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26. Juli 2011, 09:35 Uhr

Norwegischer Massenmörder

Justiz prüft Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Der Fall Anders Breivik stellt Norwegens Justiz vor Probleme: Die Maximalstrafe für Terrorismus liegt bei 21 Jahren. Um sie zu erhöhen, erwägt die Staatsanwaltschaft eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Der Anwalt des Attentäters versucht, dessen Motive zu erklären.

Hamburg - Norwegens Justiz will den Attentäter Anders Behring Breivik möglicherweise wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht stellen. Dabei könnte ein Paragraf des Strafgesetzbuches zur Anwendung kommen, der unter anderem die Verfolgung von Menschen wegen ihrer politischen Überzeugung umfasst, berichtete die norwegische Zeitung "Aftenposten" an diesem Dienstag unter Berufung auf Staatsanwalt Christian Hatlo.

Der Strafrahmen wäre dabei mit bis zu 30 Jahren Haft höher als bei den maximal 21 Jahren für den bisher von der Justiz verwandten Terror-Paragrafen. Die Verfügung war erst 2008 ins Strafgesetzbuch aufgenommen worden. Auch auf Mord steht in Norwegen eine Höchststrafe von 21 Jahren.

Der rechtsradikale Breivik hatte den Bombenanschlag in Oslo und das Massaker auf der Insel Utøya damit begründet, dass er die sozialdemokratische Partei Norwegens möglichst hart treffen wollte.

Nach norwegischem Recht ist es zudem theoretisch möglich, einen verurteilten Täter auch nach Ablauf der Maximalhaftdauer in Gewahrsam zu behalten. Die sogenannte "Verwahrung" kann verhängt werden, wenn eine Person als Gefahr für die Öffentlichkeit gilt. Alle fünf Jahre muss das Risiko einer Wiederholungstat dann von einem Gericht neu beurteilt werden. Der 32-Jährige soll nun in der Haft von zwei Rechtspsychiatern auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werden. Die Norweger fragen sich: Was ist das für ein Mensch, der mitten in der offenen, liberalen Gesellschaft des skandinavischen Vorzeigelandes ein Massaker anrichtet? Der sich dann lächelnd im Gefangenentransport durch die Hauptstadt fahren lässt - und seinen Termin vor dem Haftrichter am liebsten als Bühne für einen uniformierten Auftritt genutzt hätte. Was geht in Anders Breivik vor?

Sein Anwalt, Geir Lippestad, versuchte im norwegischen Fernsehen so etwas wie eine Erklärung: Sein Mandant nehme die Welt um ihn herum anders wahr, lebe in einer verschrobenen Realität, sagte er. "Er hat eine völlig andere Konzeption der Wirklichkeit als wir anderen Norweger", sagte Lippestad. "Zum Beispiel glaubt er, dass in norwegischen Gefängnissen Folter existiert."

Presse und Publikum ausgeschlossen

Es falle ihm äußerst schwer, die Aussagen seines Mandanten "vernünftig wiederzugeben", erklärt der Verteidiger. Ob er mit fehlender Zurechnungsfähigkeit Breiviks beim anstehenden Gerichtsprozess rechne, wurde der Anwalt gefragt - und antwortete: "Man macht sich bei so einem unvorstellbaren Verbrechen schon Gedanken darüber."

Bei dem Doppelanschlag in Oslo und auf der Ferieninsel Utøya waren am Freitag mindestens 76 Menschen ums Leben gekommen ( die Chronologie der Tat finden Sie hier). Ursprünglich war die Polizei sogar von mehr als 90 Toten ausgegangen, hatte diese Zahl aber am Montag nach unten korrigiert. Kurz nach seiner Festnahme hatte der Täter seine Attentate als "als grausam, aber notwendig" bezeichnet.

Breivik habe ihn gefragt, ob er ihm eine bestimmte Uniform beschaffen könne, so Lippestad. Diese wollte der Attentäter eigentlich bei seiner ersten Vernehmung durch den Haftrichter tragen - nach seinem Willen sollte der Termin öffentlich sein. Doch daraus wurde nichts: Das Gericht verbot kurzfristig die Anwesenheit von Presse und Publikum. Breivik musste in Zivil zu der etwa halbstündigen Vernehmung erscheinen.

