SPIEGEL ONLINE

Norwegischer Massenmörder Grausamer YouTube-Kreuzritter

Als Kreuzritter sieht sich der Attentäter von Oslo und Utøya in seinem Wahn: Er wolle den "kulturellen Marxismus" besiegen und den "Islam aus Europa vertreiben", erklärte Anders Behring Breivik vor dem Massenmord in einem Video. Als Ritter habe er die Pflicht, grausam zu handeln. 

Hamburg - "2083 - eine europäische Unabhängigkeitserklärung", so steht es auf dem Titelblatt des 1516 Seiten dicken Manifests, in dem Anders Behring Breivik seine krude, rechtsextremistische und islamfeindliche Gedankenwelt offenbart. Dazu prangt ein großes, rotes Kreuz auf dem Papier: Es ist das Kreuz des Templerordens.

Der 32-jährige Norweger, der für den Massenmord mit mindestens 93 Toten auf der Insel Utøya und in Oslo verantwortlich gemacht wird, sieht sich in der Tradition der Kreuzritter. In seiner Kampfschrift, in der er vor "Marxismus und Islamisierung" warnt, bezeichnet er sich selbst als "Justiciar Knight Commander". Breiviks Ausführungen zufolge ist das der höchste Rang bei den Tempelrittern. Sie seien - so der Attentäter - im April 2002 in London wiedergegründet worden. Neun Gründungsmitglieder aus acht Ländern hätten sich zu diesem Zweck versammelt.

Ziel der Organisation, schreibt Breivik, sei es, die "politische und militärische Macht" in sämtlichen westeuropäischen Ländern zu ergreifen, den "politischen und kulturellen Marxismus als politisches Konzept in Europa" zu zerstören und den Islam vom europäischen Kontinent zu verdrängen.

Um den 1312 von Papst Clemens V. aufgelösten Templerorden ranken sich bis heute Mythen und Verschwörungstheorien. Der Orden habe den Heiligen Gral besessen, hieß es etwa. Ebenso wurde behauptet, die Templer hätten die jüdische Bundeslade gefunden.

Der geistliche Ritterorden war um 1118 infolge der Kreuzzüge entstanden und galt lange als militärische Eliteeinheit, geriet aber wegen seines Reichtums ins Visier von Philipp IV. Der französische König hatte erhebliche Finanzprobleme - so wurde der Reichtum des Templerordens den Rittern zum Verhängnis: Philipp beschuldigte die Ritter im Jahr 1307 der Ketzerei, ließ sie einkerkern und ihr Vermögen beschlagnahmen. 1310 wurden Dutzende Templer nahe Paris öffentlich verbrannt. 1312 hob der Papst den Orden auf.

Viele Gruppierungen berufen sich bis heute auf den Templerorden, darunter esoterische Vereine und Logen. Auch Breivik war Mitglied der norwegischen Freimauerloge. Die Organisation hat den Attentäter inzwischen ausgeschlossen. Die Breivik vorgeworfene Tat und die Motive, die den 32-Jährigen offenbar geleitet hätten, seien unvereinbar mit den Werten der Freimaurer, heißt es in einer Erklärung der Organisation, in der sie den Angehörigen der Opfer ihr Beileid erklärt. Für die Freimaurer seien Nächstenliebe und Frieden von zentraler Bedeutung.

"Die Zeit des Dialogs ist vorbei"

Werte und Ideen, die für Anders Behring Breivik sehr fremd sein müssen. In den vergangenen zehn Jahren sei es zu einer "islamischen Kolonialisierung" Europas gekommen, schreibt der Attentäter in seinem Manifest. "Die Zeit des Dialogs ist vorbei. Wir haben dem Frieden eine Chance gegeben. Die Zeit des bewaffneten Widerstands ist gekommen."

In einem Eintrag vom September 2010 erklärt er in dem Pamphlet, dass er zunächst versucht habe, auf illegalem Weg an ein Gewehr zu gelangen. Er sei dafür nach Prag gefahren, es sei aber schwierig gewesen, die richtigen Verbindungsleute zu finden. "Ich muss jetzt legal ein halbautomatisches Gewehr und eine Glock-Pistole kaufen", schreibt Breivik. Er rechne dabei mit keinen allzu großen Schwierigkeiten: Schließlich sei er sieben Jahre lang im Besitz einer Pumpgun gewesen und habe sich nichts zu Schulden kommen lassen. Er habe keinerlei Vorstrafen, "deshalb gibt es keinen Grund, warum die Polizei meinen Antrag ablehnen sollte".

