Zeugen über Niels Högel Ein Freund schöpfte Verdacht

Niels Högel, ein unauffälliger und netter Mitarbeiter? So beschreiben Zeugen den wegen hundertfachen Mordes angeklagten früheren Krankenpfleger. Doch ein Kollege machte eine schockierende Entdeckung.

Niels Högel
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Niels Högel

Von Wiebke Ramm, Oldenburg


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Psychiater Henning Saß kann sein Erstaunen über die angebliche und nahezu umfassende Ahnungslosigkeit der Zeugen nicht verbergen. Im Prozess gegen Serienmörder Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg soll Saß ein Gutachten zu einer wichtigen Frage abgeben: War der ehemalige Krankenpfleger möglicherweise nur vermindert schuldfähig, als er einen Patienten nach dem anderen tötete?

Saß steht am Beginn seiner Aufgabe. Er wurde erst vergangene Woche als Gutachter beauftragt. Sein Vorgänger im Verfahren, Konstantin Karyofilis, schied wegen schwerer Krankheit aus dem Prozess aus. Neben Saß versucht ein weiterer Sachverständiger herauszufinden, was für eine Persönlichkeit Niels Högel ist. Rechtspsychologe Max Steller soll sich zur Glaubhaftigkeit der Angaben Högels äußern.

Für Saß geht es nun etwa um die Frage, ob Högel unter Alkohol- oder Medikamenteneinfluss stand, als er erst im Klinikum Oldenburg, dann im Klinikum Delmenhorst Patienten Arzneimittel spritzte, die in mindestens 100 Fällen zu ihrem Tod geführt haben sollen. Saß fragt also Högels frühere Kollegen, die als Zeugen vor der Schwurgerichtskammer aussagen, ob ihnen etwas aufgefallen ist.

Gutachter Henning Saß im Gerichtssaal
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Gutachter Henning Saß im Gerichtssaal

Högels Vorgesetzter im Klinikum Oldenburg, der stellvertretende Pflegedienstleiter Johann K., kann oder will Saß nicht weiterhelfen. "Nett, freundlich, sympathisch" sei Högel gewesen. Viel mehr vermag der Zeuge nicht zu sagen - ähnlich wie ein Arzt, der am Vortag ausgesagt hatte.

Er habe nie den Eindruck gehabt, Högel sei unter Einfluss von Alkohol oder Medikamenten gewesen, sagt Johann K. Am Verhalten des Pflegers sei ihm nichts aufgefallen, auch Gerüchte seien ihm nicht zu Ohren gekommen. Wie Högel sich in Konfliktsituationen verhalten habe, wisse er nicht.

Saß kann das nicht so recht glauben. Ob es nicht zu seinen Aufgaben als stellvertretender Pflegedienstleiter gehört habe, sich ein Bild davon zu machen, wie sich ein Mitarbeiter im Team verhält, fragt er. Johann K. sagt, Saß mache sich offenbar falsche Vorstellungen von seiner Tätigkeit. Seine Hauptaufgabe habe damals darin bestanden, sich als Pfleger um Patienten zu kümmern. Zeit, die Mitarbeiter zu beobachten, habe er gar nicht gehabt.

Sollte dies bei Johann K.s Chef, Pflegedienstleiter Bernd N., anders gewesen sein, wird es Saß genauso wenig erfahren wie das Gericht. Gegen Bernd N. läuft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Totschlag durch Unterlassen. Vor Gericht durfte er daher die Aussage verweigern.

"Am nächsten Morgen war der Patient nicht mehr da, tot"

Deutlich gesprächiger ist Stephan K. Der 48-Jährige war mit Högel befreundet. Sie arbeiteten als Pfleger erst im Klinikum Oldenburg, dann in Delmenhorst zusammen. Vor Gericht erzählt er, er habe Högel 2003 beim Umzug geholfen. Dabei seien ihm zahlreiche leere Schnapsflaschen aufgefallen. Högel habe ihn gebeten, es für sich zu behalten. Stephan K. sagt auch, ihm sei aufgefallen, dass sein Freund im Laufe der Jahre immer stiller geworden sei. Stephan K. hatte Högel als lustigen, aufgeschlossenen Typen kennengelernt. Doch nach dem Wechsel nach Delmenhorst habe er sich mehr und mehr zurückgezogen.

