Nizza Wie die Polizei und ein Passant den Attentäter stoppten

50 Einschusslöcher in Windschutzscheibe und Tür: Die Polizei setzte der Todesfahrt in Nizza mit Waffen ein Ende. Zuvor hatte auch ein Passant versucht, den Attentäter aufzuhalten.


Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • Im südfranzösischen Nizza ist ein Mann mit einem Lkw in eine Menschenmenge gerast, über zwei Kilometer hinweg überfuhr er Passanten.

  • • Laut Innenministerium starben mindestens 84 Menschen, darunter auch drei Deutsche. Viele weitere Menschen wurden verletzt.

  • • Der mutmaßliche Attentäter wurde erschossen. Die Hintergründe sind noch unklar, die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft ermittelt.

• Die Tat ereignete sich an der Promenade des Anglais: Dort hatten sich am Donnerstagabend viele Menschen versammelt, um den französischen Nationalfeiertag zu feiern.

Niemand weiß, wie viele Menschen der Attentäter noch in den Tod gerissen hätte, wenn er nach seiner fast zwei Kilometer langen Terrorfahrt auf der Promenade des Anglais nicht gestoppt worden wäre - von der Polizei, aber auch von einem normalen Passanten. Wie französische Medien berichten, war ein Mann, dessen Name unbekannt ist, in die Aktion involviert.

"Eine Person ist aus der Menschenmenge auf den Lastwagen gesprungen und wollte ihn anhalten", bestätigte Eric Ciotti, Präsident der Region Alpes-Maritimes, in einem Bericht von "Le Parisien". "Es war der Moment, in dem es den Polizisten gelang, den Terroristen auszuschalten."

Video - Polizisten schießen auf Attentäter:

Der Passant hätte "mit bloßen Händen" versucht, den Täter an der Weiterfahrt zu hindern - so beschreibt der "Figaro" die dramatische Szene. Offenbar hat der Attentäter von seiner Waffe Gebrauch gemacht, als der couragierte Mann aufgesprungen war. Als der Täter seine Schusswaffe zückte, konnte der Passant entweichen.

Video: Anschlag in Nizza

Dann richtete der Attentäter seine Waffe auf zwei Polizisten, die den Lastwagen inzwischen erreicht hatten. Diese reagierten ihrerseits mit Schüssen, die den Täter töteten. Wie der "Figaro" schreibt, war das Fahrzeug schließlich mit mindestens 50 Einschusslöchern übersät - den Polizisten waren bewaffnete Soldaten zur Hilfe gekommen, die ebenfalls in Richtung Fahrerhaus zielten.

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Nizza: Attacke am Nationalfeiertag

Am Steuer des Lastwagens saß ein 31 Jahre alter Tunesier, der seit einigen Jahren in Nizza lebte. Er hatte innerhalb kürzester Zeit mindestens 84 Menschen in den Tod gerissen, als er während der Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag mit einem weißen Lastwagen im Zickzackkurs über die Promenade des Anglais fuhr. Die Straße war am Abend gesperrt, 30.000 Menschen standen entlang der Flaniermeile, um ein Feuerwerk zu sehen.

Doch dann wurden die Passanten nicht nur Zuschauer eines fröhlichen Spektakels, sondern Zeugen eines Attentats. Zunächst fuhr der Laster gegen 23 Uhr zwischen Palmen entlang auf die breite Fahrbahn, dann begann die tödliche Fahrt. Ein Motorrad holte den Lkw ein, wollte ihn offenbar aufhalten, stürzte aber am Straßenrand. Der deutsche Journalist Richard Gutjahr schilderte die Szene so: "Er (der Lkw) wurde verfolgt von einem Motorradfahrer. Und der Motorradfahrer hat versucht, den Lastwagen zu überholen und hat sogar versucht, die Fahrertür des fahrenden Lastwagen zu öffnen. Er ist dann aber gestürzt und unter die Räder des Lkw gekommen."

Wie der "Figaro" berichtet, waren auch gleich zu Beginn drei Polizisten alarmiert, die 200 Meter weit hinter dem Laster herliefen, aber nichts ausrichten konnten. Medienberichten zufolge änderte der Lastwagen mindestens einmal die Richtung, um möglichst viele Menschen zu erfassen. Hunderte gerieten in Panik und flüchteten. Wer im Weg war, wurde umgefahren. Bis die Polizisten das Feuer auf den Laster eröffneten und mehrere Kugeln das Führerhaus trafen.

