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Norwegen nach den Anschlägen Ein Land im Schatten des Attentäters

Trümmer, Tränen, Trauer - in Oslo ist auch drei Tage nach den Anschlägen von Normalität nichts zu spüren. Der mutmaßliche Attentäter erklärt im Gericht, er sei nicht schuldig und zeigt keinerlei Reue. Am Abend versammeln sich mehr als hunderttausend Menschen zu einem Trauermarsch. Protokoll eines Trauma-Tages.

Das Verbrechen, das ein ganzes Land ins Unglück gestürzt hat, trägt nun ein Aktenzeichen, es lautet 11-119207ENE-OTIR/03. Und doch sind die politisch verbrämten Attentate, bei denen am vergangenen Freitag insgesamt 76 Menschen sterben mussten, noch längst kein durchschnittlicher Verwaltungsvorgang. Das wird auch im Gerichtsgebäude von Oslo sehr deutlich.

In der norwegischen Hauptstadt logiert die Justiz in einem hochmodernen Palast aus Glas, Stahl und hellem Holz, der Leichtigkeit ausstrahlt, vielleicht sogar Lebensfreude. Doch im achten Stock, vor den Sälen 817, 818 und 828, drängen sich am Montagmittag Hunderte Menschen, die seltsam still sind. Dumpfes Gemurmel klingt durch das Treppenhaus, Kameras klacken, Handys klingeln, niemand aber schreit, schimpft oder klagt.

Dabei warten sie alle auf ihn.

Anders Breivik, 32, sitzt auf der Rückbank eines schwarzen Mercedes-Jeeps und schaut versonnen aus dem Fenster. Er kann sehen, was er angerichtet hat, während die Polizeikolonne durch die verwundete Stadt gleitet, die zerborstenen Scheiben, die demolierten Gebäude, die weinenden Menschen. Es ist dort draußen, zum Greifen nah. Breivik lächelt.

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Attentate von Norwegen: Ein Land trotzt dem Terror

Foto: Frank Augstein/ AP

Für die nächsten acht Wochen wird er in Untersuchungshaft sitzen, die Hälfte davon in vollständiger Isolation, was bedeutet: keine Besuche, Zeitungen oder Telefonate. So verfügt es am frühen Nachmittag der Richter Kim Heger, hinter verschlossenen Türen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Die Devise: Mehr Demokratie, mehr Offenheit

"Ermittlungstaktische Gründe" seien der Grund dafür, dass die vielen hundert Wartenden nicht in den Saal dürfen, heißt es. Doch immer wieder ist auf den Justizfluren auch von der angespannten Sicherheitslage die Rede. Offenbar kann die Polizei Anschläge auf den Verdächtigen nicht ausschließen, und weil es in norwegischen Gerichtssälen keine Panzerglasscheiben gibt, müssen Journalisten, Neugierige und Angehörige gleich ganz draußen bleiben.

Norwegen ist derzeit nicht nur ein Land, das um Fassung und Trost und Zuversicht ringt, sondern auch eine zutiefst verunsicherte Nation. Vielleicht so wie es die USA nach den Terroranschlägen vom 11. September waren, die Niederlande nach den Attentaten auf Theo van Gogh und Pim Fortuyn oder Schweden nach den Morden an Olof Palme und Anna Lindh.

Am Montagabend versammeln sich mehr als hunderttausend Menschen zu einem "Blumenzug" in Oslo, um der Opfer zu gedenken. Viele der Teilnehmer der Kundgebung halten Rosen in den Händen. Kronprinz Haakon ruft den Menschen zu: "Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt."

Der Thronfolger sagt, man könne die Anschläge vom 22. Juli mit vielen Toten nicht ungeschehen machen. "Aber wir können selbst wählen, was sie mit uns machen." Er forderte seine Landsleute auf, sich aktiv für ein Norwegen einzusetzen, in dem "Verschiedenheit als Chance begriffen wird". Der Attentäter hatte seine Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya vor allem mit der Zuwanderung aus islamischen Ländern begründet.

Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagt vor der riesigen Menschenmenge: "Norwegen wird diese Prüfung bestehen. Das Böse kann Menschen töten, aber niemals ein ganzes Volk besiegen." Die Antwort der Menschen auf die Anschläge müsse aus "mehr Offenheit, mehr Demokratie, mehr Bestimmtheit" bestehen.

Doch es werden auch Stimmen laut, die eine Neuausrichtung fordern: "Der Preis unserer Offenheit darf nicht sein, dass Regierungsmitarbeiter bei der Arbeit um ihr Leben fürchten müssen", sagt Elisabeth Udgaard, 32, die in einem norwegischen Ministerium arbeitet. " Offenheit und Sicherheit schließen sich nicht aus. Keinen Schutz zu haben ist nicht offen, sondern naiv. Norwegen muss endlich in der Realität ankommen", fordert sie.


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Regierungschef Jens Stoltenberg aber hält an alten Gewissheiten fest: "Es wird für uns ein vor dem 22. Juli und ein nach dem 22. Juli geben. Aber wir werden dafür sorgen, dass unser Norwegen sein Gesicht behält."

Breivik hatte mehr als eine Stunde Zeit für seine Taten

Denn genau das hatte Breivik zu einer Fratze entstellen wollen. Er habe mit den beiden Anschlägen "ein kräftiges Signal" an das Volk geben, der sozialdemokratischen Arbeiterpartei größtmöglichen Schaden zufügen wollen. Sie sei für die massenhafte Einwanderung von Muslimen verantwortlich und habe dafür bezahlen müssen. Das sagt der 32-Jährige nach offiziellen Angaben dem Gericht.

Die Arbeiterpartei dominiert das skandinavische Land seit fast einem Jahrhundert. Meistens an der Regierung, in den letzten Jahren mit Stoltenberg an der Spitze auch bei Wahlen wieder erfolgreich, steht sie, bei vielen Aufs und Abs, für den Wohlfahrtsstaat, eine tolerante Gesellschaft, für Zuwanderung und offene Grenzen. Sie hat ganz maßgeblich Norwegens Bild in der Welt geprägt.

Dem rechtskonservativen Fanatiker Breivik war sie zuwider.

Für immer eingesperrt

Obwohl Norwegen zu den weltweit rund 20 Staaten gehört, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben, kann er bei einer Verurteilung dennoch für immer eingesperrt bleiben. Denn schon mit dem Urteilsspruch vermag ein Gericht, die sogenannte Verwahrung ("forvaring") zu verhängen, deren Ende ungewiss ist. Als psychisch kranker Straftäter käme er in eine geschlossene Fachklinik. Breivik soll nun psychiatrisch untersucht werden.

Der Attentäter hatte am Freitag nach eigenem Geständnis erst eine 500-Kilo-Bombe im Osloer Regierungsviertel zur Explosion gebracht und anschließend mit einem Sturmgewehr und Pistolen auf der nahe gelegenen Insel Utøya ein Massaker unter jugendlichen Teilnehmern eines sozialdemokratischen Ferienlagers angerichtet. Mehr als eine Stunde hatte er dafür Zeit.

Auch deshalb wird nun Kritik an der Strategie der Polizei laut. Während etwa in Deutschland bei einer Amoklage Streifenpolizisten den Täter sofort angreifen müssen, rückte am Freitagnachmittag die Anti-Terror-Einheit "Delta" aus Oslo an - in Autos, weil kein Hubschrauber verfügbar war. Und dann verloren die Elitebeamten auch noch Zeit, weil beim Übersetzen auf die kleine Fjordinsel Utøya ein Bootsmotor streikte - es war wertvolle Zeit.

Der mutmaßliche Attentäter Breivik hatte sich gewünscht, im Gericht vor Zuschauern und in Uniform auftreten zu dürfen. Beides versagt ihm die Justiz. Er trägt schließlich ein rosafarbenes Polohemd und einen weinroten Pullover. Der Mann, den Boulevardmedien als Teufel bezeichnen, sieht aus wie ein durchschnittlicher Bürger - und erklärt sich schließlich für nicht schuldig im Sinne der Anklage.

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