Laut seinem Anwalt hat Breivik erwartet, auf dem Weg zum Gericht angegriffen und möglicherweise sogar getötet zu werden. Tatsächlich hatten einige Personen den Gefangenentransport attackiert, einen Anschlag gab es jedoch nicht. Breivik rechnet nach eigenen Angaben nicht damit, das Gefängnis je wieder verlassen zu dürfen.

Breivik sieht sich als moderner Tempelritter

Schon die erste Durchsicht des 1516 Seiten starken Manifests, das der Attentäter in Vorbereitung auf die Anschläge anfertigte, hatte dessen krude, islamfeindliche Gedankenwelt offenbart ( Hintergründe zum Pamphlet des Täters finden Sie hier). Demnach sieht sich der 32-Jährige in der Tradition der Kreuzritter. In der Kampfschrift, die vor "Marxismus und Islamisierung" warnt, bezeichnet er sich selbst als "Justiciar Knight Commander". Breiviks Ausführungen zufolge ist das der höchste Rang bei den Tempelrittern.

Ziel der Organisation sei es, die "politische und militärische Macht" in sämtlichen westeuropäischen Ländern zu ergreifen, den "politischen und kulturellen Marxismus als politisches Konzept in Europa" zu zerstören und den Islam vom europäischen Kontinent zu verdrängen.

Seine Sichtweisen der Welt hat Breivik in einem rund zwölf Minuten langen Video zusammengefasst, das vor den Anschlägen bei YouTube abrufbar gewesen war. In mehreren Bildern des Videos taucht Breivik selbst auf, auch dort stilisiert er sich zum Nachfolger der Kreuzritter. Mal trägt er Uniformen, dann eine Kampfschwimmerausrüstung. Auf Brusthöhe hängt ein Kreuzritter-Kreuz, darunter ein Totenkopf.

Bei seinem Termin vor dem Richter hatte Breivik die Taten zwar gestanden, eine strafrechtliche Verantwortung aber abgelehnt. Nach dem Haftprüfungstermin sagte der zuständige Richter Kim Heger, der Beschuldigte habe angegeben, Europa retten zu wollen. Ihm sei es darum gegangen, ein Signal zu senden, das "nicht missverstanden werden konnte", sagte der Richter. Er habe aber angeblich nicht "so viele Menschen wie möglich töten" wollen ( Informationen zum ersten Gerichtstermin finden Sie hier).

Vater des Attentäters: "Er hätte sich umbringen sollen"

Gegen den Attentäter wurde eine achtwöchige Untersuchungshaft angeordnet - doppelt so lange wie normalerweise maximal üblich. Dies hatten die Ermittler beantragt, um mehr Zeit für die Aufklärung der Tatumstände zu haben. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft soll er in vollkommener Isolation verbringen, um die Ermittlungen der Polizei in dem Fall nicht zu stören. Breivik darf weder Besuch empfangen noch Briefe schreiben oder erhalten. Auch Kontakt zu seiner Familie ist ihm untersagt. In Oslo versammelten sich am Montag rund 200.000 Menschen, um der Opfer des Doppelanschlags zu gedenken ( Informationen zu dem Trauermarsch finden Sie hier).

In einem Interview mit dem norwegischen Fernsehen hat sich der Vater des Attentäters, Jens Breivik, zum ersten Mal ausführlich zu den Taten seines Sohnes geäußert. Beide haben seit rund 16 Jahren keinen Kontakt mehr, Breivik senior lebt als ehemaliger Diplomat in Südfrankreich.

"Es ist schrecklich für mich persönlich und eine Tragödie für das ganze Land. Die ganze Sache tut mir wahnsinnig leid", sagte Brevik, der seit den Vorfällen in Norwegen unter Polizeischutz steht. "Es wäre besser gewesen, wenn er sich auch umgebracht hätte", so Breivik über seinen Sohn, den Attentäter.

jok/dpa/dapd

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