Es war die Zeit, in der Stephan K. begann, an seinem Freund zu zweifeln. Er schildert vor Gericht, dass Högel eines Abends im Frühjahr 2005 zum Nachdienst in die Delmenhorster Klinik gekommen sei und sich abfällig über einen Patienten geäußert habe. Der Mann sei weit über 80 Jahre alt, sein Zustand nach einer Hüftoperation aber stabil gewesen.

Högel soll zu Stephan K. Sprüche gemacht haben, ob sich eine solche Operation bei einem so alten Patienten überhaupt noch lohne. Stephan K. machte Feierabend, ging nach Hause. "Am nächsten Morgen war der Patient nicht mehr da, tot", sagt er. Da habe er angefangen, sich Gedanken zu machen.

Ein paar Wochen später erhärtete sich der Verdacht. Eine Krankenschwester hatte Högel am Bett eines Patienten überrascht. Eben noch war dessen Zustand stabil gewesen, nun war der Blutdruck im Keller. Die Frau rief Stephan K. zur Hilfe. Sie konnten den Mann retten. Die Krankenschwester nahm ihrem Patienten Blut ab. Stephan K. schaute nach, ob Medikamente fehlten, die Högel dem Patienten möglicherweise gespritzt hatte.

"Das war ein absolutes Schockerlebnis"

"Ich laufe also los und gucke, ob ich Kanülen finde", sagt K. vor Gericht. Er fand sie. Vier Ampullen eines Herzmedikaments lagen im Mülleimer. Ein Medikament, das der Patient nie hätte erhalten dürfen. "Das war ein absolutes Schockerlebnis." Die Blutuntersuchung bestätigte den Verdacht. Einen Monat später, im Juli 2005, wurde Högel verhaftet. Erst neun Jahre später begannen die Ermittlungen zu den Todesfällen im Klinikum Oldenburg.

Helfen Aussagen wie die von Stephan K. Saß weiter? Der Psychiater hat Erfahrung mit Angeklagten, denen spektakuläre Taten vorgeworfen werden. Rund fünf Jahre lang hat er Beate Zschäpe im NSU-Prozess begutachtet. Wie bei Högel ging es auch bei Zschäpe um ihre Schuldfähigkeit und darum, ob aus psychiatrischer Sicht die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung vorliegen. Zschäpe hat die Anklagevorwürfe im Wesentlichen bestritten. Sie hat mit Saß auch nicht gesprochen.

Bei Högel gibt es Grund zur Annahme, dass es anders sein könnte. Er gesteht selbst Morde, an die er nach eigenen Angaben keine Erinnerung mehr hat und sprach auch schon in Befragungen vor dem Prozess ziemlich viel über sich und seine Taten.

Auch mit Saß' Vorgänger hat Högel gesprochen. Nun will sich Saß einen eigenen Eindruck von dem Angeklagten machen. Das Gericht hat Högel gebeten, sich zu überlegen, ob er auch mit diesem Psychiater reden will.


Zusammengefasst: Im Mordprozess gegen den Ex-Krankenpfleger Niels Högel versucht der psychiatrische Sachverständige Henning Saß, sich ein Bild vom Angeklagten zu machen. Dass ehemaligen Kollegen bei Högel nichts aufgefallen sein will, verwundert den Gutachter - zumal ein Krankenpfleger, der mit Högel zusammenarbeitete, Verdacht schöpfte. Saß soll ein Gutachten zu Högels Schuldfähigkeit erstellen und beurteilen, ob der Angeklagte weiterhin gefährlich ist.

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