Nordirland Trauma einer politischen Familie

Die Familie des Sinn-Fein-Chefs Gerry Adams wird von einem Skandal erschüttert: Sein Bruder missbrauchte jahrelang die eigene Tochter. Adams half - aus politischen Motiven -, das Verbrechen zu vertuschen. Nun stellte sich der Täter der Polizei.

Aus Dublin berichtet Martin Alioth


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Gerry Adams: Missbrauch, Schuld und Schweigen
Der Bruder des nordirischen Spitzenpolitikers und ehemaligen IRA-Kommandanten Gerry Adams hat sich Anfang dieser der Woche der irischen Polizei in Sligo im Nordwesten der Insel gestellt.

Liam Adams war am vergangenen Freitag in einer nordirischen Fernsehsendung von seiner Tochter Aíne direkt beschuldigt worden, er habe sie in den Jahren 1977 bis 1985 sexuell missbraucht. Die Übergriffe begannen, als das Mädchen vier Jahre alt war. Liam blieb indessen flüchtig, bis er sich jetzt ergab.

Die irische Polizei konnte ihn allerdings nicht verhaften, weil ihre nordirischen Kollegen es versäumt hatten, einen europäischen Haftbefehl zu beantragen. Dieses Verfahren ist nun eingeleitet worden, dauert aber ein paar Wochen. Falls sich der Beschuldigte nicht freiwillig zur nordirischen Polizei begibt, bleibt er so lange auf freiem Fuß.

Liams Bruder Gerry Adams, Präsident der in Nordirland mitregierenden Sinn-Fein-Partei und britische Unterhausabgeordnete für Westbelfast, hatte Liam öffentlich aufgefordert, sich der Justiz zu stellen.

Irische Flagge "beschmutzt"

Am Sonntag sprach Gerry Adams dann ausführlich mit dem irischen Rundfunk RTE. Dabei enthüllte er, dass sein vor vier Jahren verstorbener Vater, Gerry senior, mehrere seiner Kinder körperlich, emotional und sexuell missbraucht hatte. Die Familie besteht aus neun überlebenden Geschwistern. Der Vater war, wie das für Veteranen der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) üblich ist, mit "militärischen Ehren" begraben worden, sein Sarg war mit der irischen Trikolore bedeckt. Gerry Adams junior gestand nun, er sei damals gegen diese Zeremonie gewesen, sein Vater habe seiner Ansicht nach die irische Flagge "beschmutzt".

Der doppelte Missbrauch in der Familie Adams wird in erster Linie als private Tragödie wahrgenommen. Das Thema Kindesmissbrauch war in den letzten Wochen in der Republik Irland nie mehr aus den Schlagzeilen verschwunden, seit eine Untersuchungskommission Ende November einen schockierenden Bericht veröffentlicht hatte.

Mit klinischer Präzision wurde nachgewiesen, dass Dutzende von pädophilen Priestern in der Erzdiözese Dublin im Zeitraum 1975 bis 2004 von den Bischöfen systematisch vor der Justiz geschützt wurden.

Diese planmäßige Vertuschung gefährdete immer neue Kinder, denn die Bischöfe kümmerten sich nicht darum, ob die kriminellen Priester in einer neuen Pfarrei von Kindern ferngehalten wurden. In jenen Fällen, in denen die irische Polizei vom Missbrauch erfuhr, blieben die Pädophilen oftmals ebenso ungeschoren, weil die Gesetzeshüter sich den Bischöfen mit übertriebener Servilität beugten.

Schmutzige Wäsche sollte nicht vor verhassten Polizisten gewaschen werden

Mit großer Verzögerung ist inzwischen ein Bischof zurückgetreten, der damals Auxiliarbischof in Dublin war. Vier weitere amtierende katholische Bischöfe sind in derselben Lage. Ihr Verbleiben im Amt gilt als ungewiss.

Das hartnäckige und fahrlässige Schweigen der Bischöfe hat nachweislich weitere Kinder dem Missbrauch ausgesetzt.

Bei der Familie Adams gibt es keinerlei Hinweise, dass Gerry senior oder Liam sich an Kindern außerhalb ihrer engsten Familie vergingen. Dennoch: Der Politiker Adams wusste seit 1987 vom Missbrauch seiner Nichte. Diese reichte in jenem Jahr - zusammen mit ihrer Mutter, weil sie noch immer minderjährig war - Klage bei der Polizei gegen ihren Vater ein. Doch dann beugte sie sich "äußerem Druck" und verzichtete auf eine polizeiliche Untersuchung.

Der Hintergrund liegt auf der Hand: die IRA und Sinn Fein akzeptierten die damalige nordirische Polizei, die Royal Ulster Constabulary, aus politischen Gründen nicht. Das Kind wurde beeinflusst, damit die schmutzige Wäsche der Familie Adams nicht vor verhassten Polizisten gewaschen werde.

Sinn Fein und die IRA: Verschworene, hermetisch abgeschottete Organismen

Gerry Adams selbst ermahnte seine Anhänger noch 1995, bei Kindesmissbrauch und Drogenhandel nicht zur Polizei zu gehen, sondern direkt zum Sozialamt. Wie er diesen Aufruf, der am Dienstag von der "Irish Times" ausgegraben wurde, mit seiner doppelten persönlichen Erfahrung vereinbaren konnte, bleibt rätselhaft.

Er behauptet heute, er habe mehrfach diskret eingegriffen, um Liam zu isolieren, der sowohl im irischen Dundalk wie auch in Belfast mit Jugendlichen gearbeitet hatte. Er habe als Sinn-Fein-Präsident auch verhindert, dass Liam für das irische Parlament kandidierte.

Das Schweigen der Familie Adams entspringt teilweise ähnlichen Motiven wie die Vertuschung der katholischen Kirche. Sowohl die Kirche wie auch das Zwillingsgebilde Sinn Fein/IRA sind verschworene, gegen außen hermetisch abgeschottete Organismen, die es vor jeglichem Skandal zu schützen gilt. Beide halten sich lieber an ihre eigenen Regeln und Gesetze und stellen sich über die staatliche Justiz.

Im Falle der Familie Adams, deren Angehörige seit Jahrzehnten führende Mitglieder der IRA waren, gelten diese Gebote der "Omertà" wohl in besonderem Ausmaß.



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baninchenrenner 24.12.2009
1. "Inselkoller"
Hier zeigt sich die ganze Absurdität eines cocoonierten Volkes, das inzestuös degenerierte Strukturen entwickelt wie ähnlich abgeschottete Soziobiotope auch, z.B. das südliche Italien oder Inselvölker wie Japan, Großbritannien u.v.m. Das gänzliche Fehlen einer Eingebundenheit in eine vielfältige internationale Umgebung mit gemeinsamen Grenzen und sich überschneidenden Regionen führt zu solch irrationalen Konstruktionen, aus denen sich zu befreien nur dann gelingt, wenn sich eine zusätzliche Ebene der internationalen Verflechtung anbietet, wie das im Falle Irland die EU ist. Somit bleibt zu hoffen, dass sich Irland weiterhin so ermutigend positiv entwickelt, wie es das in den letzten Jahren im engen Kontext Europas geschafft hat.
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