüre der Krankenakte beeinflusst?

Denn wenn Högel über Jahre nicht gewusst haben will, dass er in Oldenburg Patienten getötet hat, dann aber auch diese Taten gesteht, stellt sich die Frage, wie er das echte oder vermeintliche Wissen wiedererlangt hat. Steller prüfte also, ob es sich bei Högels Geständnissen um sogenannte Scheinerinnerungen handeln könnte. Ob Högel also möglicherweise aufgrund der Befragung durch Ermittler oder durch die Lektüre der Krankenakten so beeinflusst wurde, dass er nur glaubt, sich zu erinnern, es tatsächlich aber gar nicht tut.

Steller prüfte alle Aussagen, die Högel über die Jahre zum Thema Vergessen und Verdrängen gemacht hat. Und er fand Äußerungen wie: "Total vergessen hatte ich das natürlich nie." Steller kommt zu dem Schluss: "Herr Högel hatte die ganze Zeit das Wissen, dass er auch in Oldenburg an Patienten manipuliert hat."

Högel hat nach Überzeugung des Gutachters noch in weiteren Punkten gelogen. Dass er lange Zeit vergessen haben will, dass er mit verschiedenen Medikamenten tötete, hält Steller für "genauso unwahrscheinlich" wie frühere Angaben, er habe Patienten nicht zweimal an den Rand des Todes gebracht. Hätten sie eine Reanimation überlebt, hätte er sie in Ruhe gelassen, hatte Högel behauptet. Tatsächlich geht der Gutachter davon aus, dass Högel Patienten auch mehrfach gequält hat.

Für fünf der angeklagten Todesfälle will Högel nicht verantwortlich sein. "In allen fünf Fällen gibt es gewisse Unsicherheiten in der Befundlage", sagt Steller, "das könnte für ihn ein Grund sein, um fälschlich zu sagen: Das war ich nicht." Aussagepsychologisch könne Steller dazu nichts weiter beitragen. Zu wenig habe Högel zu diesen Fällen gesagt, als dass er die Angaben analysieren könne.

"Nichts Unlogisches in den Geständnissen"

Dann gibt es die 52 Fälle, in denen Högel sagt, er könne sich nicht an die Fälle erinnern, könne aber auch nicht ausschließen, für den Tod der Patienten verantwortlich zu sein. Auch dazu könne Steller nichts sagen, weil diese wenigen Worte keine Analyse der Glaubhaftigkeit möglich machen. Bleibt die Frage, ob Högel in den 43 Fällen, die er gestanden hat, möglicherweise falsche Geständnisse abgelegt hat.

Steller hat in Högels Angaben zu diesen Taten nach sogenannten Realkennzeichen gesucht, also nach Merkmalen, die darauf hindeuten, dass Högel ein wahres Ereignis schildert. Dazu zählen etwa die Schilderung von Nebensächlichkeiten in den jeweiligen Situationen oder auch eigene Gedanken, die er während der Taten hatte. In knapp der Hälfte der Fälle hat Steller keine Realkennzeichen erkannt, in den restlichen 17 Fällen hat er Hinweise auf eine erlebnisbasierte Schilderung gefunden. Steller stellt dennoch fest: "Es spricht nichts gegen die Richtigkeit der Geständnisse. Ich habe nichts Unlogisches in den Geständnissen gefunden."

Es bleibt die Aufgabe des Gerichts, zu entscheiden, was es von Högels Angaben hält. Eine leichte Aufgabe ist das nicht.



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