NS-Verbrechen Staatsanwaltschaft klagt früheren KZ-Wächter an

Es könnte einer der letzten großen Kriegsverbrecherprozesse werden: Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat Anklage gegen einen 88-jährigen ehemaligen KZ-Wächter erhoben. Sie wirft ihm Beihilfe zum Mord an 430.000 Juden vor.

Ehemaliges Vernichtungslager Belzec: 430.000 Juden ermordet
Corbis

Ehemaliges Vernichtungslager Belzec: 430.000 Juden ermordet


Frankfurt/Main - Der gebürtige Wolga-Deutsche Samuel K. wird beschuldigt, als Wachmann im Vernichtungslager Belzec in Südostpolen von Januar 1942 bis Juli 1943 am Massenmord beteiligt gewesen zu sein, heißt es in der Anklageschrift der Dortmunder Staatsanwaltschaft. Außerdem wird dem heute bei Bonn lebenden 88-Jährigen vorgeworfen, zehn Juden eigenhändig erschossen zu haben.

Der Angeklagte hatte zwar gegenüber den Ermittlern eingeräumt, als Wachmann im Vernichtungslager Belzec eingesetzt gewesen zu sein. Eine konkrete Beteiligung an den Tötungshandlungen bestritt er allerdings. Das zuständige Landgericht Bonn muss nun entscheiden, ob es die Anklage zur Hauptverhandlung zulässt. Ein Prozesstermin ist daher bislang noch nicht bestimmt. Die Staatsanwaltschaft hatte Anklage beim Jugendschwurgericht erhoben, weil der Beschuldigte zu Beginn des angegebenen Tatzeitraums noch Heranwachsender war.

In den Gaskammern von Belzec wurden über 430.000 Juden ermordet. Die Opfer wurden mit Zügen in Viehwaggons zum Vernichtungslager gebracht. Unter dem Vorwand, sie müssten vor ihrem Arbeitseinsatz noch entlaust und gebadet werden, trieb man sie zum Vergasungsgebäude und schloss sie in Kammern ein. Die Abgase eines Verbrennungsmotors töteten die dort eingeschlossenen Menschen nach etwa 15 bis 20 Minuten.

Erschießung angeordnet

Im Mai/Juni 1943 soll Samuel K. laut Anklageschrift die Waffe eines anderen Wachmanns genommen und acht bereits verwundete Menschen erschossen haben. Die Lagerleitung hatte die Erschießung der späteren Opfer angeordnet. Sie mussten sich mit dem Gesicht nach unten in einen zuvor ausgehobenen Graben legen.

Im Juli 1943 soll der Angeklagte zudem zwei weitere Menschen eigenhändig erschossen haben, die aus einem für das Vernichtungslager bestimmten Zug geflohen und dann von Wachmännern aufgegriffen worden waren. K. soll im Januar 1942 vom Ausbildungslager Trawniki zum Vernichtungslager Belzec zwangsversetzt und dort bis Juli 1943 für die Wärtertätigkeit eingesetzt worden sein.

In der Vergangenheit hat der Mann laut Staatsanwaltschaft mehrfach als Zeuge in anderen Verfahren ausgesagt, war aber nie selbst ins Visier geraten. Erst zum derzeit in München stattfindenden Kriegsverbrecherprozess gegen John Demjanjuk, wo er als Zeuge aussagen sollte, sei sein Name wieder aufgetaucht.

Der gebürtige Ukrainer Demjanjuk ist wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 jüdischen Männern, Frauen und Kindern im Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen angeklagt. Er bestreitet alle Vorwürfe und behauptet, er sei bis 1944 lediglich Kriegsgefangener gewesen. Auch Demjanjuk wurde im Lager Trawniki ausgebildet.

