»Mit allen verfügbaren Kräften auf der Straße« NRW verschärft Einsatz gegen Geldautomaten-Sprenger

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen zählt bereits dreimal mehr Geldautomaten-Sprengungen als Anfang 2021. Nun kündigt Innenminister Herbert Reul härtere Maßnahmen an – »bevor es Tote gibt«.
Gesprengter Geldautomat in Arnsberg (27.04.2022): »Handeln, bevor es Tote gibt«

Gesprengter Geldautomat in Arnsberg (27.04.2022): »Handeln, bevor es Tote gibt«

Foto: Andreas Dunker / dpa

Geldautomaten-Sprengungen sind vor allem in Nordrhein-Westfalen ein immer größeres Problem. Die Zahl der Sprengattacken hat sich im bisherigen Jahr in NRW mehr als verdreifacht. Stand Mittwoch zählten die Ermittler 73 Sprengattacken im Vergleich zu 20 im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Deswegen will NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) den Kampf gegen die Kriminellen verschärfen.

Bereits seit Anfang Februar sei die Polizei in Nordrhein-Westfalen nachts landesweit »mit allen verfügbaren Kräften auf der Straße«, sagte Reul in Düsseldorf. Eine neue zusätzliche Sonderkommission im Innenministerium solle den Druck auf die »ausgesprochen kaltblütigen Täter« zusätzlich erhöhen.

»Künftig sollen sich Experten aus allen Disziplinen über jeden Geldautomaten beugen, der gesprengt worden ist«, so der Minister. Die Tatorte würden nun genauso akribisch wie Mordtatorte von Spezialisten untersucht, sagte Soko-Ermittler Guido Winkmann.

Die SPD kritisierte, es handele sich um Aktionismus kurz vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl, der viel zu spät komme.

Sprengungen immer gefährlicher

Nordrhein-Westfalen war in den vergangenen Jahren besonders stark von Geldautomaten-Sprengungen betroffen, aber auch bundesweit schlagen die Kriminellen zu. Der Schwerpunkt lag dabei in den westlichen Bundesländern, wie es im aktuellsten Lagebild  des Bundeskriminalamts für das Jahr 2020 heißt. Damals hatten die Täter bundesweit in 268 Fällen erfolgreich eine Explosion herbeigeführt, im Vorjahr 2019 waren es 218 Fälle – eine Zunahme von knapp 23 Prozent.

Die Taten seien noch gefährlicher geworden, weil die Gangster vermehrt zu Sprengstoff statt Gas griffen, um die immer besser gesicherten Automaten zu knacken, heißt es nun aus Nordrhein-Westfalen. Dies habe das Ausmaß der Schäden enorm erhöht. »Ich will handeln, bevor es Tote gibt«, sagte Reul. Es sei »pures Glück«, dass noch niemand bei einer Sprengung oder halsbrecherischen Verfolgungsfahrt gestorben sei.

Alle 11.000 Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen würden derzeit einer Gefahrenbewertung unterzogen. Nicht nur eine Verbesserung der Sicherheitsmaßnahmen, auch ein Abbau von Automaten an besonders gefährdeten Standorten sei nicht mehr tabu.

Täter benutzen offenbar Störsender

Die Polizei zeigte am Mittwoch Luftaufnahmen aus einem Polizeihubschrauber, die die Rücksichtslosigkeit der Gangster bei der Flucht über stark befahrene Autobahnen zeigen soll. »Die Polizei muss die Täter manchmal davonfahren lassen, um das Leben Unbeteiligter nicht zu gefährden«, sagte Reul.

In 400-PS-Autos könnten die Kriminellen auf Tempo 270 beschleunigen. Mit Störsendern, sogenannten »Jammern«, blockierten sie während der Taten den Mobilfunk in der Umgebung, um eine schnelle Alarmierung der Polizei durch Zeugen zu verhindern.

Für die Autos hätten sie diverse falsche Kennzeichen zur Verfügung. Ausgerüstet seien die Tatwagen mit schweren Äxten und Brecheisen. Die Airbags seien ausgebaut oder deaktiviert, um trotz möglicher Kollisionen weiter flüchten zu können. Gegen die eigens installierten Vernebelungsanlagen an den Geldautomaten hätten die Gangster sich Gasmasken zugelegt.

Um den Überwachungskameras an Tankstellen zu entgehen, führten sie Kanister mit Reservebenzin mit. Um schneller nachfüllen zu können, hätten sie sich sogar eigene Trichter angefertigt. »Die haben sich sogar einen Geldautomaten gekauft, um daran zu üben«, berichtet Ermittler Winkmann. Die Soko vermutet zudem, dass die Täter ihren halsbrecherischen Fahrstil auf Rennstrecken trainieren.

ptz/dpa
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