Ein Augenzeuge schilderte die Szene im französischen Nachrichtensender BFMTV so: "Er hat genau vor mir angehalten, nachdem er viele Leute überfahren hatte. Ich habe einen anderen Mann auf der Straße gesehen, wir haben gemeinsam versucht, mit dem Fahrer zu sprechen, damit er aufhört." Dann habe der Täter eine Waffe gezogen und auf Polizisten geschossen. "Sie haben ihn getötet, und sein Kopf hing aus dem Fenster."

Weitere Augenzeugen schilderten den Tathergang:

"Ich habe einen Knall gehört, ich habe mich umgedreht, und da habe ich den rasenden Lastwagen und durch die Luft wirbelnde Körper gesehen", berichtete eine 52-jährige Frau aus Nizza. "Man hat gesehen, dass er so viele Opfer wollte wie möglich. Ich habe einen Vater mit seinem zweijährigen Sohn im Arm gesehen. Der Kleine war tot."

"Ich war ungefähr hundert Meter entfernt und hatte nur wenige Sekunden, um auszuweichen", sagte Robert Holloway, Journalist der Nachrichtenagentur AFP. "Wir sahen, wie Leute getroffen wurden und wie Gegenstände umherflogen. Ich musste mein Gesicht vor den umherfliegenden Gegenständen schützen. Die Leute haben geschrien, es war das absolute Chaos."

"Es kamen Gerüchte auf, dass es sich um Terroristen mit Gewehren handelt", berichtete die Augenzeugin Isabelle Granger. "Deshalb haben wir uns in einen Keller geflüchtet. Dort haben wir im Dunkeln ausgeharrt. Mehrere Ausländer waren unter uns, Engländer. Wir haben keinen Mucks von uns gegeben. Wir hatten große Angst. Die Frauen weinten und die Kinder, jeder hatte Angst. Auch die Männer."

"Wir sind zum Meer gerannt, um den Schüssen zu entkommen, manche Leute sind ins Meer gesprungen", sagte eine andere Augenzeugin. Später sei sie zurück zur Straße gegangen. "Da war ein schwer verletzter junger Mann. Ich bin hin und her gerannt, um einen Arzt zu suchen und bin mit einem Arzt zu dem jungen Mann zurückgekehrt. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist."

jus

insgesamt 315 Beiträge
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Seite 1
stern007 15.07.2016
1. Wer stoppt den Wahnsinn
der fehlgeleiteten Looser? Ob Terroristen oder Psychopathen, Verlierer oder Verzweifelte...warum tötet ihr Unschuldige, Kinder und Frauen? Glaubt ihr wirklich das bringt euch persönlich oder euren Glauben in eine neue Liga? Werdet wach und arbeitet an ein besseres Leben für alle! Selbstlos, aber nicht durch Massenmord!
biber01 15.07.2016
2. Wie schrecklich!
Meine Gedanken sind bei den Familien. Vielleicht sollte man sich in der Zukunft an der Art u. Weise orientieren, wie die Israelis mit Fällen von Selbstmordattentätern umgingen.
bgbabu 15.07.2016
3. es ist
grausam...wer das tut ist Abschaum. meine Gedanken sind bei den Opfern, den Kindern den Angehörigen der Opfer. ich frag mich was muss schiefgehn das man zu so etwas fähig ist aus welchem Elternhaus kommt so jemand, denn meiner Ansicht nach kann man nicht alles auf Integration oder die Gesellschaft schieben.
Affenhirn 15.07.2016
4. Schießübung nötig?
Die Windschutzscheibe sieht ausgerechnet dort, wo ich den Fahrer vermuten würde, ziemlich unbeschädigt aus. Wollten die Schützen den Fahrer nur erschrecken oder ist dieses jämmerliche Schießergebnis der Hektik geschuldet?
lemmy 15.07.2016
5. Mutmaßlich ?
Der Täter ist nicht "Mutmaßlicher Attentäter", er ist es. Warum spricht man hier nicht Klartext ? Als gestern nacht sofort klar war, dass es sich um einen Anschlag handelte, gab es nur in den deutschen Medien wieder den hilflosen Versuch mit einer geradezu verschwurbelten Rhetorik die Sache herunter zu spielen, indem tatsächlich davon gefaselt wurde, es könne sich ja auch um einen Unfall handeln. Ohne Worte.
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