jdl/apn



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Vanagas 21.10.2009
1. Warum erst jetzt?
Es gibt nach so langer Zeit kann es keine Gerechtigkeit mehr geben. Das ist die Gnade eines langen Leben dieser Drecksäcke!
neonknight_ger 21.10.2009
2.
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat den Weg für den Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk frei gemacht. Die Karlsruher Richter wiesen zwei Verfassungsbeschwerden ab. Wie soll generell mit alten, mutmaßlichen NS-Tätern umgegangen werden?
Mord verjährt nicht, und es gibt auch keinen Grund, jemand nicht vor ein Gericht zu stellen, nur weil er alt ist. Allenfalls, wenn seine Gesundheit dies nicht mehr zulässt. Der Fall Demjanjuk weist aber eine besondere Note auf: Demjanjuk war kein überzeugter Nazi, sondern kämpfte zunächst in der Roten Armee gegen sie, geriet aber in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Zustände in den Gefangenenlagern beiderseits der Ostfront waren katastrophal: Die Wehrmacht hatte keine Anstalten getroffen, die von der Nazi-Propaganda als Untermenschen hingestellten Gefangenenmassen zu Beginn von Operation Barbarossa zu ernähren; Hunderttausende starben. Demjanjuk kann sich also viel mehr als andere NS-Täter darauf berufen, dass sein Leben in Gefahr gewesen ist. Bei anderen Schurken, vornehmlich solchen deutscher Herkunft, hat die bundesdeutsche Justiz aber noch ganz andere Ausflüchte gelten lassen. Es hat für mich einen äußerst bitteren Beigeschmack, wenn die bundesdeutsche Justiz jetzt ausgerechnet an einem NS-Opfer, das, um die eigene Haut zu retten, zum NS-Täter wurde, die Versäumnisse gegenüber anderen Tätern nachholt.
meinnameistschallundrauch 21.10.2009
3.
Man muss differenzieren. Deutschland war voll von kleinen Nazis. Dagegen konnte man im Nachhinein nichts machen und man musste diese Menschen wieder in unsere Demokratie einbinden. Das ist ein Verdienst von Konrad Adenauer auch wenn das, von einem moralischen Standpunkt aus, falsch erscheint. Wenn es sich allerdings um Massenmörder handelt und danach sieht es bei Demjanjuk ja aus, dann gilt: Ab in den Knast, abschliessen und Schlüssel wegwerfen. Was denn sonst?
ntholeboha 21.10.2009
4. Gerechtigkeit
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat den Weg für den Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk frei gemacht. Die Karlsruher Richter wiesen zwei Verfassungsbeschwerden ab. Wie soll generell mit alten, mutmaßlichen NS-Tätern umgegangen werden?
Es muss Gerechtigkeit fuer die Opfer und deren Angehoerige geben und dies auch dann, wenn schon so lange Zeit inzwischen vergangen ist. Kannten die Massenmoerder etwa das Wort Gnade? Es ist jeder vor Gericht zu bringen, der auch noch nach Jahrzehnten als mutmasslicher NS-Verbrecher greifbar ist; Alter, Gebrechen und sonstige Ach-und-weh-Rufe sind voellig nebensaechlich.
spiegel-hai 21.10.2009
5.
Zitat von sysopDas Bundesverfassungsgericht hat den Weg für den Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Verbrecher John Demjanjuk frei gemacht. Die Karlsruher Richter wiesen zwei Verfassungsbeschwerden ab. Wie soll generell mit alten, mutmaßlichen NS-Tätern umgegangen werden?
"Gnade" kann doch nur aufgrund festgestellter Schuld ergehen, im Zusammenhang möglicher Unschuld wäre das Quatsch. Das gleiche gilt für den Begriff "Gerechtigkeit". Einem Unschuldigen kann man nur die Gerechtigkeit des Freispruchs zukommen lassen. Dem gerichtlich festgestellten Verbrecher könnte man die Gnade eines Verzichts auf die Vollstreckung der Strafe erweisen. Beides setzt aber die gerichtliche Aufarbeitung voraus. Ich bin sehr dafür, sämtliche noch bestehenden Verdachtsfälle gerichtlich aufzuarbeiten. Das ist die Gesellschaft den Opfern, sich selbst, den "Verdächtigen" in welchem Verfahrensstand auch immer und - zu allerletzt - auch den Familien derselben, schuldig.
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