Norwegens Staatsschützer "Der Name Breivik war für uns nur Datenabfall"

Jon Fitjes Job ist es, Terroranschläge zu verhindern, er ist der Chefanalyst des Sicherheitsdienstes der norwegischen Polizei. Nach dem Massenmord von Anders Breivik stellt sich der Staatsschützer nun eine Frage immer wieder: "Haben wir etwas übersehen?"

Chefanalyst des Sicherheitsdienstes Fitje: "Bislang haben wir noch keinen Fehler gefunden"
AP

Chefanalyst des Sicherheitsdienstes Fitje: "Bislang haben wir noch keinen Fehler gefunden"

Aus Oslo berichtet


Der Mann, der die Tragödie hätte verhindern sollen, saß in seinem Auto auf dem Weg nach Hause, als es passierte. Sein Handy schellte und noch während er so rasch wie möglich zurück in die Zentrale des Staatsschutzes fuhr, ging ihm eine Frage durch den Kopf: "Haben wir etwas übersehen?" Immer wieder stellt er sich diese Frage. Und immer lauter wird diese Frage auch von der Öffentlichkeit in Norwegen gestellt. Denn Jon Fitje ist Chefanalyst des Sicherheitsdienstes der Polizei und somit verantwortlich dafür, Terroranschläge zu vereiteln. "Wir haben bereits sehr sorgfältig gesucht, doch bislang haben wir noch keinen Fehler gefunden", sagt der 50-jährige Sicherheitsanalyst.

Er schaut dabei hinaus aus dem Büro, durch das grüngetönte Panzerglas. Kaum zehn Meter entfernt bohren Arbeiter die Baugrube für einen neuen Wohnblock aus. Das Hauptquartier der Geheimen steht mitten in einem neuen Büro- und Wohnviertel. Schließlich hatte sich dieser Staat vor nichts und niemandem zu verstecken. Zumindest seit die deutsche Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Land vertrieben war. "Wir sind stolz darauf, dass der Premierminister allein in den Supermarkt geht und seine Minister auf der Straße ein Taxi anhalten können", sagt Fitje.

Jetzt, das sagt der Staatsschützer gleich zu Beginn, stehe das alles zur Disposition. Wie viel Risiko ist dieses Land bereit zu tragen, dafür, dass es regelmäßig auf der Weltrangliste der Demokratien ganz oben steht? "Diese Diskussion wird schon bald geführt werden", prophezeit Fitje.

In seiner Behörde laufen verdächtige Daten zusammen, und schnell stießen die Staatsschützer auch auf den Namen Anders Behring Breivik in ihren Computern. Der Attentäter hatte in einem polnischen Internethandel eine Chemikalie für die Autobombe bestellt. "Für 120 Kronen, das sind eineinhalb Biere", wie er lakonisch bemerkt.

Warum die Polizei über den Täter nichts gewusst hat

Der Name von Breivik sei nur zufällig aufgetaucht, weil man in einer ganz anderen Sache ermittelt habe und vom Zoll eine Liste mit allen norwegischen Kunden dieses Internetversandes bekommen habe. "Bis zu den Anschlägen war der Name Breivik für uns nur Datenabfall", sagt Fitje.

Denn jene Substanz, wie sie Breivik bestellte, werde von einem ganzen Heer von Hobbychemikern benutzt. Eine systematische Analyse, wer dies tut, erfolgt nicht. Auch die sechs Tonnen Kunstdünger, die Breivik an einem ruhigen Geschäftstag in der lokalen Niederlassung der Landwirtschaftskooperative gekauft hat, wäre nie an den Geheimdienst gemeldet worden. "Andere Bauern bestellen viel größere Mengen", verteidigt sich der Gefahrenanalyst, und sie alle geheimdienstlich zu erfassen, wäre kaum zu rechtfertigen.

Selbst mit dem Kauf seiner Waffen geriet Breivik nicht auf den Radarschirm der Staatsschützer. Er hatte das Training im Pistolenklub ordnungsgemäß absolviert und besaß einen Waffenschein. Das halbautomatische Gewehr könne legal erworben werden. "Wir sind eine Jagdnation", entschuldigt sich Fitje. Nur selbstexplodierende, sogenannte Dum-Dum-Geschosse seien verboten. "Doch die hat er sich selbst gebastelt."

Nach den grauenhaften Anschlägen wirken diese Erkenntnisse bitter, genauso wie ein Satz, wie er sich in der von Fitje verfassten "jährlichen Bedrohungsbewertung" findet. "Wie in vorherigen Jahren stellen in 2011 weit rechte und linke Extremisten keine ernste Gefahr für die norwegische Gesellschaft dar."

