NS-Kriegsverbrechen Staatsanwaltschaft fordert sechs Jahre Haft für Demjanjuk

Im Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk hat die Staatsanwaltschaft eine Haftstrafe von sechs Jahren gefordert. Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen.
Angeklagter John Demjanjuk bei seiner Ankunft im Landgericht München

Angeklagter John Demjanjuk bei seiner Ankunft im Landgericht München

Foto: MICHAELA REHLE/ REUTERS

München - "Wer Schuld in derart hohem Maße auf sich geladen hat, muss bestraft werden, auch noch nach 60 Jahren und in so hohem Alter", sagte Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz in seinem Plädoyer am Dienstag vor dem Landgericht München II. Der 90-jährige Angeklagte sei der Beihilfe zum Mord in 27.900 Fällen überführt, nach Ende der Beweisaufnahme sei erwiesen, dass Demjanjuk 1943 im Vernichtungslager Sobibor am Holocaust mitgewirkt habe.

Zu Demjanjuks Lasten spreche die hohe Opferzahl, begründete Lutz seine Forderung. Zudem seien gleich mehrere Mordmerkmale gegeben. Der gebürtige Ukrainer habe aus niederen Beweggründen an einer grausamen Tötungsart teilgenommen und auch heimtückisch gehandelt. "Der Angeklagte hätte sich dem deutschen Dienst entziehen können." Es habe viele solcher Fluchtversuche von Kriegsgefangenen gegeben. Stattdessen habe Demjanjuk freiwillig und aus Überzeugung an der Vernichtung von Juden mitgewirkt.

Je größer das Verbrechen, desto mehr müsse man sich anstrengen, nicht daran beteiligt zu sein - auch wenn es Risiken bei der Flucht gegeben hätte. Das Mitmachen sei der bequemste Weg gewesen, sagte Lutz. Für Demjanjuk spreche, dass er sich nicht selbst gemeldet und keine Entscheidungsbefugnisse gehabt habe.

Der Staatsanwalt blieb mit seiner Strafforderung deutlich unter der möglichen Höchststrafe von 15 Jahren. Er begründete dies damit, dass Demjanjuk in einem Verfahren in Israel in den achtziger Jahren zum Tode verurteilt und später wieder freigesprochen wurde. Die damals verbüßte Haftstrafe von mehr als acht Jahren sei "ganz erheblich" entlastend zu berücksichtigen gewesen, sagte Lutz.

Der Prozess gegen den gebürtigen Ukrainer hatte für weltweites Aufsehen gesorgt. Demjanjuk ist der erste der sogenannten Trawniki, der in Deutschland vor Gericht gestellt wurde. Als Trawniki wurden osteuropäische Kriegsgefangene bezeichnet, die als KZ-Wächter zum Einsatz kamen. In Sobibor, wo laut Anklage insgesamt mindestens 250.000 Personen umgebracht wurden, dienten etwa 20 bis 30 SS-Männer und bis zu 150 Trawniki - überwiegend ukrainische Kriegsgefangene wie Demjanjuk.

Der einst meistgesuchte Kriegsverbrecher war im Mai 2009 von den USA ausgeliefert worden und sitzt seitdem in München in Untersuchungshaft. Als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor im heutigen Polen soll er 1943, mit einem Gewehr bewaffnet, Männer, Frauen und Kinder in die Gaskammern getrieben haben.

Der 90-Jährige bestreitet die Taten. Er sieht sich selbst als Opfer der Nazis, denen er dienen musste, um nicht selbst getötet zu werden. Die Verteidigung betont, dass keine konkreten Beweise für die Taten vorliegen.

ala/dapd/AFP/Reuters
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