Es gebe Momente, in denen "Grausamkeit notwendig" sei, schreibt Breivik - als Ritter habe man nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, "gegen die Tyrannei des kulturellen Marxismus und multikultureller Eliten" vorzugehen. Die geeignetste Methode seien gewaltsame Angriffe mit begrenzten Kräften, am besten mit ein oder zwei Personen, schreibt Breivik.

Der nach dem Massenmord festgenommene Breivik soll bei Verhören zugegeben haben, das Material im Internet veröffentlicht zu haben, berichtet die Zeitung "VG". Dazu gehöre auch ein Video auf YouTube. Es handelt sich um eine Art Kurzfassung des Manifests. In dem rund zwölfeinhalb Minuten langen und mit dramatischer Musik unterlegten Dokument bezieht sich Breivik immer wieder auf Kreuzritter und andere Kämpfer. So wird etwa ein Bild von Karl Martell gezeigt, der in der Schlacht von Tours und Poitiers im Jahr 732 die aus Spanien eindringenden Mauren besiegte. Karl Martell sei "ein brillanter militärischer und politischer Führer aus Franken" gewesen, heißt es.

"Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein"

Ebenso wird Rodrigo Díaz de Vivar gefeiert. Der auch als El Cid bekannte kastilische Ritter aus der Reconquista-Zeit habe Valencia von den maurisch-almoravidischen Kämpfern befreit. Richard I., König von England im zwölften Jahrhundert, der am dritten Kreuzzug teilgenommen hatte, wird als "berühmtester Kreuzzug-König" erwähnt. Zwischendurch werden regelmäßig Bilder von Kampfszenen aus der Zeit der Kreuzzüge eingeblendet: Ritter auf ihren Pferden, in schweren Rüstungen und mit gezückten Schwertern.

"Wir schauen darauf, was unsere Vorväter in Zeiten großen Aufruhrs taten und stellen fest, dass wir Europa nur retten können, wenn wir die Prinzipien unser Vorfahren annehmen", heißt es in dem Video. Die Prinzipien seien "Stärke, Ehre, Aufopferung und Märtyrertum".

Ohne Gegenwehr würde das westliche Europa vor einer großen Gefahr stehen. Spätestens 2025 würden sich die Hauptstädte zu "Städten von Muslimen" entwickelt haben, bis 2050 drohe dies für die gesamten Länder Westeuropas.

In mehreren Bildern des Videos taucht Breivik selbst auf, dort stilisiert er sich zum Nachfolger der Kreuzritter. Mal trägt er Uniformen, dann eine Kampfschwimmerausrüstung, auf Brusthöhe hängt ein Kreuzritter-Kreuz, darunter ein Totenkopf. In den Händen hält Breivik ein Sturmgewehr. "Vorwärts, christliche Kämpfer", heißt es in dem Video.

"Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein", schreibt Breivik am Ende seines 1516-Seiten-Pamphlets. "Es ist jetzt Freitag, der 22. Juli, 12.51 Uhr." Unter seine "herzlichen Grüße" schreibt er seinen Namen, dazu: "Justiciar Knight Commander, Tempelritter Europa, Tempelritter Norwegen".

Dann bricht er auf zu seinem Massaker: Erst zündet er im Osloer Regierungsviertel eine Bombe. Dann schießt er auf der Ferieninsel Utøya auf Jungen und Mädchen, die an einem Sommerlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF teilnahmen. Mindestens 93 Menschen sterben durch die Gräueltat.

In Breiviks perverser Gedankenwelt muss die Tat ein großer Erfolg sein, in seinem wahnhaften Pamphlet schreibt er an einer Stelle: "Wenn du zum Schlag entschlossen bist, ist es besser, zu viele als zu wenige zu töten, weil du sonst den gewünschten ideologischen Erfolg deines Schlags verringerst."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.