Norwegens Meinungsfreiheit wurde zum Verhängnis

Immerhin widmet der gelernte Politologe erstmals den Anti-Islam-Gruppen aus dem Internet ein eigenes Kapitel. Anlass dafür war die Gründung einer Gruppierung namens Norwegian Defence League, hinter der sich, so Fitje, nicht viel mehr als ein Profil auf Facebook befinde. "Als die zu einer Demonstration aufgerufen haben, sind letztes Jahr mehr Journalisten gekommen als Mitglieder", spottet Fitje. Die Rhetorik und die Ideologie seien beängstigend. Doch es sei in diesem Spektrum, so sagte er, "nichts gewesen, was wir hätten Terrorismus nennen können".

Ist also alles nur das Werk eines Einzelnen, eines Verrückten, der sich so pedantisch davor geschützt hat, in das Raster der Staatsschützer zu fallen? "Breivik hat absichtlich keine extremen Einträge in den Internetforen geschrieben, weil er gefürchtet hat, wir könnten sie lesen und ihn entdecken", sagt Fitje. Doch diese Sorge war unberechtigt. Denn der Staatsschützer muss zugeben: Seine Behörde hat die anti-islamischen Netzwerke bislang nicht systematisch nach auffälligen, verdächtigen Figuren abgesucht. "Wir haben eine sehr liberale Auffassung von Meinungsfreiheit", erklärt er. Deshalb sind seinem Amt die Hände gebunden.

Fitje knöpft sich sein dunkelgraues Sakko zu. Er hat viele Termine dieser Tage. Alle wollen von ihm wissen, was sein Amt gewusst haben könnte über diesen Täter. Auch seine europäischen Staatsschutzkollegen fragen ihn ständig nach neuen Erkenntnissen, etwa über Verbindungen Breiviks ins Ausland. Fragen sind das, die letztlich auf die eine hinauslaufen, die ihn wohl sein ganzes Leben verfolgen wird: "Haben wir etwas übersehen?"



insgesamt 58 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
NeZ 04.08.2011
1. "in den Kopf gesetzt"
Nein, Norwegen hat nichts übersehen, und dieser Kerl schon gar nicht. Breivik hat sich einfach etwas in den Kopf gesetzt, und niemand hätte das verhindern können. Man muss nicht die Gründe analysieren, sondern dafür sorgen, dass jeder zufrieden ist - auch in einem demokratischen Musterstaat wie Norwegen.
axelkli 04.08.2011
2. Die Norweger machen es richtig
Man kann einfach nicht alles kontrollieren, voraussehen und verhindern. In den Ohren der Angehörigen mag es wie Hohn klingen, aber ein gewisses Restrisiko bleibt immer.
critique 04.08.2011
3. Hunde die bellen
beißen nicht. Er hat nie gebellt, aber dafür gebissen. Jetzt alle Nichtbeller zu überwachen, bringt auch nichts.
shine31 04.08.2011
4. Re: Man kann einfach nicht alles kontrollieren
Zitat von axelkliMan kann einfach nicht alles kontrollieren, voraussehen und verhindern. In den Ohren der Angehörigen mag es wie Hohn klingen, aber ein gewisses Restrisiko bleibt immer.
Die Tat war grausam und irrsinnig und ich trauere auch den Opfern nach. Aber man muß das auch mal in Relation zu anderen "Todesgründen" sehen. Jährlich sterben tausende Menschen im Strassenverkehr und durch Ärztepfusch in Krankenhäusern. Um diese Toten scherrt sich niemand. Daher sollten Einschränkungen der Freiheiten und Überwachung von unschuldigen Menschen nicht aus Aktionismus geopfert werden...
ralf_maier 04.08.2011
5. Es wäre fatal,
würde Norwegen jetzt auf diese schändliche Tat so reagieren, wie die Vereinigten Staaten nach dem 11. September - mit Repressalien gegen ganze Bevölkerungsgruppen, mit übersteigertem Argwohn und einem grenzenlosen Überwachungsdrang. Norwegens Ministerpräsident Stoltenberg hat vollkommen recht, wenn er sagt, dass Norwegen auf diesen feigen Anschlag nicht durch eine Einschränkung der Freiheitsrechte reagieren darf, dann hätte, so Stoltenberg, am Ende doch Anders Brevik das erreicht, was er wollte. Dieser Anschlag wäre durch kein Antiterrorgesetz der Welt verhinderbar gewesen, keine Vorratsdatenspeicherung hätte ihn verhindert und kein großer Lauschangriff!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.