Erschossener Schwarzer in South Carolina Gerechtigkeit als Ausnahme

Ein weißer Polizist erschießt einen unbewaffneten Schwarzen - nur diesmal dokumentiert ein Video die Tat. Der Beamte wird gefeuert und wegen Mordes angeklagt. Eine seltene Ausnahme, rassistische Polizeigewalt ist für viele US-Amerikaner Alltag.
Proteste in North Charleston: Wie viele mehr werden noch erschossen?

Proteste in North Charleston: Wie viele mehr werden noch erschossen?

Foto: RANDALL HILL/ REUTERS

Judy Scott hat sich das Video vom Tod ihres Sohnes schließlich doch angetan. "Es war das Schrecklichste, das ich je gesehen habe", sagte sie schluchzend im TV-Sender ABC. "Mitanzusehen, wie mein Sohn wegrennt, schutzlos erschossen wird, das hat mein Herz zerrissen."

Dank eines Augenzeugen mit Handy-Kamera sind die letzten Momente im Leben des Afroamerikaners Walter Scott, 50, in South Carolina dokumentiert - anders als in vielen Fällen von US-Polizeigewalt. Aufgrund des Videos erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den weißen Polizist Michael S., 33, der in der Kleinstadt North Charleston acht Schüsse auf den fliehenden, unbewaffneten Scott abgegeben hatte.

Außerdem wurde er gefeuert. Schnelle Justiz, ausnahmsweise: "Ohne das Video wäre es schwierig festzustellen, was vorgefallen ist", sagte North Charlestons Bürgermeister Keith Summey. "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan", sagte Anthony Scott, der Bruder des Opfers.

Doch Moment, nicht so schnell. Ja, der Polizist S. mag zwar zur Rechenschaft gezogen werden - ein Unterschied zu vielen früheren Vorfällen. Ja, die Behörden reagierten rascher und sensibler als etwa die in Ferguson nach dem Tod des Teenagers Michael Brown. Ja, die Proteste halten sich diesmal in Grenzen - nur rund 50 Demonstranten kamen vor dem Rathaus von North Charleston zusammen.

"Jeder Schwarze in diesem Land kann gejagt werden wie Beute"

Das alles ist eigentlich selbstverständlich. Dass es als bemerkenswert registriert wird, zeigt aber: Das Grundproblem einer oft überforderten, oft falsch trainierten, oft rassistischen Polizei besteht weiter - in North Charleston, in South Carolina, in den restlichen USA.

Trotz Ferguson und der landesweiten Debatte seit letztem Sommer: "Jeder Schwarze in diesem Land kann gejagt werden wie Beute", sagte Sherrilyn Ifill, die Chefjuristin der Bürgerrechtsorganisation NAACP, im TV-Sender MSNBC. "Wir sagen das seit Jahrzehnten, keiner glaubte uns. Ich bin froh, dass die Leute jetzt die Wahrheit sehen."

Das zeigt sich auch in North Charleston. Die Polizei dort, schreibt die Zeitung "Post and Courier", sei berüchtigt dafür, auf Streife gezielt "arme, schwarze Leute auszusuchen". Sie nutzten Verkehrskontrollen, um Schwarze zu schikanieren und Geld für die Stadtkasse einzutreiben - eine perfide Taktik, die auch Beamte in Ferguson jahrelang praktizierten.

Ein solcher Fall war Walter Scott: Der Polizist S. winkte ihn nach eigenen Angaben rechts ran, weil sein Mercedes ein kaputtes Rücklicht hatte. Obwohl solche Tricks inzwischen bekannt sind und viel darüber berichtet wurde, hat sich wenig getan. Das historisch miserable Verhältnis zwischen Bürgern und Polizei habe sich zwar verbessert, sagte NAACP-Ortspräsident Ed Bryant. "Aber im unteren Bereich hat sich nichts verändert."

Einsatz von Schusswaffen hat Tradition bei der Polizei

Der Wandel dauert: Die Ausbildung für US-Polizisten unterscheidet sich von Bundesstaat zu Bundesstaat. Prinzipiell werden sie so ausgebildet, dass sie mit ihrer Waffe eine "Gefahr beseitigen" - notfalls per Todesschuss. Von Schüssen, die nur verwunden sollen, wird ihnen oft abgeraten. Versuche, das gesetzlich zu ändern, scheiterten bisher.

Der Einsatz von Schusswaffen hat Tradition bei der US-Polizei. Das begann bereits mit den Verbrechenswellen Ende des 19. Jahrhunderts. Als Reaktion auf die Mafia-Ära rüsteten sie später weiter auf. Die Angst vor den weit verbreiteten Drogengangs der Neunzigerjahre führte dann dazu, dass die Polizisten in vielen Städten halbautomatische Pistolen bekamen.

Am Beispiel des New York Police Departments (NYPD) - mit mehr als 34.000 Beamten die größte US-Polizeitruppe - zeigen sich aber auch die Mankos dieser Bewaffnung. NYPD-Rekruten müssen zwar Schießtrainings und zahlreiche Psychotests durchlaufen. Doch dauert die Ausbildung an der Polizeiakademie insgesamt nur sechs Monate.

"Wir müssen die Besten und Klügsten auswählen", sagte NAACP-Juristin Ifill. "Und die mit dem größten Einfühlungsvermögen."

Eine Taskforce des Weißen Hauses hat Vorschläge  erarbeitet, um das Verhältnis der Bürger zur Polizei zu verbessern. Darunter findet sich der Einsatz von Körperkameras, wie er vielerorts schon praktiziert wird und jetzt auch in North Charleston ausgeweitet werden soll. Die Stadt hat angekündigt, 101 der Geräte anzuschaffen, die Polizisten künftig an der Uniform tragen sollen.

Der Polizist S. wurde unterdessen dem Haftrichter vorgeführt, per Videoschalte aus dem Gefängnis, in Sträflingskleidung. "Ich lehne eine Freilassung auf Kaution ab", sagte der Richter.

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